„Das ist alles“, sagte sie schließlich, ohne den Blick von Grannies Körper zu wenden, „Mehr kann ich momentan nicht tun.“
Sie packte die Fläschchen und Phiolen und Schälchen und Tiegel zurück in ihren Beutel und dann trat sie zurück.
„Sie sollten für sie beten“, hauchte sie in Rubinas Richtung, bevor sie sich umdrehte und ging.
Stumm starrte Rubina auf den schlaffen Körper ihrer Großmutter. Ihre Finger blieben fest mit denen von Grannie verschränkt, während sie lautlos niedersank.
Im Augenwinkel bemerkte ich, dass jemand neben mich getreten war. Zögernd drehte ich den Kopf ein Stück und erkannte den älteren Mann von vorhin.
„Wir sollten sie allein lassen“, flüsterte er so leise, dass ich Mühe hatte, ihn zu verstehen. Mit einer Handbewegung wies er auf einen der Tunnel, die den Raum verließen.
*****
„Ich denke, wir sollten uns unterhalten.“
Die Stimme des Mannes durchbrach das Schweigen, das uns bisher umgeben hatte. Kaum, dass wir den kleinen Raum betreten hatten, wies er auf einen Stuhl.
„Bitte, setz dich.“
Stumm kam ich seiner Aufforderung nach. Noch immer versuchte ich zu begreifen, was ich gesehen hatte. Mit den Fingern fuhr ich die Rillen auf dem Holztisch nach, der zwischen mir und dem Mann stand. Dieses Wesen – Unmöglich, dass ein Wolf so riesenhaft und … blutrünstig war. Und das hier – dieser Raum, diese Tunnel mit den kahlen Steinwänden und Holzbalken, mit Fackeln – Wo um alles in der Welt war ich nur gelandet? Meine Fingerspitze verharrte in einer besonders tiefen Kerbe, die das helle Holz des ansonsten dunkel gewordenen Tisches offenlegte.
„Ich bin Raymond.“
Als ich den Blick hob, sah ich direkt in seine dunklen Augen, die mich so durchdringend musterten, dass ich schauderte.
„Wie heißt du?“
Ich zögerte mit meiner Antwort.
„Evangeline“, sagte ich schließlich knapp, „Evangeline MacKay.“
Er nickte. „Also gut, Evangeline. Du hast Ruby also geholfen, Grannie herzubringen?“
„Ja.“
„Die beiden haben dich nie zuvor erwähnt. Woher kennt ihr euch?“
Ich sah auf. Während die warmen Flammen dunkle Schatten an die Wände warfen, schien sich die Zeit in Sirup zu verwandeln.
„Ich kenne sie nicht wirklich“, hörte ich mich sagen, „Sie … sie haben mir angeboten, bei ihnen zu übernachten. Nur für diese Nacht.“
„Warum?“ Raymonds Stimme war so langsam wie warme Schokolade. „Wie kommt es, dass du ein Dach über dem Kopf suchst? Und warum bist du ausgerechnet bei Ruby und Grannie untergekommen? Soweit ich weiß, hatten die beiden seit Jahren keinen Besuch mehr.“
Mein Blick konzentrierte sich wieder auf die Kerben in der Tischplatte.
„Es war eine … Notlage“, erklärte ich schließlich, „Ich habe mich verlaufen und bin in dieses Gewitter geraten. Ihr Haus war das erste, das ich fand. Ich war einfach nur froh …“
Ich verstummte, ohne den Satz zu beenden. Bei dem Gedanken an Grannies Lächeln stieg warme Übelkeit in mir auf. Der Eisengeruch schien mit einem Mal überall zu sein und ich musste schlucken.
„Und Grannie und Rubina haben dir ein Zimmer angeboten?“, hakte Raymond nach.
„Ich wollte nicht … Ich meine, ich wollte mich nicht aufdrängen. Ich habe sie nach einem Telefon gefragt, doch sie haben keins.“ Als ich wieder daran dachte, kam mir ein Gedanke. „Vielleicht wissen Sie ja zufällig, wie weit es von hier aus nach Calgary ist?“
Der Mann rang für einen kurzen Moment um seine Fassung, fing sich jedoch schnell wieder.
„Es … ist ein ganzes Stück“, antwortete er knapp, „Wohnst du dort?“
„Ja.“ Meine Finger kratzen über kleine Holzsplitter am Rand der Kerbe.
„Deine Eltern werden dich sicherlich schon vermissen.“
Der Gedanke an Mom und Dad ließ mich für einen Augenblick innehalten. Ich sah die beiden in unserem Wohnzimmer, zwischen all den offenen Kisten und Kartons und Legosteinen und Kuscheltieren, Mom auf der Couch sitzend, den Kopf in die Hände gestützt und Dad am Fenster, wie er zum fünfzigsten Mal in dieser Stunde versuchte, mich zu erreichen.
„Du kannst über Nacht hierbleiben, wenn du möchtest.“ Ich hörte, wie Raymond atmete. Tief und ruhig, obwohl er vor Anspannung die Hände so ineinander verschränkt hatte, dass die Knöchel weiß hervortraten.
„Und morgen …“ Er zögerte. „… Morgen bringe ich dich in die Stadt. Was sagst du?“
Erneut schweifte mein Blick durch den Raum. Die kahlen Wände und die Fackeln, das fensterlose Mauerwerk fünfzig Stufen unterhalb der Erde – hier lud absolut nichts zum Bleiben ein. Andererseits war der Gedanke, mich ein zweites Mal zu verirren oder womöglich sogar dieser Bestie über den Weg zu laufen, noch viel weniger verlockend. Was half es mir schließlich, Hals über Kopf aufzubrechen, wenn in einigen Stunden alles schon klarer und einfacher sein könnte?
„Okay.“ Ich nickte. Für einige Sekunden glaubte ich, Verunsicherung in Raymonds Zügen zu lesen, doch gleich darauf wischte ein zuversichtliches Lächeln alle Zweifel weg und Raymond stand auf.
„Gut“, schloss er, „Dann zeige ich dir jetzt, wo du schlafen kannst.“
Mit einer zuvorkommenden Geste öffnete er die Tür und führte mich hinaus auf den Gang.
*****
Aufgewühlt streifte ich durch den kleinen Raum. Seit Stunden hatte sich nichts getan, obwohl ich es kaum erwarten konnte, diesen Ort endlich zu verlassen. Raymond hatte von Morgen gesprochen, doch ich hatte jegliches Zeitgefühl verloren.
Noch immer hielt ich mein Smartphone fest umklammert. Es war das erste, was ich getan hatte, nachdem Raymond mich allein gelassen hatte. Ohne auf das Zeichen zu achten, das mir erneut sagte, ich hätte keinen Empfang, hatte ich versucht, meine Eltern zu erreichen, hatte SMS geschrieben, die nie versendet wurden. Ich wusste nicht, wie lange ich so dagestanden – wie oft ich es probiert hatte, bis der Akku schließlich die letzten zehn Prozent erreicht hatte. Ich hoffte, dass ich diese zehn Prozent vielleicht noch brauchen konnte, wenn ich endlich einen Ort mit Empfang finden würde, weshalb ich es schließlich widerwillig ausgeschaltet hatte. Seitdem konnten Stunden vergangen sein – oder auch nur Minuten, die sich wie eine Ewigkeit anfühlten.
Je länger ich über all das nachdachte, desto schlimmer wurde es. Diese altmodische Kleidung und Menschen, die offenbar ohne Strom lebten, Tunnel unter der Erde und eine seltsame Heilerin anstelle eines Notarztes – konnte ich in eine Sekte geraten sein? Und wenn ja, würden sie mich dann wirklich zurück nach Hause bringen? Mein Herz raste bei dem Gedanken an die Alternativen.
Verzweifelt suchte ich nach einer anderen Erklärung, nach einer beruhigenderen Möglichkeit, doch die Bilder dieser Nacht überlagerten alles. Immer wieder tauchten Szenen vor meinem inneren Auge auf. Ich hörte Rubina schreien. Ich sah Blut spritzen, so viel Blut. Und immer wieder hörte ich das Donnern, das Bersten von Holz, das Brüllen der Bestie. Es war grauenhaft. Und unerklärlich.
Was ich gesehen hatte, konnte nicht existieren! Und doch hatte es Grannie fast umgebracht, hatte die Hütte in ein einziges Blutbad verwandelt.
Ich hatte noch nie zuvor so panische Angst verspürt. Panische Angst, es könnte zurückkehren. Panische Angst vor diesen Menschen. Panische Angst an diesem fensterlosen Ort.
Ich raufte mir das Haar, lief immer weiter, Runde um Runde durch den Raum, weil ich wusste, dass Stillstand die Bilder zurückbringen würde, die Gedanken, die dunklen Finger der Angst um mein Herz.
Wieder und wieder setzte mein Verstand aus, während ich nach Erklärungen suchte, nach einer Lösung, nach irgendetwas, das all das ungeschehen machen konnte.
Noch nie zuvor hatte ich all die Kisten und das Chaos daheim so vermisst. Noch nie zuvor hatte ich mir so sehnlich die Arme meiner Eltern gewünscht, die sich beschützend um mich legten. Noch nie zuvor hatte ich so dringend nicht allein sein wollen.
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