Dagmar Isabell Schmidbauer - Marionette des Teufels

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So hatte sich Kriminal-Hauptkommissar Berthold Brauser die letzten Wochen vor seiner Pensionierung nicht vorgestellt: Als die Leiche der Sopranistin Sophia Weberknecht in ihrer Wohnung gefunden wird, beginnt für ihn und sein Team eine nervenzerreißende Jagd nach ihrem Mörder. Jeder im Umkreis kommt als Täter infrage – besonders die Mitglieder des Passauer Opern-Ensembles wissen offensichtlich mehr, als sie bereit sind zuzugeben. Und dann ist da ja auch noch der rätselhafte Tod von Klaus Wallenstein, der schlimm zugerichtet in seinem Auto auf einem Parkplatz gefunden wird. Dem Hauptkommissar wird bald klar, dass beide Fälle zusammenhängen. Aber das Wie und Warum soll zur größten Herausforderung in Brausers Berufsleben werden – in die er auch noch persönlich verwickelt wird.

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Doch der Kommissar drehte erst einmal eine Runde und sah sich die Spielgeräte näher an, bevor er sich ebenfalls auf die Bank setzte. Es war alles in einem Topzustand. „Den meisten Kommunen fehlt für so etwas das Geld“, bemerkte er nach einem weiteren Blick.

„Den haben die Weberknechts bauen lassen. Für ihre Tochter Sophia. Sie wuchs als Einzelkind auf und war der ganze Stolz der Eltern. Und damit sie mit anderen zusammenspielen konnte, baute der Vater kurzerhand diesen Spielplatz. Er war immer ein Magnet für Mütter und Kinder aus der ganzen Gegend und er wird jedes Jahr im Frühjahr überholt.“ Brauser holte ein Foto von Sophia aus seiner Jackentasche und hielt es Anne Horwitz entgegen. „Dann kennen Sie Sophia Weberknecht gut?“

„Ja, klar! Wir kennen uns aus dem Sandkasten, waren später zusammen auf dem Gymnasium. Erst seit ich geheiratet habe und die beiden Jungs da sind, sehen wir uns kaum noch. Sie machte Karriere und ich bin Hausfrau. Schade, eigentlich. Es war immer ziemlich praktisch für mich, mit Sophia befreundet zu sein. Warum fragen Sie?“

„Sophia Weberknecht ist tot.“

Die eben noch lächelnde junge Frau schlug beide Hände vor den Mund und sah an Brauser vorbei, um ihm nicht ins Gesicht blicken zu müssen. „Sie ist tot“, flüsterte sie hinter ihren Händen und schüttelte langsam den Kopf. „Wie, ich meine, woran ist sie gestorben?“ Sie blickte dem Kommissar direkt in die Augen.

„Sie wurde in ihrer Wohnung erschlagen.“

„Das ist ja schrecklich!“

Brauser hob bedauernd die Schultern und fragte: „Wann haben Sie sie denn zum letzten Mal gesehen?“

Anne sah zum Sandkasten hinüber, bevor sie antwortete.

„Oh, das ist lange her. Sie kommt ja auch nur noch ganz selten nach Hause und bei ihrem letzten Besuch war ich gerade im Krankenhaus zur Entbindung von Philipp.“

Mit einem schnellen Blick vergewisserte sie sich, dass es dem Baby gut ging, bevor sie sich wieder dem Kommissar zuwandte.

„Warum?“ Sie legte ihren ganzen Schmerz, ihre ganze Fassungslosigkeit in dieses eine Wort.

Brauser schüttelte voller Bedauern seinen Kopf und ließ ihr Zeit, bevor er weiterfragte. „Wie war Sophia? Erzählen Sie mir von ihr.“

„Sophia? Die ist eine richtige Träumerin. Na ja, sie kann sich das ja auch leisten. Ich meine, ihre Eltern haben richtig Kohle, und wenn sie etwas wollte, dann bekam sie das auch. Meistens.“

„Meistens?“

„Ja, wirklich. Außer den Roller, der war ihrem Vater einfach zu gefährlich, und ihre Mutter hat sie ja ohnehin immer gefahren. Tja, seit ich selbst Kinder habe, verstehe ich das auch viel besser.“

„Hatte Sophia viele Freunde?“

„Oh ja, sie war schon immer sehr umschwärmt. Die Jungs lagen ihr zu Füßen, so wie heute die Männer, aber Sophia ist sehr wählerisch.“ Die junge Frau begann auf ihrem linken Daumennagel herumzubeißen und dabei schien sie in Gedanken um Jahre zurückzureisen.

„Sie haben eben gesagt, dass es recht praktisch für Sie war, mit ihr befreundet zu sein, wie haben Sie das gemeint?“ Sie wollte schon zu einer Antwort ansetzen, als der kleine Max mit viel Geschrei zu ihnen herübergelaufen kam. Anscheinend langweilte ihn das Rutschen.

„Schau mal, Mäxchen, ich hab deinen Eimer dabei!“ Anne Horwitz bückte sich und holte aus dem unteren Ablagekorb des Kinderwagens einen kleinen Eimer mit Schaufel und Sieb. Der Kommissar sah ihm lächelnd hinterher, als er zufrieden davontrottete.

Anne Horwitz fuhr fort. „Sophia ist das einzige Kind der Weberknechts und sie wollte nicht immer so, wie die Eltern. Darum haben sie mich oft mitgenommen, morgens in die Schule, abends zum Essengehen oder ins Kino. Natürlich habe ich mich immer besonders gut benommen.“ Lächelnd strich sie sich eine Strähne ihrer dunklen Haare aus dem Gesicht. „Einmal durfte ich sogar mit in den Urlaub fahren, nach Sirmione, das ist ein kleines mittelalterliches Städtchen auf einer Halbinsel im Gardasee.“ Die junge Mutter blickte in die Ferne, als läge dort der Gardasee und sie könne mit ihrem Willen die Zeit von damals zurückbringen. Brauser fand sie sehr hübsch in diesem Moment. „Die hatten dort sogar ein Thermalbad, so was habe ich vorher noch nie betreten, und unser Zimmer erst! Wir wohnten in einem ganz teuren Hotel, es war der schönste Urlaub meines Lebens. Sophia hat ständig rumgenörgelt, sie kannte es nicht anders.“

„Und dann wollte sie Sängerin werden?“ Brauser dachte an die Bilder, die im Wohnzimmer hingen. Von der Lulu, der Lucia und der Violetta.

„Ja, was sollte sie denn auch sonst machen?“

Diesen Einwurf verstand er nicht. „Wie meinen Sie das?“

„Na ja, wir gingen zusammen aufs Gymnasium, ich lernte mit ihr und half ihr, vor allem in Mathe, was ich konnte. Aber sie begriff es einfach nicht und sie war wohl auch zu faul, weil es ihr keinen Spaß machte. Nur beim Tanzen und Musizieren, da war sie eifrig. Und wenn sie sang. Ihre Mutter ging mit ihr zum Vorsingen, die Chance auf eine Karriere als gefeierter Bühnenstar hat ihren Vater dann schnell überzeugt. Bestimmt hatte er sich insgeheim ausgemalt, mit der schönen Tochter im Blitzlichtgewitter der Journalistenkameras zu stehen, der Stolz in Person. Nach dem Abi hat sie dann in Nürnberg am Meistersingerkonservatorium studiert. Sie hat wirklich Talent und sogar schon einen Preis gewonnen. Aber dafür hat sie auch wie eine Besessene geübt. Ja, dafür schon.“

Während Anne Horwitz den schulischen Werdegang von Sophia Weberknecht schilderte, war der Kommissar stutzig geworden, denn etwas kam ihm seltsam vor, doch das Klingeln seines Handys unterbrach jede weitere Überlegung. Er stand auf und ging einige Schritte davon, bevor er das Gespräch annahm. „Chef, kommen Sie heute noch ins Büro?“

Brauser sah auf seine Uhr. „Warum, gibt’s was Neues?“

„Und ob! Wallensteins Waffe wurde gefunden.“

„Mensch, Hollermann, können Sie sich nicht korrekt ausdrücken? Die Tatwaffe im Mordfall Wallenstein wurde gefunden, so muss das heißen.“

„Ja, Chef, die Tatwaffe im Mordfall Wallenstein wurde gefunden, und es handelt sich um Wallensteins Waffe.“

***

Hauptkommissar Berthold Brauser hatte auf der A3 in Richtung Passau ordentlich Gas gegeben. Endlich etwas, auf das er aufbauen konnte. Endlich eine neue Spur in diesem vertrackten Fall. Er musste sich schleunigst ein Bild davon machen.

Die Waffe, mit der Wallenstein erschossen worden war, hatte also ihm selbst gehört. Aber warum zum Teufel hatte er sie aus der Hand gegeben und sich damit erschießen lassen, statt sich zu wehren? Nein, halt, er war ja schon tot gewesen, als er erschossen wurde. Aber vorher, warum hatte er sich vorher nicht gewehrt? Wie hatte es überhaupt so weit kommen können, wo er doch bewaffnet gewesen war? Wieder wurde Brauser klar, dass er immer noch im Dunkeln tappte.

Es gab noch immer keinen Anhaltspunkt dafür, dass Wallenstein bereits vorher in Passau gewesen war, also konnte Brauser nur annehmen, dass er direkt von Frankfurt über die A3 nach Passau gefahren war. Irgendwo hatte er wahrscheinlich einen oder vielleicht auch mehrere Mitfahrer mitgenommen. Freiwillig, denn sonst hätte er ja seine Waffe gezogen, und das war neu an seiner Überlegung. Es sei denn, diese hatte im Auto gelegen, die Täter waren selbst bewaffnet gewesen und er hatte gar keine Zeit seine Waffe zu nutzen.

Der Kommissar verließ an der Abzweigung Passau-Nord die Autobahn und fuhr Richtung Franz-Josef-Strauß-Brücke. „Nein!“, rief er energisch, das passte nicht. Wären sie bewaffnet gewesen, dann hätten sie ihn doch nicht mit dem Seil am Beifahrersitz festbinden müssen. Oder doch? Vielleicht hatten sie ihm ja auch schon unterwegs die Luft in die Venen gespritzt und hatten ihn dann, als er längst an der Embolie gestorben war, auf den Beifahrersitz gebunden, damit er seine Haltung nicht verlor. Das schien plausibler. „Ja!“, rief Brauser, als er über die kleine Haitzingerbrücke und dann nach links in Richtung Polizeigebäude einbog. Er sah es fast vor sich, das Gesindel, das sich auf einem Rastplatz herumtrieb und den arglosen Klaus Wallenstein ansprach und überwältigte.

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