Wie ein Flashback fühlte sich Mali an die unzähligen Bücher erinnert, die sie immer las. Sie hatte heimlich immer ein bisschen darüber geschmunzelt, wie die Hauptpersonen es schafften in so eine Lage zu kommen. Und Schwups, innerhalb von ein paar Minuten wurde auch Mali Leben komplett auf den Kopf gestellt und sie befand sich in ebendieser Situation. Würde sie sich nicht Zentimeter vom Lauf der Pistole befinden hätte Mali laut aufgelacht. So jedoch brachte sie nur ein leises Wimmern zustande. Ihr Entschluss nicht schwach zu wirken, kam ihr wieder in den Sinn. Also atmete sie tief ein und wandte sich dann an den Mann. Die ganze Wut über sein plötzliches Auftauchen schwang in ihrer Stimme mit.
„Was wollen Sie von mir?“ Malis Stimme war eiskalt und klang fast schon gefährlich, jedoch schien das diesen Bär von Mann nicht einzuschüchtern.
„Du bist jetzt ganz brav und rufst deine Mutter runter. Keine Warnung, kein Mucks oder sonst irgendwelche Eskapaden, dass das klar ist.“ Der Mann wackelte spielerisch mit der Pistole, um Mali zu verstehen zu geben, dass sie es nicht wagen sollte, es zu versuchen.
Mutiger, als Mali es sich im Angesicht einer Pistolenmündung zugetraut hätte meinte sie: „Meine Mutter ist nicht da.“
Ehe sie sich versehen konnte, spürte sie den Lauf der Pistole gegen ihre Schläfe gepresst.
„Wag es nicht mich anzulügen“, zischte der Mann gefährlich leise neben ihrem Ohr.
„Sie werden nicht schießen“, sagte Mali mit fester Stimme. „Der Schuss würde meine Mutter in Alarmbereitschaft setzten, das wäre gar nicht gut für ihren ‚Überraschungsbesuch‘, oder?“ Mali betonte das Wort Überraschungsbesuch, so dass es lächerlich klang.
Der Mann jedoch ließ sie los und entfernte sich auf etwa einen halben Meter. Mali traute sich immer noch nicht zu rühren. Der Mann hob die Pistole auf Höhe ihres Gesichts.
„Das wird mich nicht davon abhalten, dich hier und jetzt auf der Stelle umzubringen.“ Er lachte wieder sein grausames Lachen. Mali sah entsetzt zu wie sich sein Finger um den Abzug spannte. Der einzige Gedanke, der ihr noch durch den Kopf schoss- welche Ironie, da sie doch gleich von einer Kugel durchsiebt würde- war, dass der Mann es tatsächlich wagte, sie in ihrem Haus umzubringen.
Mali sah wie sich die Muskeln im Unterarm des Mannes immer weiter anspannten. Sein Mittelfinger krümmte sich immer weiter, doch dann ertönte ein Rumpeln. Genau in diesem Moment krachte der riesige Wandschrank mit dem Rosenmuster, der sonst immer im Gang bei der Treppe stand herunter. Mit einem hässlichen Geräusch, eine Mischung aus Kratzen und Krachen schlug der Schrank auf den Treppenstufen auf und fiel dann direkt auf den vermeintlichen Postboten zu. Dieser gab einen entsetzten Schrei von sich, als er den Schrank auf sich zukommen sah, doch er hatte keine Zeit mehr auszuweichen. Er stürzte und wurde unter dem Schrank begraben. Er schrie noch lauter. Mali hörte Knochen knacken.
In dem Moment, in dem der Schrank auf ihn stürzte, wurde sein Arm, mit dessen Hand er die Pistole hielt, herumgerissen. Die Pistolenmündung, die zuvor auf Mali gezeigt hatte, richtete sich jetzt auf Malis Mutter, die genau im selben Augenblick auf dem Treppenabsatz erschien. Ihre Hände waren aufgescheuert, da sie den schweren Wandschrank zur Treppe geschoben hatte, um ihn dann hinunterzustoßen.
Der Finger des Postboten, der um den Auslöser gelegt war, spannte sich mit letzter Kraft und unter Schmerzen noch weiter an, drückte ab und ein Schuss hallte durch den Raum. Begleitet von seinem letzten gequälten Todesschrei.
Mali erblickte nur den Ausdruck von Entsetzen und Schreck auf dem Gesicht ihrer Mutter, deren Augen weit geöffnet waren, als sie in die Pistolenmündung blickte. Sie hatte keine Zeit mehr zu reagieren.
Raum und Zeit schienen stehen zu bleiben und dann war es vorbei. Da blieb nichts mehr außer Schmerz und Blut, das floss. Mali, vor Schreck und Entsetzen wie festgenagelt, sah wie ihre Mutter von der Wucht der Pistolenkugel nach hinten geschleudert wurde. Darum bemüht das Gleichgewicht zu halten, schwankte sie und taumelte dann auf die Treppe zu. Mali sah geschockt dabei zu wie ihre Mutter die Treppe hinunterfiel und wie sich deren neuer Lieblingspullover rot färbte. Am Kopf ihrer Mutter, wo er auf die Treppenstufen geknallt war, trat ebenfalls etwas Blut aus.
Mali spürte nicht außer Kälte, die rasend schnell in ihr hochkroch. Ohne, dass sie es gewollt hatte, fingen ihre Füße an zu Laufen, immer schneller und schneller, bis sie bei ihrer Mutter angelangt war. Ihre Mutter lag mit seltsam angewinkelten Armen und Beinen auf dem Boden. In ihrer Brust steckte noch immer das schwarze Geschoss, umgeben von Sturzbächen aus Blut. Mali wusste nicht was sie tat, doch sie presste die Hände auf die Wunde ihrer Mutter, wollte das Blut, das zwischen ihren Fingern hervorquoll, zurückhalten, wollte, dass es endlich aufhören würde, dass es endlich vorbei sein würde. Ein Schluchzen bahnte sich den Weg aus ihrer Kehle.
Plötzlich flackerten die Augenlider ihrer Mutter, sie stöhnte. Sie öffnete ihren Mund ganz leicht, gerade weit genug, dass Mali wusste, dass ihre Mutter ihr noch etwas sagen wollte.
"Öffne die Schublade, wie ich es dir gesagt hatte. Öffne sie und…"
Der Rest des Satzes ging in einem heiseren Röcheln unter, das Malis Mutter nun von sich gab.
"Mama, ich bleibe bei dir bis zum Schluss, bis es vorbei ist."
"Mein Schatz, in der Schublade, sind Dinge… die der … gefährlich werden könnten, … nimm sie an dich. Du wirst… jemanden finden müssen… finde Carlos Vendris, im Wald… Carlos… Vendris… mein Schatz, pass auf dich auf. Sei mutig…sei…stark"
Die Augenlider von Malis Mutter schlossen sich und Mali blieb noch stundenlang auf dem kalten Steinboden sitzen, mit dem toten, kalten und schlaffen Körper ihrer Mutter in den Armen. Dem Menschen, den sie über alles in der Welt geliebt hatte. Der einzige Mensch der sie jemals über alles geliebt hatte.
30.06
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Die Tränen, die über Malis Gesicht liefen, wollten kein Ende nehmen. Sie wusste, dass es nichts bringen würde, noch weiter so dazusitzen, doch hatte sie kein anderes Ziel im Kopf, außer ihre Mutter in den Armen zu halten. Es war, wie wenn es noch einen kleinen Lebensschimmer in ihr gab, der nie völlig verlöschen würde, wenn Malis Hände ihren Körper nie loslassen würden. Mali wusste, dass das natürlich Unsinn war. Es gab keinen Zweifel, dass ihre Mutter tot war. Alleine schon der Sturz von der Treppe hinunter hätte sie das Leben kosten können, wenn es blöd gelaufen wäre. Trotzdem wollte sie für ewig so sitzen bleiben. Doch sie wusste, dass sie die Schublade öffnen musste und ihren Inhalt an sich nehmen musste. Die vermutete Neugierde, die bei dem Gedanken an das Öffnen der Schublade aufkommen sollte, blieb jedoch aus.
Mali zwang sich dazu wieder aktiv zu werden. Sie schaffte es nicht sich aufzuraffen, weswegen sie für sich selbst auf drei zählte. Als sie bei drei angekommen war, legte sie den schlaffen Körper ihrer Mutter ganz behutsam auf dem Boden ab. Sie beugte sich ein letztes Mal zu ihrer Mutter herunter, hauchte ihr einen Kuss auf die kalte Wange und faltete dann ganz langsam und behutsam ihre eigenen Beine auseinander. Es tat weh. Ihre Beine kribbelten stark und knickten bei der leichtesten Belastung unter ihr ein. Doch das störte Mali nicht. Sie empfand es eher als Genugtuung. Ihre Mutter war gerade gestorben und sie jammerte über eingeschlafene Beine, die etwas kribbelten. Sie konnte ruhig auch einmal etwas Schmerz aushalten. Mit zusammengebissenen Zähnen zwang sie sich aufrecht stehen zu bleiben. Sie schwankte leicht und doch befahl sie ihren Füßen, sich zu bewegen und in Richtung Treppe zu gehen.
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