1 ...7 8 9 11 12 13 ...17 So oft es seine Zeit zuließ, saß er bei abgedunkeltem Licht vor den Bildschirmen des Simulators und ignorierte solche kleingeistigen Vorschriften mit dem Grinsen eines Zwölfjährigen.
Und dass er dabei Turnschuhe und T-Shirt trug und die Landschaft vor sich nur auf der Oberfläche eines LED-Monitors sah, war nach ein paar Minuten vergessen.
Dann kam sie manchmal wieder, diese kindliche Begeisterung fürs Fliegen, die im Alltag eines Berufspiloten leider schon lange keinen Platz mehr hatte.
Und sie erlaubte ihm, Manöver zu probieren, die ihn im richtigen Leben augenblicklich den Job gekostet hätten.
Auf Flugplätzen zu landen, auf denen das normalerweise mit einer Boing 777 unmöglich war. Und im Tiefflug über Städte und Landschaften zu fliegen, nur um die Sicht zu genießen und die Flugkontrolleure vor ihren Bildschirmen in die Verzweiflung zu treiben.
Manchmal landete er nach solchen Flügen auf dem schmalen Privatflughafen neben seiner Stadt. Die Landebahn war laut Zulassungsvorschrift 700 Meter zu kurz für die Boing 777. Aber wenn er die Aufsetzgeschwindigkeit bis in den kritischen Bereich reduzierte und den Touchdown optimal traf, brauchte er oft nur ein kleines Stück der Wiese hinter der Bahn.
Und er stellte sich vor, wie er nach dem Abstellen der Triebwerke aus der Maschine stieg, sich unter den leicht verstörten Blicken seiner Passagiere und der Crew auf sein Fahrrad setzte und in zehn Minuten lächelnd nach Hause radelte.
Eine Aktion die, wie er fand, zu seinem Letztflug als Berufspilot passen könnte.
Und die, falls er sie schon vorher in die Tat umsetzte, den vorhergehenden Flug automatisch zu seinem Letztflug machen würde.
Die ihn schlagartig auf die Titelseiten aller Tageszeitungen brachte, und die die Autobiografie von Kapitän Mohamed Faizal todsicher an die Spitze der internationalen Bestsellerlisten katapultieren würde.
Die der Flugkapitän Faizal den er kannte, aber sicher nie in die Tat umsetzte.
Weil sie trotz der Abenteuerlust, die er selbst nach mehr als zwanzig Routinejahren noch immer spürte und trotz der Aufmerksamkeit, die sie ihm einbrachte, gleichzeitig seinen Traum vom Fliegen und die Suche nach neuen Herausforderungen schlagartig beenden würde.
Und diese Suche beschäftigte ihn in letzter Zeit immer häufiger.
Mit seinen mittlerweile 53 Jahren war ihm klar, dass neuen Chancen und Perspektiven für ihn dünn gesät waren.
Das Ende seiner Karriere als aktiver Berufspilot kam unaufhaltsam näher, das wusste er nur zu genau.
Und mit etwas Glück würde er bei der Malaysien-Airlines die Chance auf einen Schreibtischjob in Ausbildung, Einkauf oder einer anderen Abteilung bekommen, um dort seine Erfahrung einzubringen und sein Gnadenbrot zu erhalten.
Eine Aussicht, die ihm ein gequältes Lächeln und eine Prise Resignation einbrachte.
Mit der er sich aber zwangsläufig schneller abfinden musste, als ihm lieb war ...
»Captain Faizal?«
Die Stimme die in aus seinen Gedanken riss war weiblich und angenehm dunkel.
Der Artikel im Star und die folgenden Überlegungen hatten die Aufmerksamkeit des Flugkapitäns dermaßen in Anspruch genommen, dass er die Person die ihm auf der anderen Seite des weiß gedeckten Frühstückstisches gegenübergetreten war, erst jetzt bemerkte.
Der erste Gedanke, der ihm bei der unerwarteten Ansprache durchs Hirn schoss, war der, an eine Kellnerin oder an ein weibliches Besatzungsmitglied, dass ebenfalls nicht in der Stimmung war sich schlafen zu legen.
Aber als er den Kopf hob, waren beide Vermutungen auf den ersten Blick widerlegt und sein Aufmerksamkeitsdefizit endete abrupt.
»Ja bitte ... ?«
Die Gestalt, die ihm gegenüberstand, war unübersehbar weiblich, soviel stand fest.
Aber nach dieser Erkenntnis fiel ihm die Kategorisierung schon wesentlich schwerer.
Mit ihrem halblangen brünetten Haar wirkte sie auf den ersten Blick zumindest südländisch.
Ihre dunklen mandelförmigen Augen, eine rundliche Gesichtsform und typisch betonte Wangenknochen über einer schmalen Mundpartie ließen auf einen großen Teil asiatischer Vorfahren schließen.
Aber die Körpergröße von geschätzten 178 Zentimetern und die selbstsichere Haltung und Ansprache passten nicht zu dieser Einschätzung.
Und auch ihre sehr wohlwollend dosierte Oberweite wirkte eher westlich als asiatisch.
Aber Körbchengröße, das wusste er, war in diesen Zeiten auch für Asiatinnen weniger eine Frage der Gene als vielmehr von Bankkonto und Schönheitschirurg.
Auf den ersten Blick hätte er ihr Alter auf Ende dreißig geschätzt, bei genauerem Hinsehen eventuell auch auf Mitte 40.
Das waagerecht grauweiß gestreifte Kleid, das sie trug und dass die Umrisse ihrer schlanken Figur mehr betonte als verdeckte und die kleine wildlederne Handtasche, die sie zwischen den Händen hielt, wirkten auf ihn eher wie überlegt dosierte Abendgarderobe als passend für das Frühstücksbuffet.
Da sie ihn zielsicher mit Namen und Dienstgrad angesprochen hatte, konnte er eine Verwechslung ausschließen. Aber sein Hirn lieferte in der Kürze der Zeit keine plausible Erklärung für das, was seine Augen sahen.
Ein Zustand der ihn schon von Berufswegen verunsicherte.
Sie verstand es, seine Neugier zu steigern, indem sie ihm drei Sekunden zur Betrachtung und zum Nachdenken ließ.
»Darf ich mich für einen Moment zu Ihnen setzen?«
Ihr absolut perfektes und dialektfreies Englisch holte ihn in die Wirklichkeit zurück.
»Aber sicher doch ... «
Mit einer einladenden Handbewegung deutete er auf den freien Stuhl vor ihr und bemühte sich seine Unsicherheit zu verbergen.
»Sie kennen mich?«
»Na ja ...«, lächelte sie, bei dem Versuch sich trotz des eng geschnittenen Kleides möglichst elegant zu setzen.
»Kennen wäre zu viel gesagt.«
Selbstsicher platzierte sie ihre Handtasche vor sich auf den Tisch und deutete auf seine Uniformjacke, die über der Lehne des Stuhls neben ihm hing.
»Ihr Name steht ja auf ihrem Namensschild. Darüber ist das Abzeichen der Malaysia- Airlines, und wer sich so wie ich nebenberuflich etwas mit der Fliegerei beschäftigt der hat gelernt, dass die vier Streifen an Ihren Ärmeln für den Rang eines Flugkapitäns stehen. Also war das mit der richtigen Anrede nicht so schwierig.«
»Okay .....«
Während er im Geiste alle denkbaren Gründe für diese ungewöhnliche Ansprache durchging, hatte er Mühe, seine Augen daran zu hindern den Blick auf ihr offenherziges Dekolleté zu genießen.
Der oberste waagerechte Streifen ihres Kleides der ihren Busen umschloss, war weiß und betonte den Kontrast zu ihrer eher unasiatischen weil makellos gebräunten Haut. Und der weite Bogen den er dabei nach vorne ausbildete, war geeignet jede männliche Konzentrationsfähigkeit an ihre Grenze zu bringen.
Er spürte, dass eine zweisekündige Unterbrechung seiner Antwort ihrerseits noch als bewundernde Denkarbeit interpretiert werden konnte. Ab vier Sekunden würde er wirken wie ein Trottel.
»Sie sagten, Sie beschäftigen sich nebenberuflich mit Fliegerei?«
»Na ja« sie behielt ihr Lächeln bei und winkte mit einer leichten Handbewegung ab.
»Beschäftigen ist eigentlich schon zu viel gesagt. Als Passagier und Laie bewundere ich hauptsächlich die Technik und die Präzision mit der wir uns heutzutage von A nach B bewegen.
Ich weiß natürlich, dass das meiste heute von Computern erledigt wird. Und dass das Fliegen von großen Passagiermaschinen nicht mehr mit der Fliegerei von vor 40 oder 50 Jahren zu vergleichen ist. Aber trotzdem sitzen da ja noch Menschen im Cockpit, die diese Technik beherrschen und die in jeder Situation die richtigen Entscheidungen treffen, nicht wahr?«
Sie lehnte sich leicht zurück, ohne den Blickkontakt zu verlieren.
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