Als ich ihn an diesem Nachmittag im Café erneut dort stehen sah, fackelte ich nicht lang. Wenn ich wirklich verrückt wurde, wollte ich jetzt sofort die Bestätigung. Ich ließ alles stehen und liegen und stürmte aus dem Café. Dank der großen Glasfront musste ich ihn dabei nicht einmal für den Bruchteil einer Sekunde aus den Augen lassen.
Jemand schrie meinen Namen, als ich rücksichtslos quer über die Straße rannte. „Evangeline!“
Es war nur ein kurzer Laut, vier Silben, doch aus einem Impuls heraus drehte ich mich um. Carly stand vor dem Café, kreidebleich und fassungslos. „Was um Himmels willen machst du denn da?“
Erst jetzt bemerkte ich, dass ich ihn aus den Augen gelassen hatte, nur für den Bruchteil einer Sekunde.
Ich wirbelte herum.
Niemand. Er war weg. Die Straße hinauf und abwärts keine Spur von ihm. Ich hatte ihn schon wieder verloren.
„Verdammt.“
Wie konnte ein einzelner Mensch sich so schnell bewegen?
Wurde ich denn tatsächlich verrückt? Halluzinationen gingen doch mehr als weit über meine bisherigen Tagträumereien hinaus.
Aber wie konnte dieser Typ sonst einfach so auftauchen und wieder verschwinden, innerhalb von einem Augenblick?
„Evangeline!“ Atemlos kam Carly neben mir zum Stehen. „Was in aller Welt ist denn passiert? Du siehst aus, als wärst du einem Geist begegnet.“
Stumm schüttelte ich den Kopf. Dann fiel mir ein, dass sie Recht haben könnte. Ich wurde verrückt. Ich begann, Geister zu sehen.
„Du hast mir einen Riesenschreck eingejagt, weißt du das?“, plapperte Carly inzwischen weiter, „In einem Augenblick sitzt du seelenruhig am Fenster und dann – bam – springst du auf und rennst mitten über die Straße. Dir hätte sonstwas passieren können!“
Ich sah sie an. Carly, die vollkommen echte, sich um mich sorgende Bedienung. Und ich beschloss, dass es reichte, wenn ich allein von diesen seltsamen Begegnungen wusste.
„Es geht mir gut“, sagte ich, „Ehrlich. Es ist … ich dachte nur, ich hätte jemanden gesehen. Eine Verwechslung.“ Mit gehobenen Augenbrauen sah sie mich an. Sie glaubte mir nicht. Zeit für den Rückzug.
„Ach, eigentlich ist es ja auch egal.“ Schulterzuckend drehte ich mich um und wollte gerade die Straße überqueren, als Carly meinen Arm packte.
„Du hast was verloren“, sagte sie und streckte mir einen winzigen Brief entgegen.
Ich schüttelte den Kopf. „Der gehört mir nicht. Lass ihn liegen.“
Doch Carly dachte gar nicht daran. „Natürlich gehört er dir“, protestierte sie, „Es steht schließlich dein Name drauf. Schau.“ Mit einer Handbewegung hatte sie ihn umgedreht und hielt ihn mir so dicht unter die Nase, dass die geschwungenen Buchstaben mich vom Papier aus ansprangen wie wütende Tiger. Evangeline MacKay. Carly hatte recht.
„Ich weiß ja nicht, was du wirklich hier drüben wolltest …“, murmelte sie, „… aber du solltest ihn nehmen. Und wenn du reden möchtest, egal worüber …“ Ihre letzten Worte gingen im Straßenlärm unter.
„Schon okay“, sagte ich und nahm den Brief schließlich doch.
Er brannte auf meiner Haut, ungeöffnet, voller Antworten, die herauswollten, herausmussten. Dieses kleine Stück Papier hatte etwas mit ihm zu tun, da war ich mir sicher. Es bewies, dass ich nicht verrückt war.
Plötzlich war jede Sekunde, die ich hier draußen stand, eine Sekunde zu viel. „Lass uns zurück nach drinnen gehen“, drängte ich ungeduldig. Der Brief brannte und brannte lichterloh in meiner Hand.
Carly kam meinem Vorschlag nur zu gern nach. Die neugierigen Blicke der Gäste und Mitarbeiter des Cafés verfolgten mich, klebten auch Minuten nachdem ich wieder auf meinem Platz am Fenster saß, noch an meinem Rücken. „Eigenartiges Mädchen“, hörte ich sie reden, „Vielleicht geistig verwirrt. Ein Trauma. Hätte draufgehen können. Bei dem Verkehr. Was sie da drüben wollte? Ist einfach so aufgesprungen. Wirklich eigenartig.“
Der Brief lag direkt vor mir. Vorsichtig berührte ich die geschwungenen Buchstaben meines Namens. Alles in mir schrie danach, das Papier zu öffnen, auseinanderzufalten und die Antworten wie eine Landkarte vor mir auszubreiten. Wer war dieser blonde Kerl und woher wusste er, wer ich war? Was wollte er von mir? Wie schaffte er es, innerhalb von Sekunden zu verschwinden?
„Was steht drin?“ Ich hatte nicht bemerkt, dass Carly auf den Hocker neben mir gerutscht war. Erschrocken riss ich den Kopf hoch, fast, als hätte sie mich bei etwas Unerlaubtem ertappt.
Dabei war es nur der Brief, der geheimnisvolle Brief, der meinen Namen trug.
„Entschuldige“, schob Carly sofort hinterher, „Ich wollte dich nicht stören. Du hast nur ziemlich … naja, mitgenommen ausgesehen und da dachte ich –“
„Ich habe ihn noch nicht geöffnet“, platzte ich völlig unerwartet heraus. Auch Carly wirkte überrascht, denn einige Momente lang sagte sie gar nichts, sah mich bloß forschend an.
„Ich sollte wohl langsam gehen“, verkündete ich schließlich, „Mom wird sicherlich bald heimkommen und ich habe Ced versprochen, mit ihm LEGO zu spielen.“
„Klar, natürlich.“ Carly nickte, doch sie wirkte irgendwie eigenartig. „Wir sehen uns ja sicherlich morgen wieder.“
„Ja, bestimmt“, entgegnete ich knapp, während ich meinen Mantel überstreifte und den Brief in meine Tasche gleiten ließ, „Bis dahin.“
Ich hatte es plötzlich wahnsinnig eilig, das Café zu verlassen. Der seltsame Blick, mit dem Carly mich seit meiner – zugegeben nicht ganz ungefährlichen – Aktion bedachte, war mir unangenehm und der Brief lauerte noch immer ungeöffnet in meiner Tasche.
„Bis morgen“, verabschiedete Carly sich mit einem Lächeln, „Und pass auf dich auf, ja?“
Ich nickte bloß und nahm meine Tasche. „Bis morgen.“
Ich spürte ihren Blick noch Sekunden, nachdem ich das Café verlassen hatte. Besorgt und irgendwie auch mitleidsvoll hatte sie ausgesehen – als wäre ich ein kleines Kind, das sie davor bewahren musste, irgendeine Dummheit zu machen. Pass auf dich auf. Wirkte ich denn tatsächlich so mitgenommen? So zerbrechlich?
*****
Ich sah aus dem Fenster.
Vor meinen Augen verschwamm die Welt da draußen zu einem unscharfen Aquarell aus wirbelnden Farben. Wenn ich die Lider ein wenig verengte, konnte ich die Gischt spritzen sehen, das tiefblaue Meer, das krachend gegen die kreidebleichen Felsen schlug. Manchmal träumte ich, ich wäre wieder dort, würde an den Klippen sitzen, die Füße in der Luft baumelnd und dem tosenden, schäumenden Lied des Meeres lauschen. Für einen kurzen Moment war alles wieder wie früher. Wenn ich tief atmete, konnte ich sogar das Salz riechen, den Wind auf meiner Haut spüren, der mein Haar zerzauste.
Dann schlich sich plötzlich ein anderes Bild in meinen Tagtraum. Der Brief brannte wie Feuer in meiner Hosentasche und vor meinen Augen verwandelten sich die Klippen in den modernen Gebäudekomplex meiner neuen Schule. Die spritzende Gischt erstarrte innerhalb von Sekunden zu einem betonierten Schulhof und als ich hinuntersah, traf mich ein Blick aus blauen Augen. Er stand mitten auf dem Hof, die Arme verschränkt und die Miene selbst aus dieser Entfernung noch fordernd, als wüsste er, dass ich den Brief noch immer nicht geöffnet hatte.
Ich schüttelte den Kopf und zwang mich, den Blick abzuwenden. Dennoch tasteten meine Finger in der Hosentasche nach dem kleinen Umschlag. Ich hatte nicht vorgehabt, ihn zu öffnen. Ehrlich gesagt, hatte ich sogar mit dem Gedanken gespielt, ihn zu verbrennen. Immerhin konnte es mir egal sein, was darinstand. Ich hatte keine Zeit für irgendwelche Spielchen und außerdem …
„Evangeline?“
Als ich aufsah, traf mich Mr. Delanys vorwurfsvoller Blick.
„Was ist das?“, fragte er und deutete auf meinen Tisch. Meine Augen folgten seiner Hand, bis die Spitze seines Fingers auf meinen Block traf. Mein Stift lag nach wie vor quer über der unbeschriebenen Seite.
Читать дальше