Der altehrwürdige Protoskriniar und Kanzler verneigte sich tief und vollkommen wortlos vor dem jungen Manne, der langsam näherkam. Wir taten es ihm gleich, darauf bedacht, alles genauso zu tun, wie Leo es empfohlen hatte. Aus den Augenwinkeln beobachtete ich immer wieder meinen Schüler Franco, aber es gab keinen Anlass zur Sorge. Er gehorchte und hielt sich genauestens an meine Worte.
„Wen hast Du mir mitgebracht? Ich brauche frischen Wein, Leo. Geh und hol ihn mir! Und bring Trauben mit, recht viele von den roten.“
„Ehrwürdiger Papst, es sind Besucher aus Pavia. Sie sind Gesandte des Kaisers“, sagte Leo, immer noch gebeugt und ohne aufzusehen. Johannes XII. winkte ihm zum Zeichen, dass er sich nun entfernen dürfe, um das Verlangte zu holen.
„Ich mag ihn nicht so sehr“, sagte der Heilige Vater zu uns, als Leo außer Sichtweite war, „er ist so verbiestert und ich habe ihn noch nie scherzen sehen. Doch, nun erhebt Euch und sprecht: Wer seid Ihr und welch Begehr führt Euch zu mir, Ihr lieben Bischöfe?“
Landward, dem das gebeugte Stehen nicht mehr ganz so leichtfiel, ächzte schwer und stellte sich mühsam gerade. Ich richtete mich ebenfalls auf und blickte in das knabenhafte Gesicht des Papstes. Ein weicher Bartflaum umschloss seine Wangen und sein Kinn, kaum so viel, dass man es hätte abschaben können. Seine dunklen Augen stierten mich neugierig, aber auch misstrauisch an, so als hätte ich ein großes Geschwür an der Nase, welches jeden Moment aufbrechen könne. Das mit dicken goldenen Borten bestickte rote Tuch, in welches er gewandet war, wirkte aus der Nähe sehr viel feiner und ansehnlicher. Ein schmales, mit herrlichen Gold- und Silberstickereien verziertes und bis zu den Knien herabfallendes Pallium, in Form und Tragart unserer Stola nicht unähnlich, schmückte seine Brust und Sandalen aus sehr edlem, rot eingefärbtem Flechtwerk umhüllten seine Füße. Er mochte ein gar übler Papst sein, doch in Kleiderfragen zeigte er Geschmack, wie ich unschwer feststellen konnte.
„Ich bin Liutprand“, begann ich, „Bischof von Cremona in Italien und das ist der ehrwürdige Landward, Bischof von Minda in Sachsen. Wir sind Gesandte des großen Otto, von Gottes Gnaden ehrwürdiger Kaiser des Regnum Francorum und Herrscher über die Sachsen, die Franken und die Bayern, Herr über die Völker des Nordens und des Südens, von dem ich Eurer Exzellenz, dem Heiligen Vater aller Christen, die freundschaftlichsten und ehrfürchtigsten Grüße überbringen darf.“
Gemeinsam mit Landward verneigte ich mich erneut, diesmal aber nur leicht, um unserem Gegenüber Zeit zu geben, die Begrüßung mit einer ebensolchen zu beantworten, wie es in diplomatischen Protokollarien üblich war. Johannes jedoch schien nicht sonderlich daran interessiert, unsere Höflichkeiten zu erwidern oder auf Protokolle zu achten. Stattdessen musterte er aufmerksam meinen Schüler.
„Ja, ja, erhebt Euch schon, werte Herren“, sagte er. „Wen hast Du mir dort mitgebracht, Bischof Liutprand?“
Höflich lächelnd, aber doch ein wenig irritiert, wandte ich mich zur Seite, wo Franco einen halben Schritt hinter mir stand. Ich gebot ihm, sich ebenfalls zu erheben, so dass er nun erstmals in seinem noch jungen Leben dem Heiligen Vater und obersten Bischof der Christenheit von Angesicht zu Angesicht gegenübertreten konnte. Ich ahnte zu dieser Zeit nicht, welche Bedeutung diese erste Audienz schon damals für ihn hatte und was sie in ihm bewirken würde.
„Eure Exzellenz“, begann ich, „dies ist mein braver Schüler Franco de Ferrucius, der zweitgeborene Sohn des angesehenen Verwalters Bruno de Ferrucius aus Pavia. Ihr werdet vielleicht von ihm gehört haben.“
Johannes richtete seinen Blick für einen kurzen Moment an die hohe und wundervoll bemalte Decke und sagte, wie zu sich selbst: „Bruno de Ferrucius? Nein, nie gehört.“ Dann wandte er sich wieder an mich und fügte hinzu: „Ich sehe einen wertvollen Ring an der Hand Eures Schülers. Es scheinen wohlhabende Leute zu sein?“
Es war nicht so sehr als Frage gestellt, sondern glich mehr einer Feststellung. Sein Blick aber schien mich um Bestätigung zu bitten. Doch gerade als ich anhob, die mir sehr gut bekannte Geschichte der Familie de Ferrucius auszuführen, unterbrach er mich mit einer gelangweilten Handbewegung.
„Genug! Ich habe genug gehört. Und merken werde ich es mir jedenfalls nicht, wer auch immer diese Leute sind. Dein Schüler wird mir zeigen müssen, wozu er in der Lage ist. Danach werde ich mir ein Urteil über ihn und seine vermutlich erbärmliche Verwandtschaft bilden.“
Nun, zugegeben, als ich diese Worte hörte, überkamen mich zwiespältige Gefühle. Wie sollte ich ihn verstehen? Kannte er nun die Familie Ferrucius oder kannte er sie nicht? Sprachen eher Zuneigung oder Ablehnung aus seinen Worten? Hatte dies nichts Gutes zu bedeuten oder war es nur so dahingesagt, wie, wenn es einem zuwider ist? Und auch auf den Ring an rechter Francos Hand konnte ich mir keinen Reim machen. Zu jener Zeit wusste ich nur, dass er ihn ständig bei sich trug, ihn nie ablegte und sorgsam darauf achtgab, ihn nicht zu beschädigen. So warf ich Franco einen sorgenvollen Blick zu, den er mit einem Schulterzucken und hochgezogenen Augenbrauen quittierte.
Dem ehrwürdigen Leser dieser Zeilen sei es erzählt, weil es dem gesamten Verständnis der Sache dienlich sein mag: Jener Franco de Ferrucius entstammte der alteingesessenen lombardischen Familie gleichen Namens, die es am Königlichen Hofe von Pavia, etwas südlich vom schönen Milano gelegen, zu einigem Ansehen und zu gediegenem Wohlstand gebracht hatte. Der preiswürdige und ehrenwerte Bruno de Ferrucius war Hofkämmerer unter König Lothar und später erster Dienstherr unter seinem Nachfolger König Berengar. Im Jahre 948 hatte sich Bruno nach Pavia begeben, um die vornehme Stellung antreten zu können. Zur selben Zeit lebte und diente auch ich am Hofe König Lothars, der seinerzeit mit Adelaide di Borgogna verheiratet war, aber schon im Jahre 950 von einem überaus boshaften Widersacher vergiftet wurde, sodass die wunderschöne Adelaide bereits in jungen Jahren zur Witwe wurde.
Der Junge, der mich nun als mein Schüler auf meinen Wegen begleiten sollte, war das fünfte von sechs Kindern und der mittlere von drei Söhnen der Familie Ferrucius und wurde im Sommer des Jahres 951 vom Allmächtigen Herrn in die Welt gerufen.
Zwei Jahre später verstarb die Mutter bei der Geburt seines jüngsten Bruders. Der kleine Franco wuchs nun gemeinsam mit seinem kleineren Bruder bei der Schwester seines Vaters auf, bis er zehn war und auch die Tante zu seinem und des Vaters allergrößten Entsetzen zu Gott befohlen wurde.
Im gleichen Jahre erhielt Bruno einen schweren Schaden, als er von einem Pferdewagen überrollt wurde. Fortan an den Beinen gänzlich gelähmt konnte er seinen Dienst bei Hofe nicht mehr ausüben und erhielt vom König, der sich selten einmal großzügig und gnädig zeigte, eine kleine Rente, um sein Leben zu fristen, aber es reichte längst nicht für alle. Die beiden älteren Jungen des Bruno fanden als Spielkameraden der etwa gleichaltrigen Königssöhne einen guten Unterhalt bei Hofe, die Schwestern hingegen heirateten kurz hintereinander und zogen zu ihren Ehemännern nach Benevent und nach Aragon. Francos jüngerer Bruder Heribert wurde in ein Milaneser Waisenhaus gegeben, wo sich sein späterer Verbleib jedoch nicht mehr aufklären ließ, obschon ich beinahe ein ganzes Jahr nach ihm suchte.
Aus dem Hintergrunde des Raumes war ein leises Kichern zu vernehmen. Es war das Kichern heller Mädchenstimmen, wie ich unschwer auszumachen vermochte. Franco wurde plötzlich heftig durchzuckt. Als ich mich zu ihm umdrehte, vermochte ich jedoch nichts Absonderliches an ihm festzustellen. Er war durchaus ein wenig angespannter als noch zuvor, aber das mochte ich dem heiligen Moment dieser Begegnung und der Prächtigkeit der päpstlichen Gemächer mit all ihrem Prunke und von Gold glitzernden Gewölbe zuschreiben.
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