Und dass der nächste Schritt jetzt nicht mehr in seiner Hand lag.
Mit geschlossenen Augen registrierte er die erneute Bestätigung des Lotsen und erwiderte dessen routinierten Abschiedsgruß.
Er lehnte sich zurück und versuchte vergeblich, sich zu entspannen.
Das grellrot blinkende Master-Caution-Light in der Mitte der Cockpitanzeigen und das dazugehörige und nervtötende akustische Alarmsignal riss ihn Sekunden später aus oberflächlicher Ruhe.
Ein kurzer Blick auf die Instrumententafel signalisierte ihm und seinem ersten Offizier den Abfall des Kabinendrucks und der entsprechenden Sauerstoffversorgung.
Faizal schaute nach recht hinüber zum Platz neben sich und versuchte, dabei betont unaufgeregt zu wirken.
Ihm war klar, dass dies der erste offizielle Flug seines 27-jährigen Kollegen war, in dem er ohne Ausbilder als verantwortlicher Copilot fungierte.
Und dass er jede Anweisung des erfahrenen Kapitäns neben sich fraglos befolgen würde.
»Sauerstoffmaske.«
Faizal selbst griff ebenfalls nach der Maske an der Außenseite des Sitzes und beobachtete dabei das routinierte Aufsetzen und Befestigen der Notversorgung durch seinen Copiloten.
Auffordernd hob er die Rechte und suchte den Blickkontakt zu ihm.
First Officer Farruk Habbib erwiderte seinen Blick und hob fragend die Augenbrauen. Für einen Moment sah es so aus, als versuchte er, eine Frage zu formulieren und den Mund zu öffnen um sie zu stellen.
Aber schon der zweite Atemzug, den er mit Hilfe der Sauerstoffmaske tat, reduzierte die Tätigkeit seines Großhirns auf das Notwendigste und beendete diesen Versuch.
Die angehobenen Augenbrauen sanken kraftlos wieder nach unten und die umliegenden Gesichtszüge entspannten sich.
Der fragende Blick in das Gesicht seines Vorgesetzten verlor den Fokus und die Augenlider schlossen sich widerstandslos.
Kapitän Faizal löste die Sicherheitsgurte und erhob sich aus dem Pilotensitz.
Er widerstand der Versuchung den Copiloten anzustoßen, um sich zu vergewissern, dass dessen Bewusstlosigkeit wirklich tief genug war.
Die nächsten Schritte auf seiner Liste mussten schnell folgen, das war klar.
Und er erledigte sie mit einstudierter Präzision.
Mit wenigen Handgriffen zog er einige Sicherungen auf den verschiedenen Tafeln im Cockpit.
Die Notizen, die er dazu aus seiner Jackentasche geholt und entfaltet hatte, dienten ihm dabei nur zur Bestätigung.
Die Positionen der einzelnen Schalter kannte er nach vielen Übungsdurchgängen auswendig.
In wenigen Sekunden hatte er diese Aufgabe erledigt und nahm wieder seinen Sitzplatz im Cockpit ein.
Als Nächstes quittierte er das nervtötende Master-Caution-Signal.
Augenblicklich erlosch die unübersehbar rot blinkende Anzeige auf der Instrumententafel, deren Auslösung den Blutdruck jedes noch so routinierten Flugzeugführers anhob, und es herrschte wieder angenehme Ruhe im Cockpit.
Mit unaufgeregter Hand betätigte er den Schalter zur Aktivierung der Kabinendurchsage.
Seine Stimme wirkte sanft und entspannt, als er Passagiere und Kabinencrew aufforderte, die Ruhe zu bewahren und die Sauerstoffmasken zu benutzen, die aus den entsprechenden Fächern in der Kabinendecke gefallen waren.
Wenn er den Aussagen seiner neuen Freunde vertrauen konnte, gab es auf der anderen Seite der gepanzerten Cockpittür zwar schon niemanden mehr der diese Durchsage hören würde, aber er erledigte sie trotzdem.
Zur eigenen Beruhigung und weil dies zu den Pflichten den Passagieren und seiner Crew gegenüber gehörte.
Auch wenn mit Sicherheit die wenigsten von ihnen mit seiner geplanten Flugplanänderung einverstanden gewesen wären.
Einer Änderung, die er selbst vor vier Monaten noch für unmöglich gehalten hätte.
Die ihm aber, je länger er sich damit beschäftigte, immer besser gefiel.
Fast auf den Tag genau vier Monate waren seit der ersten Begegnung mit Suzann vergangen. Und diese kurze Zeit hatte gereicht, um in seinem Leben alles in Frage zu stellen, was er bisher für unumstößlich gehalten hatte.
Er war natürlich alt genug, um zu wissen, dass Sex alleine keine ausreichende Grundlage für eine dauerhafte Beziehung war.
Aber auf der anderen Seite hatte er sich nie eine funktionierende Partnerschaft ohne befriedigenden Sex vorstellen können.
Und zu befriedigendem Sex gehörte für ihn auch, eine Partnerin zu haben, die Spaß und Lust empfand und die keine Hemmungen hatte das zu zeigen.
Sex als eheliche Pflichtübung hatte er lange genug erlebt.
Dabei hatte er oft an den Anfang seiner Ehe zurückgedacht und daran, wie es in der ersten gemeinsamen Zeit war.
In der Fase des Kennenlernens und des vorsichtigen Ausprobierens und Entdeckens.
An den anfänglichen aufregenden Spaß am Verbotenen und an zu zweit empfundene Lust und Befriedigung.
Irgendwann im Lauf der ersten Ehejahre hatten sie den Spaß und die gemeinsame Lust aus den Augen verloren. Und für ihn war nur gelegentliche körperliche Befriedigung und für sie hauptsächlich eheliche Pflichterfüllung geblieben.
Und als dann später die Kinder da waren, kam ihnen auch das abhanden.
Die letzten Male, die er mit seiner Frau geschlafen hatte, lagen Monate auseinander. Und er war sich dabei jedes Mal vorgekommen wie ein bettelnder Hund, dem man nach langem Jaulen mal wieder einen Knochen hinwirft. In der Hoffnung, dass er für die nächste Zeit Ruhe gibt.
Irgendwann war die Erniedrigung, die er dabei empfand, in Abneigung und Wut umgeschlagen.
Und sie hatte ihm als Rechtfertigung gedient, seine Bedürfnisse an anderer Stelle zu befriedigen.
Das anfänglich schlechte Gewissen hatte sich rasch gelegt und wieder entdeckter Jagdinstinkt hatte die Oberhand gewonnen.
Allerdings war es wohl auch dieser Instinkt, der dafür sorgte, dass er nach erfolgreicher Jagd und Befriedigung seiner Bedürfnisse meist schnell das Interesse an der Beute verlor.
Und der dafür verantwortlich war, dass die Suche nach neuer Herausforderung und die Aussicht auf frische Beute reizvoller war, als der mühsame Versuch eine dauerhafte Beziehung aufzubauen.
Bei Suzann war das seit Jahren zum ersten Mal wieder anders.
Sie gab ihm das Empfinden gewollt und begehrt zu werden. Ein Gefühl, dass er lange Zeit vermisst hatte und das er genoss.
Und das sich zusammen mit lustvollem und prickelndem Sex perfekt ergänzte.
Eine Mischung, die sie in den meist wenigen Stunden, die sie gemeinsam verbrachten, zelebrierten wie ein Festmenü.
Und das in krassem Gegensatz zu den Fast Food stand, das er in den letzten Jahren erlebt hatte.
Bei ihr hatte er seit langer Zeit zum ersten Mal wieder das Gefühl angekommen zu sein und einen neuen Lebensabschnitt vor sich zu haben.
Mit einer Partnerin, die ähnlich dachte und empfand. Und die seine Hand festhielt, um mit ihm in die gleiche Richtung zu gehen.
Durch Suzann hatte er auch Shin Tae-Yong kennengelernt.
Einen ihrer koreanischen Kunden der als Geschäftsmann, wie er es nannte, Anlageberater für viele vermögende Privatpersonen war und sie bei weltweiten Transaktionen beriet.
Suzann hatte bei einem geschäftlichen Termin erwähnt, dass ihr Freund Pilot der Malaysia-Airline war.
Und Shin hatte sie nach der Besprechung beiseitegenommen und gefragt, ob er sie zusammen mit ihrem Freund zum Abendessen einladen dürfte.
Ein paar Tage später hatten sie sich im Zixia-Gate getroffen, einem der nobelsten koreanischen Restaurants der Stadt.
Shin war im edlen schwarzen Zweireiher erschienen und hatte selbstsicher und entspannt gewirkt.
Mit seinem typisch asiatischen Kurzhaarschnitt und der perfekten Rasur wirkte er wie der Prototyp des fernöstlichen Geschäftsmanns und hätte in jedem Hollywoodfilm problemlos den freundlichen Verkäufer von Nobelkarossen oder den chinesischen Drogenbaron besetzt.
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