Klar, mit dem Gesicht bekommt der Idiot wahrscheinlich auch alles in die Horizontale, was er will. Die perfekt gestylte Stoppelhaarfrisur liegt nämlich voll im Trend. Seine tief liegenden Augen sind beeindruckend, denn sie glühen in einem kräftigen Grün unter den dichten Brauen.
»Hey!«, kommt es vorwurfsvoll von Jonas. »Sie arbeitet für mich. Ich kann doch nicht …« Abermals schüttelt mein Chef den Kopf und macht dennoch einen unentschlossenen Eindruck, was mich verwirrt aus dem Shirt glotzen lässt.
Super-Macho richtet sich auf und schlendert ziellos durch den Büroraum. »Warum denn nicht? Wer weiß, ob sich daraus nicht etwas Festes entwickelt. Und wenn Max sie mag, ist das doch prima.«
Jonas‘ Augen wandern unruhig hin und her. »Aber was ist, wenn es sich als Fehler erweist? Dann habe ich wieder keine Tagesmutter, und Max verliert erneut eine Vertrauensperson.«
Ehe ich mich versehe, steht der eingebildete Frauenheld auf einmal vor mir. Er schaut zerstreut umher, als suche er etwas. »Jonas, du hast doch mein Stellenangebot angenommen, um hier von vorn anzufangen. Du hast es für Max getan, aber auch für dich.«
Plötzlich starrt der Kerl mir direkt in die Augen. Mitten ins Gesicht. Ohne Zweifel.
Mit einem zynischen Lächeln, das mir das Blut in den Adern gefrieren lässt, höre ich ihn sagen: »Wenn du nichts riskierst, wirst du auch nie gewinnen. So einfach ist das.«
Der redet doch nicht mit mir? Nein. Unmöglich!
Schlagartig verschwindet jede Freundlichkeit aus den Zügen des bärtigen Mannes, und seine schwarzen Augenbrauen bilden einen diabolischen Bogen. Die ausgeprägten Flügel seiner schmalen Nase beginnen, zu beben. Eine atemraubende Dunkelheit schlägt mir entgegen, die mich bewegungsunfähig macht. Tatenlos beobachte ich, wie er sich sein Kinn reibt. Und dann sehe ich ihn: den Fingerring der Eristen.
Im selben Augenblick wird mir bewusst, dass ich schon die ganze Zeit über diesen typischen Gegendruck fühle, der bei ihm jedoch unglaublich stark ist.
Wieso habe ich es nicht wahrgenommen? War ich von dem Gespräch und Jonas zu sehr abgelenkt?
Heiß fallen mir die ganzen Dinge ein, die ich zu Jonas gesagt habe und zu dem Eristen, die entweder lüstern oder nicht nett waren – und wie ich mich benommen habe, als ich an Jonas roch oder mich auf dem Tisch räkelte. Alles hat der Erist gesehen und gehört. Einfach alles. Mir wird speiübel.
Noch nie ist mir so etwas passiert. Noch nie ist mir etwas so peinlich gewesen wie das. Ein Feuer aus Scham setzt mein Inneres in Brand und lässt meinen Kopf wie eine Tomate leuchten, was ich an meinen erhitzten Wangen spüren kann. Die grünen Flammen in den Augen des Eristen halten mich schonungslos gefangen. Ich sehe es ihm an, dass er sich darin aalt, mich, die Cupida, vorgeführt zu haben. Dem Kerl war nach meinem ersten Wort sofort klar, wer und was ich bin: Dass ich seine Gegnerin darstelle, eine Cupida, die ihrem Klienten hinterherhechelt. Großer Gott!
In meiner panischen Verzweiflung fällt mir nichts anderes ein, als mich augenblicklich in Luft aufzulösen und in die Cupida-Leitstelle zu flüchten. Ich fühle mich … erbärmlich.
Wie immer, trudle ich vor Bellamys Schreibtisch ein. Der Schreck ist mir offensichtlich ins Gesicht geschrieben, denn mein Operator fragt sofort: »Evodie? Was ist los? Du siehst aus, als hättest du den Teufel höchstpersönlich gesehen.«
Ein nervöses Lachen platzt aus mir raus. »Ja. Ja, so könnte der Teufel vielleicht tatsächlich aussehen.«
»Oh, nein, sag nicht, es ist der gleiche Erist, wie der, mit dem Artreus und Hector Probleme hatten?«, will Bellamy wissen und schlägt sich die Hand vor den Mund.
Erneut wird mir heiß, und ich falle in eine Schockstarre. Wie waren Artreus‘ Worte gewesen?_Hat 'ne Visage wie Luzifer persönlich. Und was hatte Hector gemeint? Ja, kann man sagen. Außerdem hatte er den Eristen als groß, dunkler Typ beschrieben. Das könnte ebenso eine zutreffende Beschreibung von meinem Eristen-Schrägstrich-Idioten sein. Ist das ein Zufall? Mit klopfendem Herzen frage ich Bellamy: »Ich … hoffe nicht. Habt ihr den Namen unseres Gegners rausbekommen?«
Überheblicher Stolz lässt das runde Gesicht meines Operators strahlen. »Was glaubst du, mit wem du sprichst? Natürlich. Er heißt Demian.«
»Demian«, wiederhole ich den Namen, um ihn mir einzuprägen.
Bellamy unterbricht meine Gedanken. »Glaubst du, es ist derselbe, den du getroffen hast? Du warst doch mit deinem neuen Auftrag beschäftigt, warum läuft der dir dort in die Arme?«
Wut ballt sich in meinem Magen zusammen. Bellamy hat recht. Warum lungert diese Knalltüte bei Jonas herum? So, wie er sich gegeben hat, und nach seinem Gegendruck zu urteilen, war er kein Anfänger. Keiner der Anfänger, die den Erstkontakt versemmeln dürfen.
»Wie gut ist dieser Demian? Was glaubst du?«, frage ich atemlos.
Bellamys Ausdruck beunruhigt mich zutiefst.
»Er ist einer der Besten, wenn nicht sogar der Beste. Anscheinend strebt er eine Karriere beim Löschtrupp an?«
»Fuck!«, flutscht es mir heraus. »Das heißt, er hat bereits seit Jahrhunderten ohne GoE und sonstige gravierende Fehler gearbeitet. Denn nur dann kann man bei den Elite-Heinis mitmischen.«
Mein Operator kichert. »Evodie, die meisten Cupidas und Eristen wünschen sich, den höheren Truppen beizutreten. Das ist nichts Besonderes. Es ist für sie das Höchste, den weißen Jumpsuit anziehen zu dürfen. Sogar mein voriger Cupida ist dorthin befördert worden.«
»Ehrlich, ich weiß nicht, was daran toll sein soll, im Gedächtnis von Menschen rumzuwühlen und ihnen Erinnerungen einzuhauchen oder die zu löschen, die uns gefährlich werden könnten. Und diesen weißen Strampelanzug können sie gerne behalten. In dem Teil kann man gar nicht gut aussehen, das ist ein Ding der Unmöglichkeit.«
»Du behauptest, du würdest die Chance nicht ergreifen und zu den Erinnerungseinpflanzern wechseln, wenn Phileas sie dir bieten würde? Du würdest es ablehnen, für die Legion zu arbeiten, die die größte Macht hat, die schalten und walten kann, wie sie will … deren Name in Ehrfurcht geflüstert wird?«
Es war unverkennbar, dass Bellamy mir nicht glauben wollte und sich dabei auf meine Kosten königlich amüsierte.
»Na, na, jetzt übertreibe mal nicht. Nein, ich möchte weder ein Erinnerungseinpflanzer noch ein Radierer werden, denn auch sie sind weisungsgebunden. Von wegen schalten und walten, wie sie wollen. Die müssen noch viel mehr aufpassen als wir Cupidas. Aber um das geht es jetzt sowieso nicht, sondern um den Eristen, der bei meinem ›Mega-Wichtig-Auftrag‹ mitmischt. Wie es aussieht, haben sie ebenfalls ihren besten Mann darauf angesetzt. Die Frage ist, warum? Ist Phileas da?«
»Ja, und er hat gute Laune, vermiese sie ihm bitte nicht.«
»Ich probiere es, aber versprechen kann ich nichts«, erwidere ich sauer und mache mich auf den Weg zu Phileas‘ Büro.
DER CHEF DER CUPIDA-LEGION
Mit festen Schritten laufe ich auf Phileas‘ Tür zu. Ich nehme mir vor, mich diesmal nicht von seinem Auftreten verunsichern zu lassen. Irgendwie schafft es mein Chef, mich jedes Mal in ein stammelndes Würstchen zu verwandeln. Bisher bin ich noch nicht richtig dahintergekommen, wie er das bewerkstelligt, denn sobald ich ihn anschaue, staune ich über die Perfektion seiner Erscheinung und vergesse, was ich wollte.
Eigentlich sollte ich jeden Blickkontakt mit ihm meiden. Genau, am besten würde ich dieses Treffen überstehen, wenn ich unentwegt auf den Boden starre. Auf diese Weise könnte ich ihm ungehindert meine Wut entgegenschreien … so abprallend vom Boden … im steilen Winkel … nach oben, wie bei einem Billardspiel. Unter keinen Umständen darf ich mich aus dem Konzept bringen lassen. Ich bin eine wütende Cupida. Jawohl!
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