Nicole wackelte mit dem Kopf und rollte mit den Augen. Nach dem dreiminütigen Gespräch, währenddessen sie sich Notizen machte, rief sie ins Nebenzimmer: „Jungs, wir haben einen Mord.“
„Au, fein“, kam die Antwort wie aus einem Mund von ihren Mitarbeitern und gleich danach von Harald: „Sorry, so war das nicht gemeint.“
Nicoles Mundwinkel verzogen sich zu einem Lächeln. „In Seligenstadt wurde eine Tote gefunden.“ Im gleichen Moment erwartete sie die bekannte Retoure, die auch sofort kam.
„Was? Schon wieder? Das ist nicht dein Ernst?“ Lars stand am Türrahmen und drohte mit dem Zeigefinger. „Sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt, in diesen Ort zu ziehen. Leichen auf verlassenen Grundstücken. Leute, die vergiftet, erwürgt und anschließend gerädert werden.“
„Vergiss nicht die Spukgeschichten, die noch immer in dem Ort die Runde machen“, nahm Harald grinsend den Faden auf. Plötzlich war er hellwach. „Ich sage nur – der schwarze Mönch.“
„Ja, das Böse ist immer und überall“, konterte Nicole. „Obertshausen ist aber auch nicht gerade der Garten Eden, oder?“ Sie zwinkerte ihrem Kollegen kokett zu.
„Das nicht. Aber, lass mich überlegen. Wann gab es dort den letzten Mord? 2008 und davor 2003?“ Lars fuhr mit der Hand über seinen Dreitagebart und anschließend durch seine schulterlangen, braunen Haare.
„Wenn ich mich nicht irre, liegen immerhin 5 Jahre dazwischen. Ein kleiner Unterschied zu deinem auserwählten kuscheligen Domizil – jedes Jahr ein Mord.“
„Bevor dein Hirn qualmt, schnapp dir einen Dienstwagen. Harald und ich fahren mit dem Insignia, alles andere steht – soweit vorhanden – zu deiner freien Verfügung.“
In diesem Jahr hatte die Polizeibehörde ihren Fuhrpark um zehn Fahrzeuge erweitert und Nicole hatte sofort einen entsprechenden Antrag auf ein neues Auto gestellt. Zum Erstaunen ihrer Mitarbeiter wurde ihr und ihrem Team ein fabrikneuer Insignia zugeteilt.
„Übrigens, die Tote trägt die Seligenstädter Tracht“, rückte Nicole mit den ersten Infos heraus. „Soweit mir bekannt ist, findet aber zurzeit keine passende Festivität statt. Sprich du mal mit Josef Maier“, wandte sie sich an Harald. „Vielleicht kann er dir nähere Auskünfte geben.“
Nicole wusste, dass er sich, seit dem Leichenfund vor zwei Jahren in der NOTH GOTTES-Kapelle, sehr für die Historie Seligenstadts interessierte und deshalb engeren Kontakt mit dem Dienststellenleiter der Seligenstädter Polizei aufgebaut hatte.
„Wieso rücken wir nicht alle zusammen in einem Wagen an?“, erkundigte sich Lars.
„Harald und ich fahren anschließend direkt zur Rechtsmedizin nach Sachsenhausen. Dort liegt nämlich schon unsere Leiche. Der griesgrämige Kollege vom KDD informierte mich, dass er bereits die Staatsanwaltschaft benachrichtigt hat und die Obduktion für Punkt 15 Uhr angesetzt ist. Ich denke, da willst du nicht mit?“
Lars hob die Hände. „Lass diesen Kelch an mir vorübergehen.“
„Dachte ich mir“, erwiderte Nicole lachend.
Ihr Kollege hatte eine, für einen Kriminalkommissar nicht unbedingt förderliche Abneigung Leichenöffnungen beizuwohnen, und sie nahm, soweit dies möglich war, darauf Rücksicht. Einmal wies sie sogar den Staatsanwalt, der verbal sein Unverständnis darüber zum Ausdruck brachte, mit der Bemerkung zurecht: Haben wir nicht alle unsere kleinen Macken?
„In der Kennedyallee haben sie wohl auch nicht viel zu tun“, kommentierte Harald die ungewöhnlich zügige Autopsie.
„Wenn wir nicht liefern, sind auch der Doc und sein Team arbeitslos“, konterte Nicole, mit einem Grinsen und nahm ihre Tasche und Jacke von der Rückenlehne ihres Bürosessels.
„Während ihr mit den Kalten ein Rendezvous habt, werde ich meine Beziehung zur elektronischen Datenverarbeitung intensivieren, sobald ihr mir Infos vorlegt“, bot Lars seine Dienste an.
„Clever“, raunte Harald seinem Kollegen zu.
„Dafür darfst du den Wagen holen, Harry“, rief der ihm hinterher, mitsamt einem Stift, der aber am Türrahmen abprallte und vor den Füßen von Dr. Ludwig Lechner landete.
Der Erste Kriminalhauptkommissar der Abteilung des K11 zog erschreckt den Kopf ein.
„Entschuldigung! Mein Kollege übt noch“, sagte Harald und bückte sich nach dem Schreibmaterial.
„Was?” Der Chef des K11 schaute seine Mitarbeiter befremdet an. „Also das ... eh, das wäre ja noch schöner. Eh ... also, weshalb ich hier bin. Wo wollen Sie eigentlich hin? Sie haben einen neuen Fall.“
Nicole schlängelte sich an ihrem Vorgesetzten vorbei. „Wir sind schon unterwegs.“
„Ja, aber Sie wissen doch noch gar nicht wohin?“ Dr. Lechner drehte sich halb um die eigene Achse.
„Nach Seligenstadt. Dort wurde eine Tote aufgefunden.“
„Es sei denn, Sie haben eine weitere Leiche für uns?“, ergänzte Nicole die Aussage von Harald.
„Eh, ja ... ich meine, natürlich nein. Eine Leiche pro Tag genügt ja wohl. Oder?“
Dr. Lechner wischte mit einem blütenweißen Batist-Taschentuch seine mit Schweißperlen bedeckte Stirn ab. Schuld dafür war nicht die stickige Luft in den Fluren des alten Polizeipräsidiums, das nie über eine Klimaanlage verfügt hatte und auch keine mehr erhalten würde, weil ein Neubau bereits in Planung war, sondern sein stetig steigender Blutdruck.
„Wir wurden gerade von den Kollegen des KDD unterrichtet“, beendete Nicole die sichtbar mentale Überbeanspruchung ihres Chefs. „Sobald wir mehr wissen, geben wir Ihnen sofort Bescheid, wie immer.“
„Ja, ja, tun Sie das. Ich weiß ja, dass ich mich auf Sie verlassen kann, Frau Wegener. Viel Erfolg.“
Mit diesen lobenden und aufbauenden Worten schritt Dr. Ludwig Lechner, mit leicht hängenden Schultern, den Gang entlang.
„Viel Erfolg?“, wiederholte Lars, als sie alle drei im Fahrstuhl nach unten fuhren. „Was ist denn mit dem los?“
„Er überlebte gerade einen Anschlag durch einen Stabilo point“, antwortete Harald. „Wie würdest du darauf reagieren?“
„Hoffentlich behält er kein Trauma zurück“, lachte Lars.
„Jungs, bitte“, erwiderte Nicole. „Etwas mehr Respekt. Auch wenn Dr. Lechner manchmal etwas ... sonderlich ist, so ist er noch immer unser Chef.“
„Wie lange, glaubst du, wird er uns noch erhalten bleiben?“, fragte Harald. „Immerhin ist er auch schon 64 und längst pensionsberechtigt und, so ganz gesund sah er gerade auch nicht aus.“
Nicole zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Ich hoffe aber noch ganze Weile. Bei ihm wissen wir zumindest woran wir sind. Was danach kommt, steht in den Sternen. Also, seid lieb zu ihm. Klar?“
„Klar, Chefin“, antwortete Harald.
„Genau wie zu dir“, setzte Lars nach. „Wir beide lieben dich sehr. Stimmt’s Harry?“
Nicole grinste. „Nicht nötig. Die Aufgabe hat Andy bereits übernommen.“
Das große Haus hatte es möglich gemacht, dass sie zwischen zwei Räumen wählen konnte. Sie entschied sich für das Zimmer, von dem aus sie den Blick in den Garten hatte.
Nun schaute sie aus dem Fenster auf den von der Hitze des Sommers gezeichneten, nicht mehr ganz grünen Rasen und auf das schon herbstlich gefärbte Laub der Bäume.
Auf den Tag genau, vor einem Jahr, war die 63-Jährige aus dem ehelichen Schlafzimmer ausgezogen, was bei ihrem Ehemann auf Unverständnis stieß und letztlich in einem groben Wortgefecht, vonseiten ihres Gatten, endete.
Sie hätte wohl nicht mehr alle Sinne beisammen, schnaubte er wutentbrannt und drohte, sie aus dem Haus zu werfen, und zwar mittellos, sollte sie nicht zur Vernunft kommen.
Maria Hagemann verstand nicht wieso er, sogar in den eigenen vier Wänden, darauf bestand diese Farce aufrechtzuerhalten. Ebenso wenig konnte sie ergründen, woher sie plötzlich den Mut genommen hatte, ihm ins Gesicht zu schleudern, wenn er sie rauswerfen würde, sie allen erzählen würde, weshalb Daniel wirklich von zu Hause weggelaufen war.
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