Die Prüfung war anspruchsvoll gewesen, aber Margaret hatte sie souverän bestanden. Schon bald genoss sie den Respekt der Taxifahrerkollegen und begann, ihren neuen Beruf zu lieben.
Als sie sich eines Nachmittags mehrere Stunden lang nicht über Funk gemeldet hatte und auch bei Einbruch der Nacht nicht an ihren Halteplatz zurückgekehrt war, wurden die Kollegen und die Mitarbeiter in der Taxi-Zentrale nervös und informierten die Polizei. Die Einsatzbeamten, die bereits von Verkehrsteilnehmern über ein Autowrack auf der Bundesstraße 8 informiert worden waren und nach der beschriebenen Stelle suchten, fanden Margrets Taxi an einem Brückenpfeiler und ihren reglosen Körper in einem nahen Gebüsch, wohin er durch die Windschutzscheibe geschleudert worden war, weil sie sich nicht angeschnallt hatte.
In der Klinik erkannten die Ärzte auf den ersten Blick, dass ihre Chancen schlecht standen. Ihr Brustkorb war eingedrückt und hatte die Lunge zerquetscht, so dass die Chirurgen jede einzelne Rippe an Silberdrähten aufhängen mussten, um das Organ zu entlasten. Sie kämpften vergeblich: Drei Tage nach dem Unfall war Margret tot.
Erik stand über Nacht vor dem Nichts.
*****
Nadja hatte zugehört, ohne Erik zu unterbrechen. Sie saßen vor ihrem zweiten Eis.
„Und jetzt?“
„Was schon? Die Studiengebühr ist bis Ende des Semesters bezahlt. Dann muss ich aussteigen. Allein kann ich das nicht stemmen.“
„Was ist mit deinem Vater? Kann er dir nicht helfen?“
Erik hatte die Augenbrauen hochgezogen. „Welcher Vater? Wie kommst du darauf?“
„Wieso? Jeder Mensch hat einen Vater.“
„Ich nicht.“
„Wie?“
„Ich kenne meinen Vater nicht. Für mich hat es nie einen gegeben.“
Nadja hatte begriffen und nicht weiter danach gefragt.
„Ich habe für mein Studium gebrannt, Nadja. Nach fünf Semestern Soziologie wusste ich, was ich später machen wollte. Psychologie draufpacken und dann in die Welt der Organisations- und Arbeitspsychologie einsteigen … das wäre total spannend geworden. Die Menschen müssen immer stärker mit Zeitmanagement, Teamarbeit und psychischen Belastungen fertig werden. Das Fach hat irre viel Zukunft. Aber für mich ist das jetzt aus und vorbei.“
„Stimmt. Riesig spannende Themen. Das war auch für mich der Grund, Soziologie zu studieren. Und deshalb sind wir uns über den Weg gelaufen und sitzen jetzt hier. Du musst weitermachen, Erik. Unbedingt.“
„Hast du mir nicht zugehört, Nadja? Ich kann es nicht aus eigener Tasche bezahlen. Die paar Kröten, die meine Mutter sparen konnte, reichen gerade mal, um noch eine Weile die Miete und meinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Nach diesem Semester ist für mich Schluss. Ich muss sehen, dass ich schnellstens an Arbeit komme.“
„Ich könnte meinen Vater bitten … Er hätte Verständnis. Weißt du, um Geld musste ich mir nie Sorgen machen. Meine Eltern sind … “
Erik unterbrach sie und schüttelte energisch den Kopf. „Akademiker in den gehobenen Kreisen des vornehmen Frankfurter Westends, die ihrer Tochter jeden Wunsch erfüllen würden. Oder erfolgreiche Manager eines Industrieunternehmens. Vergiss es, Nadja. Ich will von niemandem abhängig sein. Ich muss selbst meinen Weg finden.“
„Sie sind beide Zahnärzte, und Papa praktiziert außerdem als Kieferchirurg. Es würde ihm nichts ausmachen, einem Studenten unter die Arme zu greifen.“ Als Erik schwieg, zuckte sie die Schultern und seufzte. „Aber wie du meinst.“
Sie hatten ihre dritte Portion Eis verspeist und über zwei Stunden miteinander geplaudert, ehe sie aufbrachen und sich für ein nächstes Mal verabredeten. Von da an hatten sie sich regelmäßig getroffen, und nach wenigen Wochen waren sie ein Paar.
Als Nadja ihr Studium beendet und eine Assistenzstelle in einem Beratungsunternehmen gefunden hatte, willigte Erik ein, mit ihr in eine bezahlbare Wohnung nach Hanau zu ziehen. Über ihre junge Liebe und den harmonisch verlaufenden, sorgenfreien Alltag verblassten allmählich seine einstigen Ideale und Zukunftspläne, und er sah seine Aufgabe mehr und mehr darin, Nadja den Rücken zu stärken, indem er ihr die häuslichen Pflichten abnahm. Auch wenn sich in der letzten Zeit beim Nachsinnen über Adornos berühmten Aphorismus, es gebe kein richtiges Leben im falschen, Störgefühle meldeten, konnte er sich damit beschwichtigen, ein moderner junger Mann zu sein, der seine Identität nicht mehr an eine traditionelle, längst obsolet gewordene Männerrolle knüpfen musste.
*****
„Noch einen Württemberger?“
Erik erwachte aus seinen Gedanken, als ihm die Frau mit dem Pferdeschwanz den Teller mit den gebratenen Garnelen servierte. Er nickte: „Gerne.“
Als ihm der köstliche Duft der warmen Speise vom Teller in die Nase stieg, spürte er, wie ausgehungert er war, und augenblicklich machte er sich über seine Mahlzeit her.
„Das ist ein außergewöhnlich hübsches Kleid. Die Farbe ist faszinierend. Eine Augenweide.“
Erik schaute von seinem Teller auf. Die Frau am Nebentisch, in deren Stimme etwas nachklang, das ihn an das volltönende und zugleich zarte Spiel einer Harfe denken ließ, hatte weit auseinanderstehende, graugrüne Augen. Er folgte ihrem Blick auf Nadjas Kleid, das durch die Schutzfolie schimmerte. Es war aus einem mattglänzenden Stoff, der von hellblau über türkis bis zu meergrün changierte. Erik hatte die Farbe bisher nicht bewusst wahrgenommen. Wäre er nach ihr gefragt worden, hätte er wahrscheinlich ratlos mit den Schultern gezuckt. Doch jetzt erinnerte er sich daran, einmal in einem Buch über die Symbolik von Farben gelesen zu haben, dass einige Sprachen dieser Welt nicht zwischen Blau und Grün unterscheiden, sondern darin die gleiche Farbe sehen, jedoch in unzähligen Nuancen.
Die Frau lächelte Erik zu, und er lächelte einen kurzen Moment zurück, doch lange genug, um ihre grazile Gestalt, ihren blassen Teint und die Sommersprossen auf ihrer Nase wahrzunehmen. Ihr brünettes Haar hatte einen leichten, kaum wahrnehmbaren Rotstich. Ein bisschen erinnerte sie ihn an die französische Schauspielerin Isabelle Huppert.
Als die Bedienung an den Tisch der Frau trat, um ihr das bestellte Menü zu servieren, wünschte Erik guten Appetit und wandte sich wieder seinem Teller zu. Er aß zu Ende, trank seinen Wein aus und winkte der Bedienung, dass er bezahlen wolle.
Ihm war nicht bewusst, welcher Teufel ihn ritt, als er Nadjas Kleid nahm und es über die Rückenlehne eines der freien Stühle am Tisch der Frau schwang. „Es scheint für Sie gemacht zu sein. Bestimmt sehen Sie darin fantastisch aus.“
Schnellen Schrittes, als treibe ihn die Sorge, es sich im letzten Moment anders zu überlegen und das Kleid wieder an sich zu nehmen, verließ er das Restaurant. Draußen war ihm, als habe ihm die Frau etwas hinterhergerufen, nicht laut, um kein Aufsehen zu erregen, sondern gerade noch hörbar. Doch er ignorierte es und ging weiter. Erst nach einer Weile begann er sich zu fragen, warum er ihr Nadjas Kleid nur deshalb überließ, weil es ihr gefallen hatte. Welches Recht hatte er überhaupt, über etwas zu verfügen, das nicht sein Eigentum war? Und dennoch hatte er die tiefe Überzeugung, etwas Richtiges und Sinnvolles getan zu haben. Er konnte nur keine Antwort auf die Frage finden, warum.
Und was sollte er Nadja beichten, wenn er ohne das Kleid nach Hause kam?
Wie befürchtet, lief seine Ausrede ins Leere. „Wieso haben sie mein Kleid nicht gefunden? Sie haben eine Woche Zeit gehabt, also wieso sollte es noch nicht fertig sein?“
„Es war halt nicht da. Weshalb ist gerade dieses Kleid so wichtig für dich?“
„Mein Gott, bist du wirklich so blöd? In diesem Kleid habe ich dich kennengelernt. Und ich hab’s getragen, als wir uns zum ersten Mal küssten. Weißt du das nicht mehr?“
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