Als hätte die Erkenntnis ein Tor geöffnet, fielen ihr weitere Entscheidungen ein, die sie getroffen hatte, ohne einen Gedanken an mögliche Auswirkungen zu verschwenden …
„Hallo, Helena.“
Zitternd hob sie das Kinn, um zu sehen, wer sie so vertraulich anredete. Am Tisch in der Ecke saß eine junge Frau. Schwarze Haare, schwarzes Kostüm, schwarzer Hut mit Schleier. Die Frau, die sie verfolgt hatte, der sie gefolgt war. Neben ihr ein wuchtiger Koffer. Helena schluckte. Ein nahezu identisches Exemplar befand sich in ihrer Wohnung. Aus einem nostalgischen Gefühl heraus hatte sie ihn aufgehoben, damals, vor fünfzig Jahren, nachdem sie seinen kostbaren Inhalt in ihrem Safe verstaut hatte. Nachdem er ihr von einer gewissen Notarin überreicht worden war, die ihr auch die kurze Nachricht ihrer bis dato unbekannten Erbtante überbrachte, ebenfalls hier in diesem Café. Fünfzig Jahre, in denen sich ihr Gegenüber kein bisschen verändert hatte. Nur das Haar war damals rot gewesen.
„Sie haben unsere Verabredung offenbar vergessen.“ Helena zog die Schultern hoch und die Bewegung verursachte einen reißenden Schmerz in den seitlichen Halsmuskeln. „Da Sie mich nicht empfangen wollten, blieb mir nichts anderes übrig, als Sie herzubitten.“ Die Frau wies auf den freien Stuhl ihr gegenüber. „Setzen Sie sich.“ Mühsam und umständlich folgte Helena der Aufforderung. Die Schwarzhaarige beobachtete ihre Bewegungen, ohne Hilfe anzubieten.
Helenas Blick wanderte von der Frau über den Koffer und suchte den Boden ab. „Ich bin mir nicht sicher, von was für einer Verabredung Sie sprechen“, sagte sie zögerlich. „Ich habe etwas verloren, eine Perle.“ Die Notarin lächelte; ihre Augen hinter dem dünnen Netz blieben ausdruckslos. Sie öffnete die rechte Hand, die bis eben locker auf dem Tisch gelegen hatte, und präsentierte den gesuchten Gegenstand. Wie von selbst streckten Helenas Finger sich der Perle entgegen. Die Frau zog die Hand zurück. Mit dem Zeigefinger ihrer Linken rollte sie die Perle hin und her und betrachtete ihre matten Reflexionen. „Sie gehört mir. Bitte geben Sie sie mir.“ Helena hasste den flehentlichen Klang ihrer Stimme, doch was blieb ihr anderes übrig?
„Und dann? Wie lange wird diese eine Perle Ihre Bedürfnisse befriedigen?“ Die schwarz Gekleidete schüttelte den Kopf. „Vergessen Sie die übrigen in Ihrem Tresor. Sie sind wirkungslos ohne Vertragsverlängerung.“
„Vertragsverlängerung?“
„Sie waren zufrieden mit unserem Produkt?“, fragte die Frau. „Den Perlen. Um Ihre Jugend und Schönheit zu erhalten“, setzte sie hinzu, als Helena sie begriffsstutzig anstarrte. „Immerhin hatten Sie fünfzig Jahre, um ihren Effekt zu testen. Wenn Sie mögen, verlängern wir Ihren Vertrag, und im Gegenzug erhalten Sie Perlen für die nächsten fünf Jahrzehnte.“ Helena bezweifelte, dass der Bogen Papier, den ihr die junge Frau entgegenschob, eben schon auf dem Tisch gelegen hatte. Überlassungsvertrag stand oben. „Lesen Sie und dann unterzeichnen Sie bitte hier als Vermieter.“ Ein langer, rot lackierter Fingernagel klopfte auf die freie Zeile links unten. Das verschnörkelte Signum auf der Unterschriftszeile daneben vermochte Helena nicht zu entziffern, wohl aber den Stempel Abyssos Incorporation .
„Und dann komme ich zurück nach Hause?“
Die Dame in Schwarz seufzte, als sei sie der Erklärungen überdrüssig, bevor sie in professionellem Tonfall antwortete. „Um sich selbst zu beerben, überlassen Sie uns für die nächsten fünfzig Jahre das Nutzungsrecht. Dafür erhalten Sie die Perlen und wir sorgen für beste Startbedingungen, denn natürlich benötigen Sie eine neue Identität.“
Helenas Finger zitterten, als sie den Stift aufnahmen, und sie zu ahnen begann, dies schon einmal … mehrmals … unzählige Male getan zu haben. „Was haben Sie mit meiner Seele vor?“
Die Vertreterin der Abyssos Incorporation lächelte und ihre schwarzen Augen hinter dem Hutnetz glänzten wie Kiesel in einem Gebirgsbach. „Nichts. Wir verwahren sie lediglich. Es sind Menschen wie Sie, Helena, in die wir unsere Hoffnungen setzen. Menschen, so schön, so vollkommen, dass um ihretwillen Kriege geführt werden.“ Hochachtung, ja Zuneigung erwärmte für Sekunden ihre Stimme. „Ohne das lästige Anhängsel sind Sie frei zu tun, was immer Sie wollen. Sie können alles sein. Oder hat es Ihnen in der Vergangenheit an irgendetwas gefehlt?“
Helena schüttelte den Kopf. Sie fühlte sich elend. Der Schmerz in ihrer Brust machte sich erneut bemerkbar. Ein Ziehen, von dem sie befürchtete, es könne Anzeichen eines Infarkts sein. Was, wenn sie nicht unterschrieb? „Gibt es eine Alternative?“
Die Finger der Frau öffneten sich. Zum Vorschein kam ein Häuflein grauen Staubs, das sie beinahe nachlässig fortpustete. Helena spürte, wie Frost sich in ihr Herz fraß. Das Café, die Tische, die Gäste, alles begann sich zu drehen. Die Gesichter ihrer Töchter schoben sich über die verschwimmenden Bilder. Sie würde sie nicht wiedersehen, egal welche Entscheidung sie traf. Eine einzelne Träne, die erste seit langer, langer Zeit, rann gemächlich ihre Wange hinab und verlief sich in den Runzeln ihrer Haut.
„Soweit muss es ja nicht kommen“, hörte sie wie aus weiter Ferne die Stimme der Frau in Schwarz, die sie ins Hier und Jetzt – wo immer sich dieses Hier und Jetzt befand – zurückholte. Von unten erklang das metallische Schnappen von Schlössern, gefolgt von einem knarrenden Laut. „Wenn es Sie beruhigt: Nach Ablauf erhalten Sie Ihr Eigentum zurück – sofern Sie das wünschen.“
Aus dem Koffer glitzerten verführerisch die Perlen.
„Aber die meisten verlängern.“
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