Unversehens entglitt das Kügelchen ihren Fingern, fiel mit leisem Pling auf die Fliesen und rollte unter einer der Toilettentüren hindurch. Helena riss die Kabine auf, doch statt der erwarteten Keramik empfing sie nachtschwarze Dunkelheit, als würde das Deckenlicht an der Tür abgeschnitten.
Einen Fluch ausstoßend setzte sie ihre im zierlichen Manolo-Blahnik-Stiletto steckende Fußspitze hinein und tippte probehalber auf den unsichtbaren Boden. Glatt und hart, nicht anders als die übrigen Fliesen. Sie reckte den Hals, spähte ins Nichts. Ihr Herz machte einen Sprung, als sie weiter hinten einen hellen, schimmernden Punkt entdeckte. Im Bewusstsein, dass sie für jeden, der jetzt hereinkäme, einen befremdlichen Anblick böte, kniete sie vor der Kabine und tastete mit den Fingerspitzen über den Untergrund, vermochte die Perle jedoch nicht zu erreichen.
Kurzerhand zog sie einen Schuh aus, um mit dessen Hilfe nach dem Objekt der Begierde zu angeln. Als ihr wiederum kein Erfolg beschieden war, blieb sie an der Grenze zwischen Licht und Schatten hocken. Ein Blick auf ihre Hände zeigte, dass der Alterungsprozess unbarmherzig voranschritt. Verblichene Haut wie Pergament, gesprenkelt von braunen Flecken, daraus hervortretend bläuliche Venen. Ihr grauste bei dem Gedanken, wie ihr Gesicht aussehen mochte. Draußen näherten sich Schritte. Würde man sie erkennen? Die Gefahr der Entdeckung erschreckte Helena mehr, als die Finsternis vor ihr es tat. Auf allen Vieren kroch sie in die Kabine und empfand beinahe Dankbarkeit, als das Dunkel sie fremden Blicken entzog.
Als hätte eine unbekannte Macht sie hineingestellt, fand sie sich auf einer Straße wieder; jedenfalls deuteten der Asphalt unter ihren Absätzen und die lang gezogene Perspektive vor ihr darauf hin, dass es sich um eine solche handelte. Um sie herum wogte Nebel, bildete eine undurchdringliche graue Masse, die hinter ihr ineinanderfloss, als sie sich umdrehte. Es gab nur einen Weg, vorwärts. Einen anderen hätte sie auch gar nicht einschlagen wollen, denn da lag sie, die Perle, keine drei Meter von ihr entfernt. Als Helena auf sie zuging, rollte sie weiter. Sie beschleunigte ihre Schritte, doch das verfluchte Ding passte sich ihrer Geschwindigkeit an. Helena blieb stehen und fixierte die Perle, die in höhnischer Reglosigkeit liegen blieb.
Während sie noch verschnaufte, schälte sich seitlich des Weges ein Bild heraus. Das Innere einer Kirche, bis auf den letzten Platz gefüllt mit Menschen. Menschen, die sie kannte. Niemand nahm Notiz von ihr; sie war nicht mehr als ein unsichtbarer Beobachter. Helena erblickte sich selbst, vor dem Traualtar, daneben ihren verstorbenen zweiten Mann, Heinz, der ihr den Ring an den Finger steckte. Ein Seufzer entrang sich ihrer Brust. Hinreißend sah sie aus in der Designerrobe, die ein kleines Vermögen gekostet hatte, aber jeden Pfennig wert war. Die Hochzeitsgesellschaft bestand aus Kollegen und einflussreichen Bewunderern sowie Freunden und Familienmitgliedern, erstere zahlreicher, letztere etwas weniger stark vertreten als auf Marthas Geburtstagsfeier.
Das Bild wechselte. Die Feierlichkeiten hatten sich ins Freie verlagert, in den Schlosspark, den Helena und Heinz, Erbe einer deutschen Waschmittelherstellerdynastie, für dieses Ereignis angemietet hatten. Ein Stück abseits der prächtigen Pavillons stand Caroline, die sich mit einer alten Frau unterhielt.
„Mein Gott, sie ist einundsiebzig. Einundsiebzig! Was ist bloß ihr Geheimnis? Schönheitsoperationen?“ Die Worte stammten von Frieda, Helenas Schulfreundin, die sich auf einen Stock stützte und kopfschüttelnd in Richtung der Braut unter dem weißen Baldachin blickte, bevor sie sich wieder der damals Sechsundzwanzigjährigen zuwandte.
„Ich bin mir nicht sicher, ob ich das überhaupt wissen möchte“, hörte Helena ihre Tochter seufzen. „Es ist unnatürlich und macht mir Angst. Sie macht mir Angst“, fügte sie leise hinzu.
Die Worte gaben Helena einen Stich. Jäh wurde ihr bewusst, wie einsam es um sie geworden war, ungeachtet ihrer weitläufigen familiären und gesellschaftlichen Beziehungen – und beileibe nicht nur deshalb, weil viele Freunde inzwischen senil oder tot waren. Das aufkeimende Unbehagen abschüttelnd, ging sie weiter, denn die Perle hatte sich wieder in Bewegung gesetzt. Weitere Szenen erschienen nebst des Weges. Die Geburt von Caroline, die Beerdigung von Alfred, Helenas erstem Mann, Premieren, Jahreswechsel, Geburtstagsfeiern. Immer war sie der Mittelpunkt des Geschehens, immer lächelnd, mal verhalten, mal strahlend. Immer schön. Kein Kummer, keine Sorgen vermochten ihr Antlitz zu trüben, nicht einmal Freudentränen, denn nichts berührte sie wirklich.
Der Pfad führte sie zurück durch die Jahre, gesäumt von Ereignissen ihres Lebens, unbedeutenden Episoden wie biografischen Meilensteinen. Die Perle rollte nur noch sehr langsam, Helenas Schritte wurden schwerer, schleppender. Längst hatte sie die Schuhe ausgezogen, auf denen sie das Gleichgewicht zu halten nicht mehr imstande war, geschweige denn, dass ihr abgesenktes Fußgewölbe der Belastung standgehalten hätte. Sie waren liegen geblieben auf ihrer ersten Hochzeit, wie ein Geschenk an die junge Braut, mit der Helena kaum mehr etwas gemein hatte. Nur mit Mühe vermochte sie ohne Stütze voranzuschreiten, doch noch immer führte die Straße sie weiter, tiefer hinein in die Vergangenheit.
Da, endlich, der Weg endete vor einem Gebäude. Blumendekoration, buntes Zuckerzeug und Torten in der Auslage wiesen es als Café aus. Helena war, als müsse sie es kennen, aber die Erinnerung ließ sich nicht einfangen. Zögernd betrat sie das Haus in dem Wissen, am Endpunkt ihrer seltsamen Reise angekommen zu sein: Die Perle rollte durch die offen stehende Tür ins Innere und Helena folgte ihr.
Keiner beachtete sie. Einrichtung und Kleidung der Gäste ließen auf die Sechziger Jahre schließen. An den Wänden hingen Fotos von Romy Schneider, Katharine Hepburn, Mario Adorf und anderen Filmgrößen. Manche von ihnen hatte sie während ihrer Zeit am Theater persönlich kennengelernt … Die Perle! Wo war sie? Ein stechender Schmerz schoss Helena in die Brust und sie rang um Atem. Unter Aufbietung all ihrer Willenskraft zwang sie sich zur Ruhe. Nur nicht zusammenbrechen, jetzt, so kurz vor dem Ziel. Sie musste der Perle habhaft werden, um wieder sie selbst sein zu können. Helena verwünschte ihre schwindende Sehkraft. Hinten glänzte etwas; mattes Gold auf poliertem Holz. Voll Misstrauen in die eigene Muskulatur stakste sie zwischen den Tischen hindurch, den Blick auf den Boden gerichtet, zog sich, gestützt auf die Lehnen, von Stuhl zu Stuhl.
Das Fischgrätmuster der Dielen rief die Erinnerung wach. Ja, sie war schon früher an diesem Ort gewesen. Zuletzt um 1980 herum, als sie hier mit ihrem Finanzberater zu einem zwanglosen Treffen zusammenkam, in dessen Folge sie Aktien an einem indischen Unternehmen erwarb, das Schädlingsbekämpfungsmittel produzierte. Eine Fehlentscheidung, die sie fast schon vergessen hatte: Bedauerlicherweise entwichen aufgrund menschlichen Versagens und unglücklicher Umstände im Jahre 1984 etliche Tonnen hochgiftiger Chemikalien nach draußen und verseuchten die Landschaft. Kritiker und Umweltaktivisten machten die von den Investoren erzwungenen Sparmaßnahmen für die Katastrophe verantwortlich, die zu mangelhaften Sicherheitskontrollen und dem Einsatz minderwertiger Materialien geführt hätten – ein Vorwurf, der an Helena abgeperlt war, die sich aus technischen Details noch nie etwas gemacht hatte. Glücklicherweise wurde ihr Anteil an dem Konzern nicht publik und sie befasste sich nicht weiter mit der Angelegenheit. Nun aber drängte der traurige Sachverhalt in ihr Bewusstsein, dass das Unglück Tausende Tote gefordert hatte. Tote, die zu einem Teil auf ihr Konto gingen. Bhopal. Der Name bohrte sich in ihre Gehirnwindungen und in ihre Magengrube. Nach all den Jahren fühlte sie sich schuldig.
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