„Ein Latte Macchiato mit extra viel Schaum für das geheimnisvolle Mädchen am Fenster.“ Die Bedienung grinste breit, während sie das Glas abstellte. Sie war in ihren Zwanzigern, eine kurvige Frau mit rosa Wangen und kleinen Grübchen – der Typ Mensch, den man einfach mögen musste.
„Du bist neu hier, nicht wahr?“, fragte sie, „Ich habe dich schon einige Male im Café gesehen. Ich bin Carly.“
„Evangeline“, stellte ich mich vor, „Und ja, wir sind erst vor einigen Wochen hergezogen.“
Carly lächelte zufrieden. „Das habe ich mir schon gedacht“, erklärte sie, „Du klingst nicht wie eine Kanadierin. Eher … irgendwie britisch?“
Sie sah mich fragend an.
„Schottland“, bestätigte ich, „Eine Kleinstadt an der Ostküste, nahe Edinburgh.“
Carly war gerade in Begriff, zu antworten, als nach ihr gerufen wurde. Entschuldigend hob sie die Hände. „Tut mir leid, ich muss wieder an die Arbeit.“ Ihr Blick fiel auf meinen Kalender, der vor Hausaufgaben, Referaten und Terminen fast überquoll. Ich hatte nicht geahnt, dass der Umzug so viel nachzuholendes Unterrichtsmaterial bedeuten würde. „Wie es aussieht, hast du ja auch noch einiges vor dir.“
Ich nickte. „Leider, ja.“
„Das wird schon“, meinte Carly lächelnd, „War jedenfalls schön, dich kennenzulernen. Ich bin sicher, man sieht sich mal wieder, nicht wahr?“
„Auf jeden Fall.“
„Bis dahin.“ Sie winkte leicht, bevor sie sich umdrehte und zurück an die Arbeit ging.
Ich löffelte einen kleinen Berg Milchschaum von meinem Kaffee und warf einen Blick aus dem Fenster.
Da sah ich ihn.
Die Hände in den Taschen seiner Jeans lehnte er an der Wand des gegenüberliegenden Gebäudes und starrte mich so offen an, dass ich erschauerte. Sogar aus dieser Entfernung konnte ich die Farbe seiner Augen erkennen – ein strahlendes Blau, das perfekt zu seinem hellen Haar passte. Etwas wild und sehr blond, wirkte es in der klaren Oktobersonne fast wie ein Heiligenschein, der seine feinen Gesichtszüge umrahmte. Er konnte höchstens ein paar Jahre älter sein als ich. Und noch immer sah er zu mir herüber. Zweifellos zu mir.
Ein Geräusch ließ mich aufschrecken. Auf dem Display meines Smartphones erschien eine neue Nachricht. Maggie.
„Bin in einer Stunde daheim, dann können wir skypen.“
Eilig entsperrte ich das Display und antwortete.
„Okay. Bis dann.“
Es konnte nur Sekunden gedauert haben. Doch als ich wieder aufsah, war der Typ verschwunden. Die Wand gegenüber war leer, der blonde Haarschopf wie vom Erdboden verschluckt. Bei dem Versuch, die Straße weiter hinunterzusehen, hätte ich fast noch meinen Kaffee umgestoßen. Er war einfach weg.
Ich schüttelte den Kopf über mich selbst. Jetzt fing ich schon an, paranoid zu werden. Geistesabwesend trank ich einige Schlucke, während ich erneut versuchte, mich in die Bio-Aufgaben zu vertiefen. Ich machte mir einige Notizen, Skizzen, blätterte durch das zerlesene Buch, das ich vor ein paar Wochen bekommen hatte – doch die blauen Augen wollten einfach nicht aus meinen Gedanken verschwinden. Lächerlich, wie tief man sich doch in Tagträume stürzen konnte, nur um lästigen Hausaufgaben zu entkommen.
Ich schüttelte den Kopf. Das hier wurde so nichts mehr.
In einem Schluck kippte ich den restlichen Kaffee hinunter und packte das Notizbuch und meinen Kalender ein.
Noch immer in Gedanken verließ ich das Café und machte mich auf den Heimweg.
*****
Wir hatten ein Haus am Stadtrand gekauft, nahe dem Elbow River, in einem der reicheren Viertel. Sienna Hills war eines dieser kleinen Wohngebiete mit Vorgärten, typisch-amerikanischen Holzhäusern in glänzendem Weiß und riesigen Pick-ups in den Einfahrten, wo die Gebäude ordentlich nebeneinander aufgereiht standen und alles irgendwie gleich aussah.
Unser Haus machte dabei keine Ausnahme – abgesehen davon, dass es schon ein bisschen heruntergekommen war.
„Es hat Charme“, sagte Dad immer, wenn das Thema aufkam, „Und sobald wir uns etwas eingelebt haben, werde ich das Dach ausbessern und die Fassade neu streichen. Eine andere Farbe kann Wunder wirken, wisst ihr?“
Die Haustür war abgeschlossen und ich brauchte einige Minuten, um den Schlüssel aus meiner hoffnungslos überfüllten Tasche zu fischen. Mit einem ohrenbetäubenden Quietschen schwang die Tür schließlich doch noch auf.
Der Flur dahinter war ein einziger Hindernisparcours aus vollen Umzugskartons, halb aufgebauten Möbeln und jeder Menge Krimskrams, der seinen Platz in unserem neuen Haus noch nicht gefunden hatte. Ich kämpfte mich bis zur Treppe durch, auf der Ced bereits sein Spielzeug ausgebreitet hatte. Man musste höllisch aufpassen, um nicht auf eine Ansammlung spitzer Lego-Steine zu treten oder auf einem Kuscheltier auszurutschen. Entgegen aller Erwartungen schaffte ich es dennoch heil bis in mein Zimmer, wo ich meine Sachen abstellte und einen Blick auf die Uhr warf. Zehn vor fünf. In einigen Minuten würde Maggie anrufen.
Sie war meine beste Freundin seit ich denken konnte.
Eigentlich hieß sie Marjorie, doch sie fand, der Name passte nicht zu ihr. Solange ich sie kannte, stellte sie sich deshalb überall nur als Maggie vor. Maggie, die Plaudertasche mit der Neugier eines Kleinkindes und dem ansteckendsten Lachen, das ich kannte.
Mit dem Notebook auf den Knien machte ich es mir schon einmal in meinem Bett bequem.
Seit ich weggezogen war, skypten wir mindestens einmal pro Woche, meist stundenlang. Ihr schienen nie die Themen auszugehen – sei es nun der neuste Klatsch aus unserer Schule, die Errungenschaften ihres letzten Shopping-Trips oder ihre Träume von der Zukunft. Ihre Erzählungen gaben mir das Gefühl, immer noch dort zu sein, daheim in Schottland, und mit ihr gemeinsam am Pier zu sitzen und über das Leben zu reden, wie wir es früher oft gemacht hatten.
Maggie hatte diese Art an sich, die Dinge leicht zu nehmen. Sie sagte, was sie dachte und machte sich nie Gedanken darüber, was andere davon hielten.
Auch heute sprachen wir wieder fast zwei Stunden miteinander.
Maggies Katze hatte vorgestern Junge bekommen, drei kleine Kätzchen, jedes nur so groß wie Maggies Hand.
„Sie sind noch blind und taub und sehen aus wie Mini-Kobolde, mit diesem feuerroten Fell“, meinte Maggie lachend, „Und in zwei, drei Wochen werden sie unser Haus in Schutt und Asche legen.“
Ich grinste. „Tja, dann musst du wohl Schadensersatz und Unterhalt von dem Kater fordern, der für dieses Chaos verantwortlich ist.“
Maggie lachte auf. „Apropos Chaos“, meinte sie dann, „Weißt du, wer seit gestern ganz offiziell vergeben ist?“
„Sag bloß!“ Ich schlug die Hände vors Gesicht. „Ridley ist unter der Haube?“
Maggie nickte vielsagend. Stephan Ridley war an unserer Schule ein Jahr über uns gewesen. Ein Rugbyspieler mit Adoniskörper, dazu gar nicht mal wenig Köpfchen – der Traum eines jeden Mädchens.
„Ein Jammer“, bemerkte Maggie, „Wenigstens eine wilde Knutscherei auf dem Schulhof hätte doch drin sein dürfen.“
Ich schmunzelte. Typisch Maggie. Sie würde ihre Unabhängigkeit noch jeder festen Beziehung vorziehen.
„Und, wer ist die Glückliche?“
Maggie verzog die Lippen. „Ashley Cummings“, verkündete sie dann, „Aber wenn du mich fragst, hält das sowieso nicht lange. Immerhin sind die zwei einfach …“
Innerhalb weniger Minuten befanden wir uns mitten in einer Diskussion über Beziehungen und unsere Vorstellung des perfekten Partners. Wie jedes Mal, wenn wir auf dieses Thema kamen, folgte auch heute wieder Maggies Frage danach, ob ich irgendwelche süßen Typen kennengelernt hätte.
„Komm schon, irgendeinen muss es doch geben“, bohrte sie, „Ich habe kanadische Models gegoogelt und ganz ehrlich – die würdest du nicht von der Bettkante stoßen.“
Читать дальше