Frau Hagemann gab einen undefinierbaren Ton – es hörte sich beinahe wie ein Lachen an, aber auch wieder nicht – von sich.
„In der Zeitung steht, Ihr Mann sollte den Bundesverdienstorden erhalten. Könnte es sein, dass ihm jemand diese Auszeichnung neidet? Ich meine, ist vielleicht irgendwer dagegen?“
Zum ersten Mal zeigte Maria Hagemann eine emotionale wenn auch nur kurze, Regung. Sie umklammerte die Schreibtischkante so stark, dass ihre Handknöchel weiß wurden, und starrte sekundenlang stumm aus dem Fenster, das zur Straßenseite hinausging.
Dann drehte sie sich zu den Beamten um und sagte mit fester Stimme: „Ich fürchte, ich kann Ihnen nicht helfen. Mein Ehemann und ich hatten nicht mehr viele Gemeinsamkeiten, im letzten ... in letzter Zeit. Deshalb weiß ich auch nicht, ob er Neider hatte oder, wie Sie es ausdrücken wollen ... ihm irgendjemand die Auszeichnung missgönnte. Am besten fragen Sie die Leute, mit denen er ständig beisammen war. Die Adressen dürften auch in dem Buch stehen. Nehmen Sie es gerne mit.“
Das ließ sich Nicole nicht zweimal sagen und steckte den Terminkalender in ihre Handtasche.
„Den Computer brauchen Sie doch bestimmt auch?“
„Eh ... ja, danke, Frau Hagemann“, erwiderte Lars. „Die Festplatte des Rechners würde uns schon genügen.“
„Obwohl Heinz nie wirklich über seine Arbeit geredet hat, kenn ich mich ein bisschen in der Polizeiarbeit aus“, erklärte Maria Hagemann, als sie Lars‘ überraschten Gesichtsausdruck sah. „Und ja, gewiss waren ihm damals nicht alle wohl gesonnen. Hauptsächlich die, die er für lange Zeit ins Gefängnis brachte; was nicht verwunderlich ist, oder?“
Die Frau lachte freundlos auf. „Aber, das ist schon so lange her. Wieso sollte jetzt ...?“ Dann machte sie eine einladende Handbewegung. „Schauen Sie sich ruhig hier um. Falls Sie doch noch einen Kaffee möchten … ich bin unten.“ Sie ging aus dem Zimmer und zog leise die Tür hinter sich zu.
„Ich hätte ja alles erwartet“, sagte Nicole, „aber nicht das.“
„Vielleicht steht die Frau ja nur unter Schock.“
Das Stirnrunzeln seiner Chefin verriet Lars, dass sie nicht wirklich daran glaubte und er eigentlich auch nicht.
„Allerdings denke ich, dass sie etwas vor uns verbergen will. Hast du gesehen, dass sie ganz fix, als wir in die Küche kamen, etwas in ihre Schürze steckte?“
Lars nickte. „Was es war, konnte ich aber nicht sehen. Du glaubst aber doch nicht, dass sie ihren Mann ermordet hat?“
„Für irgendwelche Annahmen ist es noch zu früh“, entgegnete Nicole. „Aber wenn … dann hatte sie einen Helfer. Einen über 1 Meter 70 großen und zirka 80 Kg schweren Mann aus einem Kofferraum zu heben und die Treppe am Turm hinunterzutragen, dazu braucht es schon einige Kraft. Frau Hagemann ist meines Erachtens etwas über 1 Meter 60 groß und dürfte zwischen 60 und 65 kg wiegen.“
Nicole durchsuchte die – sie hatte es fast erwartet – nicht abgeschlossenen Schubladen des unter dem Schreibtisch stehenden Metallcontainers. Fand darin aber nur Kopierpapier und Farbpatronen für den Drucker, sowie Klarsichtfolien und allerlei andere Dinge für Büroarbeiten; alles sorgfältig sortiert und gestapelt.
Sie drehte sich den Fotos an der Wand über der Biedermeierkommode zu. Ausnahmslos Aufnahmen von Vereinsveranstaltungen, vermutlich zu irgendwelchen feierlichen Anlässen. Nicht ein einziges Foto, auf dem Hagemann mit seiner Frau zu sehen war, geschweige denn eines von Daniel, seinem Sohn. Auch unten, im Wohnzimmer hatte Nicole keine Familienfotos gesehen.
Inzwischen hatte Lars sich die, nach dem Alphabet im Regal einsortierten, Ordner vorgenommen. Wie schon auf den Ordnerrücken ersichtlich, handelte es sich um Unterlagen von Vereinen und Gesellschaften. Er blätterte gelangweilt darin herum und sagte: „Der Mann war äußerst penibel, was seine Ablage betrifft. Hätte genauso gut Finanzbeamter sein können.“
„Die Spurensicherung fand vor Ort kein Handy und hier sehe ich auch keins. Bei all seinen Tätigkeiten musste er doch erreichbar sein.“
„Fragen wir die Ehefrau“, schlug Lars vor, schnappte sich die inzwischen ausgebaute Festplatte und ging vor Nicole die Treppe hinab.
„Ja, Heinz besaß ein iPhone“, bestätigte Maria Hagemann. „Das hatte es immer bei sich. Ebenso wie die Hausschlüssel und seine Brieftasche. Da war er sehr eigen. Wenn Sie es nicht gefunden haben, wird der Täter wohl alles an sich genommen haben. Oje, dann muss ich wohl sofort das Schloss austauschen lassen.“
„Das wird das Beste sein, Frau Hagemann“, bestätigte Lars und wunderte sich erneut, wie die Frau in einer solchen Situation so logisch denken konnte.
„Können Sie uns bitte die Nummer des Handys Ihres Mannes geben? Vielleicht haben wir Glück und wir können es orten.“
„Auswendig weiß ich die nicht. Da müsste ich in meinem Notizbuch nachschauen. Einen Moment.“
Erneut ging Maria Hagemann in den ersten Stock und kam nach kaum zwei Minuten wieder zurück.
Die Sache mit Hagemanns Bekleidung schwirrte Nicole noch immer im Kopf herum. Jetzt wollte sie es wissen.
„Hatte Ihr Mann, außer den Vereinsaufgaben noch andere Hobbys? War er vielleicht in einer Theatergruppe, oder hatte er etwas mit dem Heimatverein zu tun?“
„Heinz?! Keinesfalls. Wieso fragen Sie?“
„Nun, weil ..., weil Ihr Ehemann in der historischen Seligenstädter Tracht der Frauen gefunden wurde.“ Nicole zeigte das Foto auf ihrem Handy. „Können Sie sich das erklären?“
Maria Hagemann schüttelte den Kopf, lachte dann hysterisch auf und bekam einen Hustenanfall. „Bitte, entschuldigen Sie. Aber, das ist ..., das ist absolut absurd.“
„Besitzen Sie eine solche Tracht?“
„Ja, sie hängt in einem Schrank auf dem Dachboden. Ich war schon seit Jahren nicht mehr dort oben. Sie glauben doch nicht, dass ...? Bitte, ich zeige sie Ihnen.“
Auf dem Speicher angekommen, öffnete Maria Hagemann einen alten Kleiderschrank.
„Das gibt es doch nicht. Sie ist nicht mehr da.“
Sie blätterte durch die, auf Bügel hängende Kleidung. Danach bückte sie sich und durchwühlte auf dem Boden stehende Kartons.
„Hier fehlen auch aussortierte Hosen und Pullover von Daniel, die ich zur Kleidersammlung bringen wollte, dann aber vergessen hatte, als er ... nachdem er fortgelaufen war.“
Noch immer kniend drehte sie sich zu dem Kriminalbeamten um. „Was bedeutet das?“
„Vermutlich handelt es sich um Ihre Tracht, in der ihr Ehemann gefunden wurde“, sagte Lars halblaut.
„Um genau festzustellen, ob es sich tatsächlich um das gleiche Kleidungsstück handelt, benötigen wir von Ihnen eine DNS-Probe. Wenn Sie damit einverstanden sind, schicken wir einen Mitarbeiter der Kriminaltechnik vorbei.“
Maria Hagemann nickte träge. Scheinbar in Gedanken stieg sie vor den Beamten die Treppen hinab.
„Geben Sie mir bitte Bescheid, falls Ihnen neue Erkenntnisse vorliegen?“, sagte sie an der Haustür.
Neue Erkenntnisse ? Schon wieder diese Ausdrucksweise , wunderte sich Lars erneut.
„Ja, sicher. Und, falls Ihnen noch etwas einfällt, rufen Sie uns bitte an.“
Nicole reichte Maria Hagemann ihre Visitenkarte. „Ach, hätte ich fast vergessen. Welchen Wagen fährt Ihr Mann?“
„Einen alten Citroën. Wieso? Der steht in der Garage.“
Lars schüttelte den Kopf. „Die Garage ist offen, aber kein Auto weit und breit.“
Maria Hagemann stürzte an den Beamten vorbei und aus dem Haus. „Das verstehe ich jetzt nicht. Heinz fuhr immer mit dem Fahrrad zu seinen Vereinsabenden. Aber sein Fahrrad steht hier, neben meinem.“
„Wir veranlassen die Fahndung nach dem Wagen“, versprach Nicole. „Wenn Sie uns Modell und Kennzeichen geben?“
Sobald die Beamten auf der Straße und aus Maria Hagemanns Blickfeld verschwunden waren, holte sie ihr Handy aus der Schürze.
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