Verwirrt hob ich den Kopf. „Was …?“
Mr. Delany stemmte die Hände in die Hüften. „Du willst mir nicht erzählen, du könntest die Stoffwechselprozesse einer Zelle aus dem Gedächtnis herbeten, oder?“
„Ich …“ Hilflos zuckte ich die Schultern. „Nein.“
„Also, warum sehe ich keine Mitschriften?“
Verlegen schwieg ich. Hinter meinem Rücken hörte ich den Kurs murmeln und wispern. Mr. Delany beugte sich näher zu mir.
„Du bist keine schlechte Schülerin, Evangeline“, sagte er dann, „Ganz im Gegenteil. Ich denke, du könntest sogar einen Abschluss mit Bestnoten schaffen.“
„Aber …“
„Kein Aber.“ Mr. Delany deutete auf meinen leeren Block. „Ich erwarte, dass du zumindest in meinem Unterricht auch die Voraussetzungen dafür legst. Wenn ich dich noch einmal dabei erwische, wie du aus dem Fenster starrst …“
„Tut mir leid“, murmelte ich schnell, „Kommt nicht wieder vor.“
Er schüttelte bloß den Kopf. „Das will ich auch nicht hoffen. Und jetzt fang endlich damit an, das Schema abzuzeichnen. Ich brauche den Platz an der Tafel.“
Erst, als er mir wieder den Rücken zuwandte und sich zurück zur Tafel begab, wagte ich es, auszuatmen. Dann griff ich nach dem Stift und machte mich daran, das Schema in meinen Block zu skizzieren, während ich mir schwor, noch heute Abend diesen Brief zu verbrennen.
*****
Ich lauschte meinen eigenen Atemzügen. Im Haus war schon vor Stunden Ruhe eingekehrt. Das Display meines Smartphones tauchte den Raum in unheimliches Licht. Ein Uhr.
Entschlossen warf ich die Decke zurück und setzte mich auf. Dann öffnete ich die Nachttischschublade und holte den kleinen Umschlag und ein Feuerzeug hervor, das ich aus einer der Küchenschubladen entwendet hatte. Ein letztes Mal drehte ich das Papier zwischen den Fingern.
Genug. Seit anderthalb Tagen trug ich diesen bescheuerten Umschlag nun schon mit mir herum wie eine tickende Bombe. Es war geradezu lächerlich, vor allem, weil ich mich nach wie vor weigerte, ihn zu öffnen. Meine Finger kribbelten und ein Teil von mir hätte das Papier am liebsten in Fetzen zerrissen, um herauszufinden, was das alles sollte, doch meine Vernunft erinnerte mich auch dieses Mal daran, dass ich keine Hand an die verklebte Lasche legen sollte.
Stattdessen hob ich das Feuerzeug. Je weniger ich wusste, desto einfacher wäre es, diese Sache zu vergessen. Mit einem leisen Klicken erwachte die Flamme zum Leben. Langsam hielt ich den Umschlag über das züngelnde Feuer.
„Nicht.” Ich fuhr auf und unterdrückte einen Schrei. Das Feuerzeug rutschte mir aus der Hand, während ich instinktiv ans andere Ende des Betts hechtete. Meinen Rücken gegen die Wand gepresst starrte ich den Jungen an. Kein Zweifel. Sein Haar strahlte selbst im Schein meiner Handytaschenlampe noch wie Flachs und die blauen Augen verfolgten mich bis in meine Tagträume.
„Was willst du?” Ich bemühte mich, ruhig zu bleiben. Das Letzte, was ich jetzt noch gebrauchen konnte, waren meine Eltern, die um ein Uhr nachts einen fremden Kerl in meinem Zimmer fanden. Ganz zu schweigen davon, dass ich nicht erklären konnte, wer er war oder wie er hier hereingekommen war.
„Lies den Brief.” Seine Stimme war entschieden und sein Blick ließ nicht für eine Sekunde von mir ab.
„Ich werde ganz sicher nicht tun, was – ”
„Lies. Den Brief.” Er trat einen Schritt näher und ich presste mich fester gegen die Wand.
„Wer bist du?” Meine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern und ich verfluchte mich selbst dafür, dass ich so wenig Selbstbeherrschung aufbrachte. Den Jungen schien es wenig zu interessieren. Anstelle einer Antwort deutete er auf das kleine Stück Papier in meiner Hand. „Lies es.”
Dann wandte er mir den Rücken zu und verschwand. Wortwörtlich.
Ungläubig starrte ich auf die Stelle, an der er noch Augenblicke zuvor gestanden hatte. Nichts. Als hätte er sich einfach in Luft aufgelöst. Mein Herz schlug mir bis zum Hals, während ich mich langsam an die Bettkante schob. Lange Schatten durchzogen mein Zimmer und die Bäume vor meinem Fenster ächzten im Wind. Vorsichtig schlüpfte ich in meine Schlappen und stand auf. Noch bevor ich den Lichtschalter erreicht hatte, wusste ich, dass er nicht mehr da war. Die Präsenz anderer, die man unterbewusst immer spürte, war verschwunden. Der Blick durch mein hell erleuchtetes Zimmer bestätigte das Gefühl – ich war allein.
Dennoch streifte ich durch den Raum, überprüfte meinen Schrank und sah unter dem Schreibtisch nach, bis ich schließlich das Licht wieder ausschaltete und ans Fenster trat. Auch draußen war keine Spur von dem seltsamen Jungen zu sehen. Der Garten lag still in der Kälte der kanadischen Nächte, nur die Zedern wiegten sich in der Brise. Ich verharrte eine Weile, die Nase gegen das kühle Glas gepresst, bis meine Gedanken sich beruhigten.
Es war völlig unmöglich, dass dieser Junge tatsächlich hier gewesen war. Niemand konnte einfach so auftauchen und wieder verschwinden, ohne auch nur den Hauch einer Spur zu hinterlassen. Ich musste halluziniert haben. Gut möglich, dass ich mir in all der Müdigkeit nur etwas eingebildet hatte. Ich seufzte und war bereits dabei, zurück in mein Bett zu kriechen, als mein Blick auf den Brief in meiner Hand fiel. Ich zögerte noch einen Moment, doch die Neugier war überwältigend. Mit einem flauen Gefühl im Magen zerriss ich den Umschlag und faltete den Zettel auseinander. Die wenigen Worte, die in säuberlicher Handschrift das weiße Papier bedeckten, warfen jedoch mehr Fragen auf, als sie beantworteten.
Range Road 35.
Überquere das Feld auf der linken Seite.
Folge dem Weg bis zum Ende.
Dort wirst du Antworten erhalten.
Komm in zwei Tagen. 4 Uhr. Allein.
Frustriert knüllte ich den Zettel zusammen. Ich würde ganz sicher nicht den Anweisungen einer Halluzination folgen. Ich hätte den blöden Brief verbrennen sollen, als ich noch die Gelegenheit dazu hatte. Aber jetzt war es zu spät. Selbst Feuer würde die Worte nicht aus meinen Gedanken treiben können. Wütend stopfte ich den Papierball in die unterste Ecke meines Mülleimers, bevor ich zurück unter die Decke kroch und mir schwor, nie wieder über die Halluzination oder den Brief nachzudenken.
Doch die Stimme des Zweifels sang unbeeindruckt weiter.
Eine Halluzination konnte keine Briefe schreiben. Ein fremder Junge konnte meinen Namen nicht kennen. Kein normaler Mensch konnte sich in Luft auflösen, wann immer es ihm gefiel.
Stöhnend wälzte ich mich auf die andere Seite. Ich wollte nichts weiter, als dass es ein Ende hatte. Wer immer dieser Kerl auch war, ich wollte ihn nie wiedersehen. Ich wollte, dass er mich in Ruhe ließ – egal, ob er nun eine Ausgeburt meiner Fantasie war oder nicht.
Doch meine verfluchte Neugier, die mich schon dazu getrieben hatte, den Brief zu lesen, blieb auch jetzt nicht still. Ich wollte wissen, wer dieser Junge war. Warum er Dinge konnte, die jeder Vernunft widersprachen. Ich wollte Antworten – und dann wollte ich ihm sagen, dass er mich allein lassen sollte. Dass ich ihn kein weiteres Mal irgendwo am Straßenrand sehen wollte – ganz zu schweigen davon, dass er einfach nachts in meinem Zimmer erschien. Nein, damit war er zu weit gegangen.
Was immer diese Sache war, ich würde sie beenden.
*****
Hier war ich also. Die Wipfel der Bäume bewegten sich im Wind, während sie ein schauriges Rauschen von sich gaben. Holz knackte und ab und zu durchdrang der schrille Ruf eines Vogels die Stille. Jedes dieser Geräusche ließ mich zusammenzucken, einen Herzschlag lang den Atem anhalten und mich umsehen. Doch egal, wie oft mein Blick durch die Umgebung schweifte, ich blieb allein zwischen den dunklen Stämmen und Kronen, die über meinem Kopf zusammenwuchsen und den Himmel verdunkelten. Dieser Ort war so verlassen, dass es einem Angst bereiten konnte.
Читать дальше