1 ...8 9 10 12 13 14 ...18 Mechanisch stieg ich die Treppe hinab.
Rubinas Kopf war nach unten gebeugt. Tränen tropften auf Grannies Gesicht. Ich kniete mich neben sie in die glitschig-rote Lache.
„Nein“, hauchte sie noch immer, „Grannie … Nein.“ Schluchzer schüttelten ihren Körper. Mit zitternden Fingern strich sie über Grannies Wangen. So zerbrechlich.
„Rubina?“ Sie schien meine Anwesenheit nicht zu bemerken. Verloren starrte sie in Grannies bleiches Gesicht.
„Rubina.“ Jetzt sah sie auf. Nach Halt suchend musterte sie mich. „Zu spät“, murmelte sie, „Viel zu spät.“ Dann sah sie wieder zu Grannie.
Vorsichtig berührte ich ihr schlaffes Handgelenk, wollte sie von Rubinas Schoß ziehen – als ich es spürte. Ein schwaches Schlagen, direkt unter der Haut. „Oh Gott“, hauchte ich und dann lauter, „Oh Gott. Oh Gott! Sie lebt! Rubina, sie lebt!“
Rubina hob den Kopf und sah mich verständnislos an.
„Sie lebt!“, wiederholte ich, „Sie hat einen Puls! Sie lebt!“
Ich sprang auf. „Wir brauchen einen Arzt!“ Rubinas Blick wechselte zwischen mir und Grannie. „Verdammt, ruf einen Arzt, Rubina!“ Meine Schreie wurden schriller. „Sie braucht Hilfe! Wir brauchen Hilfe! Steh auf! Komm schon, steh auf!“
Unendlich langsam erhob sie sich. „Ein … Arzt“, wiederholte sie schleppend, „Hilfe.“
„Ja, wir brauchen Hilfe! Ruf einen Arzt!“
Endlich wurde ihr Blick klar, fokussiert. „Warte hier“, sagte sie gefasst. Im nächsten Moment sprintete sie die Treppe nach oben, immer zwei Stufen auf einmal nehmend.
Ich kniete mich neben Grannie. Um ehrlich zu sein, hatte ich nicht die geringste Ahnung, was ich jetzt tun sollte.
„Keine Sorge“, murmelte ich deshalb. Meine Hand schloss sich um Grannies. „Wir holen Hilfe. Rubina ruft einen Arzt. Alles wird gut.“
Sekunden später tauchte Rubina auf. „Wir müssen sie zu den anderen bringen!“, verlangte sie atemlos, während sie ein Laken neben Grannie auf dem Boden ausbreitete, „Nimm ihre Beine. Vorsichtig! Bei drei heben wir sie rüber.“
„Rubina was –“
„Drei!“
Innerhalb von Sekunden lag Grannie auf dem weißen Stoff. „Nimm die Enden!“, wies Rubina mich an, „Na los, mach schon!“
„Was soll das, Rubina? Was hast du vor?“
„Sie retten!“, schnauzte sie, „Bei drei.“
Mit einem Ruck hoben wir Grannie in die Luft.
„Und jetzt los!“ Rubina setzte sich in Bewegung. Zu spät wurde mir klar, was sie da tat.
„Aber wir können doch nicht –“
„Klappe!“
„Aber sie braucht einen –“
„Klappe, verdammt!“
Ich verstummte. Mondlicht verlieh der Welt einen Silberschimmer. Nichts erinnerte an den Angriff. Friedlich ruhte die Welt um uns herum. Vereinzelt hallten die Rufe einer Eule durch die Nacht. Schon bald war die Blockhütte außer Sichtweite und wir stolperten mitten durch den Wald. Die Luft hatte sich abgekühlt und eine frische Brise strich über meine bloße Haut. Ich war nicht mehr dazu gekommen, meine Schuhe anzuziehen, also lief ich barfuß, nur in dieser dünnen Bluse und einem Rock durch den nächtlichen Wald.
Meine Arme zitterten bald vor Kälte und Anstrengung. „Wie weit …“
„Reiß dich zusammen!“
Nur Minuten später hielten wir – mitten im Wald. Suchend sah ich mich um. „Was zur Hölle machen wir hier?“, brüllte ich über Grannies leblosen Körper hinweg, „Sie braucht einen Arzt!“
„Sei endlich still!“ Rubina machte Anstalten, sie abzulegen und ich konnte gerade noch rechtzeitig reagieren. Bevor ich auch nur ein Wort gesagt hatte, fiel Rubina einige Schritte entfernt auf die Knie und begann, im Laub zu scharren. Fassungslos starrte ich sie an.
„Zum Himmel nochmal!“ Ohne sich umzudrehen stieß sie die Worte hervor. „Was stehst du da noch? Hilf mir!“
Zögernd näherte ich mich ihrer gebeugten Gestalt. Ich hatte das dumpfe Gefühl, sie könnte den Verstand verloren haben. Moosklümpchen flogen in alle Richtungen, als sie wie eine Besessene mit der Erde kämpfte. Ich bekam Angst.
„Rubina.“
Ich wollte sie gerade wegzerren, da sah ich es. Zwischen den Grasbüscheln lag eine Holzplatte am Hang. Nein, sie war dort verankert. Rubina legte einen großen eisernen Ring frei, dann stand sie auf und machte sich daran zu schaffen.
„Fass mal mit an!“, befahl sie harsch, während sie sich mit ihrem ganzen Gewicht gegen die Platte stemmte. Zögernd griff ich zu und tat es ihr gleich. Mit einem Ruck klappte die Platte nach oben und gab steinerne Stufen frei.
„Worauf wartest du, verdammt?“ Rubina war bereits wieder zu ihrer Großmutter gelaufen und hatte das Laken ergriffen. „Beeil dich!“ Gemeinsam hievten wir das Laken erneut in die Luft und schleppten Grannie zum Eingang.
„Was genau ist das hier?“, fragte ich, als wir die Treppe betraten. Ich erhielt keine Antwort. Vorsichtig stiegen wir Stufe um Stufe nach unten in den Hügel. Je weiter wir kamen, desto dunkler wurde es. Das Mondlicht leuchtete den Gang nur noch spärlich aus und schließlich gar nicht mehr. Es war stockdunkel. Ich begann, die Stufen zu zählen. Eins, zwei, drei … ich war bei fünfzig, als es plötzlich wieder hell wurde. Gelblicher Lichtschein drang in die Dunkelheit. Kurz drauf öffneten sich die Treppen in einen schmalen Gang. Rubina begann zu sprinten. Wenig später erreichten wir endlich einen Raum.
„Wir brauchen Hilfe!“ Wie ein Komet krachten wir in das Zimmer und begegneten den versteinerten Mienen mehrerer Männer und Frauen. Völlig sprachlos starrten sie uns entgegen, musterten zuerst Grannies leblosen Körper auf dem Laken, bis schließlich ihre Blicke auf mir verharrten.
„Schaut nicht so, tut etwas!“ Rubinas Stimme hallte von den steinernen Wänden wider. „Die Bestie ist zurück. Ihr müsst Grannie retten!“
Endlich kam Bewegung in diese Leute. Ein Mann fasste einen anderen, jüngeren bei den Schultern. „Hol die Heilerin“, befahl er ruhig. Der junge Mann nickte und verschwand durch einen der Gänge, während der ältere vortrat.
„Wer ist das?“, fragte er und musterte mich skeptisch.
Rubina ignorierte seine Frage. „Bitte!“, verlangte sie erneut, diesmal wesentlich schriller, „Helft ihr! Rettet Grannie!“
Der Mann wirkte nicht ansatzweise schockiert – weder von dem leblosen Körper Grannies in diesem Laken, noch von Rubinas Worten.
„Wer ist das, Rubina?“, wiederholte er langsam.
Rasend vor Wut warf Rubina ihren Kopf herum.
„Grannie wird sterben!“, schrie sie mitten in sein Gesicht, „Also hör verdammt nochmal auf, Fragen zu stellen und hilf uns!“
Endlich gab der Mann nach. Beherrscht deutete er auf den kreisrunden Tisch, der die Mitte des Raumes einnahm. „Legt sie dorthin.“
Noch bevor Grannies Körper mit dem Laken die Tischplatte berührte, stürmte eine Frau in den Raum.
„Was ist passiert?“, fragte sie atemlos. Ihr Gewand klimperte bei jeder Bewegung und ein seltsamer Duft nach Gewürzen und Kräutern umwehte sie wie eine Wolke. „Wo ist sie?“
Ich trat ein paar Schritte zur Seite, um ihr den Weg freizumachen. Bunte Tücher und schwarze Locken rauschten an mir vorbei. Dann beugte sich die fremde Frau über Grannies Körper.
„Sie hat viel Blut verloren“, hörte ich sie murmeln, „Ich weiß nicht, ob …“
„Bitte!“ Rubina strich Grannie erneut mit zitternden Händen über die Stirn. Ihre Augen waren geschwollen und rot. „Bitte, tut alles, was Ihr könnt.“
„Ich werde mein Bestes versuchen.“ Die Heilerin fasste Rubinas Hand und hielt sie für einige Sekunden, bevor sie sie in Grannies legte. Dann breitete sie in einer fließenden Bewegung ihre Hände über Grannies leblosen Körper. Ein goldenes Leuchten ging von ihren Handflächen aus.
Ich brachte kein Wort zustande. Stumm beobachtete ich, wie das Leuchten zu einem Glimmen wurde und schließlich ganz verschwand, wie die Heilerin anschließend nach Wasser und Tüchern verlangte, wie sie verschiedene Fläschchen, Gläser, Phiolen und Tiegel aus einem Lederbeutel holte und seltsam riechende Zutaten in einem kleinen Schälchen vermengte, wie eine Frau ihr Tücher und Wasser reichte und die Heilerin eines der Tücher mit einer klaren Flüssigkeit beträufelte und vorsichtig auf die klaffende Wunde zwischen Grannies Schulter und ihrem Hals drückte. Grannie stöhnte und die Heilerin murmelte einige beruhigende Worte, bevor sie erneut in ihren Lederbeutel griff und etwas zutage förderte, das an eine Nadel mit etwas Faden erinnerte. Mit geschickten Stichen nähte sie das offene Fleisch über der Wunde wieder zusammen. Anschließend rührte sie das Gemisch in der Schale ein weiteres Mal um, ehe sie es gleichmäßig über der Naht auftrug und mehrere Tücher faltete, die sie wie einen Verband um Grannies Schulter schlang.
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