Erst als es bereits mucksmäuschenstill war, klopfte Helena an ihr Glas und begann ihre sorgfältig einstudierte Rede auf das Geburtstagskind.
Als der Beifall verebbte und sie sich gerade setzen wollte, fiel ihr am Ende der u-förmig aufgestellten Tafel eine junge Frau auf. Schwarzes Kostüm, schwarzer Hut mit Schleier. Als säßen sie zum Leichenschmaus beisammen … Helena rümpfte die Nase und ließ sich eilig in den von Schwiegersohn Andreas bereit geschobenen Stuhl gleiten, bevor jemand ihre Irritation bemerkte. Wer war diese Person, die hinter Laura saß, der Frau von Enkelsohn Maximilian? Hatten die beiden sie spontan mitgebracht? Sie würde ein ernstes Wort mit ihnen sprechen – und mit der Security, die gehalten war, niemanden ohne Einladung zur Feier vorzulassen. Und was zum Teufel sollte diese modische Extravaganz? Wenn dies ein Scherz war, dann ein äußerst geschmackloser.
Während des Menüs schielte Helena immer wieder zu der Fremden hinüber, die ihren Blick mit kaum wahrnehmbarem Heben der Mundwinkel erwiderte. Ob sie Martha zu ihr befragen sollte? Etwas in ihr sträubte sich dagegen; schlimm genug, sich selbst gegenüber eingestehen zu müssen, ihre Familie doch weniger gut im Griff zu haben als angenommen. Um sich abzulenken, konzentrierte sie sich auf die Tischgespräche in ihrer Umgebung, lächelte, nickte, gab sich unbefangen. Mit Andreas scherzend ignorierte sie geflissentlich die giftigen Seitenblicke ihrer jüngeren Tochter Caroline. Ihre Jüngste war noch nie eine gute Verliererin gewesen. Nach Helenas Dafürhalten setzte Andreas’ offenkundige Bewunderung für ihre Person der Vierundvierzigjährigen mindestens ebenso zu wie der Umstand, dass Fremde in ihr schon seit geraumer Zeit mitnichten die Tochter, sondern Helenas ältere Schwester sahen. Martha hielt man mit schöner Regelmäßigkeit für die Mutter der beiden. Aber anders als Caroline, die jede Gelegenheit nutzte, zu sticheln und zu spionieren, begegnete Martha dem Phänomen Helena mit stoischer Gelassenheit. Aus diesem Grund wäre die mehr als bloß unterschwellige Feindseligkeit, die vorhin aus Marthas Worten gesprochen hatte, durchaus dazu angetan, Helena die Laune zu verderben – wenn ihre Haltung sie nicht davor bewahrt hätte. Das Leben war zu kurz, um es mit Grübeleien zu vergeuden. Der Gedanke an die Verwechslungen, die das Mutter-Töchter-Verhältnis mitunter auslöste, rief ihr das reizend verwirrte Gesicht des jungen Chauffeurs ins Gedächtnis, und so kam das Lächeln, das sie ihren Töchtern schenkte, aus tiefstem Herzen.
Das Abräumen der Teller bot den Rauchern Gelegenheit, sich zu entschuldigen. Zeit, der Frau in Schwarz auf den Zahn zu fühlen … Der Platz am Ende der Tafel war leer. Wohin konnte die Fremde so plötzlich verschwunden sein? Verärgert presste Helena die Lippen zusammen. Sie hatte sich ablenken lassen von Andreas, dessen Humor mit steigendem Alkoholpegel ins Zotige abdriftete, während sein Knie gegen das ihre drückte und seine Hand mehr unter als auf dem Tisch verweilte. Ihrem geflüsterten Einwand, dies käme jetzt ungelegen, hatte er – zu Recht nicht überzeugt von ihrer Ablehnung – wenig Beachtung geschenkt. Helena verspürte das Bedürfnis nach einer Zigarette. Sie erhob sich und griff nach ihrer Handtasche. Vielleicht war der ungebetene Gast ja in den Rauchersaal vorausgeeilt.
Helena durchquerte die opulent nach ihren Vorstellungen geschmückte Halle, begleitet von bewundernden, hauptsächlich jedoch argwöhnischen Blicken. Es störte sie nicht. Zu einer Grande Dame gehören Geheimnisse, die sie umwehen wie edles Parfüm. Die Liebe des Publikums, das ihretwegen in die Konzertsäle strömte, genügte ihr. Natürlich gab es Gerüchte, sie habe bei ihrem Äußeren nachhelfen lassen. Es entlockte Helena jedes Mal ein Schmunzeln, wenn sie in den Zeitschriften Spekulationen über Botox, Facelifting oder Frischzellentherapie las. Willkommene Publicity, unabhängig davon, ob sie gerade ein neues Album herausbrachte. Böswillige Zungen behaupteten gar, sie würde vom Verband der Schönheitschirurgen gesponsert – wer wäre als Werbeträger effektiver als eine knapp Neunzigjährige, die aussah wie Mitte dreißig? Oder doch wenigstens keinen Tag älter als vierzig. Die meisten Menschen jedoch – ob nun Intendanten, Kollegen und Reporter oder ihre Fans – hielten Helenas vorgebliches Geburtsdatum für den eigenwilligen Humor einer Diva, die mit „guten Genen“ und „eiserner Selbstdisziplin“ kokettiert. Sie hütete sich, dagegen Einspruch zu erheben.
Am Ziel angekommen zögerte Helena, sich eine Zigarette anzustecken, denn auch hier konnte sie die Fremde nicht ausmachen. Inzwischen war sie sich relativ sicher, ihr doch schon früher begegnet zu sein, nur war sie da anders frisiert und anders gekleidet gewesen. Zuerst vor rund einer Woche vom Fenster ihrer Villa aus. Die Frau hatte verlangt, zu ihr vorgelassen zu werden, mit der Begründung, sie sei eine alte Freundin und mit Helena verabredet … Ha! Keine wahrhaft alte Freundin besaß ein solch jugendliches Äußeres. Nachdem die Hausangestellte die Betrügerin abgewimmelt hatte, war Helena ans Fenster getreten, von wo aus sie eine ihr unbekannte blonde Frau beobachtete, wie sie kurz zu ihrem Fenster hinaufblickte, um dann fortzugehen. Ein paar Tage später hatte dieselbe Dame in der Zentrale ihrer Modefirma vorgesprochen, aber auch dort gelangte sie nicht einmal in die Nähe der Chefetage. Allerdings war sie damals, soviel hatte Helena auf dem Überwachungsmonitor gesehen, brünett gewesen. Und nun schwarzhaarig. Offenbar eine Stalkerin, die nicht erkannt werden wollte … Sie musste sie finden und zur Rede stellen!
Nervös strich Helena mit den Fingern über die Wange. Ihre Verunsicherung wuchs, als sie etwas ertastete, das nicht dorthin gehörte. Unverrichteter Dinge verließ sie den Raucherbereich und eilte zu den Waschräumen. Im Wandspiegel begutachtete sie ihr Gesicht, doch dessen ebenmäßige Züge brachten ihr die Ruhe nicht zurück. Linien, fein, aber unübersehbar, krochen aus den Winkeln ihrer veilchenblauen Augen. Vertikale Fältchen auf der Oberlippe, die am Morgen, nein, noch vor einer Stunde, nicht da gewesen waren. Selbst ihre prächtige blonde Mähne schien ihren Glanz einzubüßen. Ohne Zweifel lag das Alter nicht länger auf der Lauer, es hatte bereits zum Sprung angesetzt.
Nun, wenigstens in dieser Hinsicht konnte sie etwas tun. Nachdem sie sich vergewissert hatte, allein zu sein, öffnete Helena ihre Handtasche. Sie besaß es, das Mittel, dem sie seit einem halben Jahrhundert vertraute und dessen Rezeptur sich die Pharmakonzerne, bekämen sie je Wind davon, Millionen würden kosten lassen, ohne mit der Wimper zu zucken. Das Mittel, das ihre Jugend und Schönheit erhielt, zuverlässiger als jeder plastische Chirurg. Von einer entfernten Großtante hatte sie es geerbt, einer Namensvetterin, und ein Schreiben war der Erbschaft, die sich in einem Koffer befand, beigefügt gewesen, in dem sie Helena beschwor, das Geheimnis sorgfältig zu bewahren.
Sie tastete nach der kleinen, silbernen Dose, die sie immer mit sich führte und in der sich ihre Notfallration befand. Anfangs hatte Helena das Mittel nur hin und wieder eingenommen, vor wichtigen Terminen oder Partys, später monatlich, dann wöchentlich. Mittlerweile griff sie beinahe täglich zu den goldglänzenden, knapp erbsengroßen Perlen, die ein wenig schwer zu schlucken waren, sodass sie anfangs versucht hatte, sie mit dem Messer zu zerteilen, im Mörser zu zerstoßen oder in Flüssigkeiten aufzulösen, ohne Erfolg. Der Vorrat ihrer Wunderkügelchen schrumpfte, doch noch befanden sich einige Hundert davon in ihrem Safe. Wie es weiterginge, wenn die Perlen aufgebraucht waren, darüber mochte sie sich jetzt noch keine Gedanken machen. Notfalls würde sie einen Chemiker darauf ansetzen, die Formel für sie – und nur für sie – zu entschlüsseln. Dass sich der körperliche Verfall jetzt so rasch bemerkbar machte, war kein gutes Zeichen. Zärtlich hob sie die Perle mit Daumen und Zeigefinger aus ihrem samtenen Polster und führte sie an die Lippen.
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