Er kam nur sehr schwer voran. Unentwegt schlugen ihm überhängende Zweige ins Gesicht, außerdem musste er mit seiner verletzten Hand vorsichtig sein. Der Boden war sehr uneben und von Zeit zu Zeit brachte ihn eine hervorstehende Wurzel aus dem Gleichgewicht. Zudem musste er bei aller Eile doch auch genügend Abstand halten, um von den beiden nicht gesehen zu werden. Sollte sich die Angelegenheit doch als harmlos herausstellen, was Marc in seinem lauthals klopfenden Herzen zutiefst hoffte, dann wäre es mehr als peinlich, würde er entdeckt werden. Zum Glück kannte er die örtlichen Verhältnisse von früher sehr gut und wusste daher, dass die beiden eigentlich nur zum nahen Weiher gegangen sein konnten. Endlich, jetzt waren es nur noch ein paar Meter, die ihn von der Stelle trennten, von der aus man einen ungehinderten Blick auf den Weiher und den schmalen Uferstreifen, der das Wasser vom Wald trennte, haben würde. Er hielt kurz an um zu verschnaufen und um sich von nun an wieder vorsichtiger weiter zu bewegen.
Was dann geschah, sollte er nie mehr vergessen. Was er in diesem Moment hörte, wenn auch nicht sehen konnte, traf ihn wie ein Schlag genau auf den Schädel, schlimmer noch, wie ein tödlicher Stich ins Herz. Er blieb ruckartig stehen, denn er hatte Stimmen gehört, zwei Stimmen, eine davon männlich fordernd, die andere frivol kichernd, eindeutig bereit sich auf etwas Aufregendes einzulassen. Die Beiden waren sich ganz sicher einig. Marc wurde schlagartig schwindlig, sein Puls begann wie wild zu rasen, überschlug sich geradezu. Er konnte nichts tun, selbst wenn er es gewollt hätte. Seine Beine wollten ihm beinahe nicht mehr gehorchen. Tief im Inneren seiner Seele verletzt machte er auf dem Absatz kehrt, um zu seinem Fahrzeug zurückzukehren und sofort nach Hause zu fahren. Jedenfalls sobald er seine Sinne wieder besser im Griff haben würde.
Noch während er sich umdrehte, machte er eine weitere, niederschmetternde Entdeckung, die den ersten Eindruck nachhaltig unterstrich. Nur ein paar Meter rechts von ihm, an einem tiefhängenden Ast hing eindeutig Lenas T-Shirt und direkt daneben ihr Bikini. Sauber aufgehängt, keine Spur von Gewalt. Wenn es denn noch eines Beweises bedurft hätte, hier hatte er ihn direkt vor Augen. Kein Zweifel mehr möglich. Marc war der Betrogene. Er sank wütend und erschöpft zugleich ins trockene Gras und versuchte seiner wild wirbelnden Gedanken Herr zu werden.
Was konnte er nur tun? Blind vor Verzweiflung rannte er zu seinem geparkten Motorroller und raste wie ein Besessener nach Hause. Er verspürte keinerlei Lust mehr auf einen Überfall.
Nehmt Abschied, Brüder!
Nehmt Abschied, Brüder, ungewiss ist alle Wiederkehr,
die Zukunft liegt in Finsternis und macht das Herz uns schwer
Aus der „Mundorgel“
Auf dem kleinen Platz vor der Kirche standen drei junge Burschen. Die Hände steckten lässig in den Hosentaschen und sie schienen sich über ein äußerst lustiges Thema zu unterhalten. Von Zeit zu Zeit ertönte jedenfalls ein lautes, übermütiges Lachen. Einer rauchte, die beiden anderen gestikulierten beim Reden heftig mit den Händen. Eine Flasche machte die Runde. Anscheinend hatten sie Pläne für den heutigen Abend, welche sie mit sichtlicher Vorfreude erfüllte. Andererseits verfielen sie auch immer wieder in eine gewisse Unruhe, schauten nervös auf ihre Armbanduhren und schütteten gleich darauf missbilligend die Köpfe. Endlich! Es wurde auch höchste Zeit. Ein blauer VW Golf bog um die Ecke beim Pfarrhaus und kam auf die drei Wartenden zu. Drinnen saß Julian Baumgärtner, der seiner Mutter für ihr heutiges Vorhaben das Auto hatte abschwatzen können.
„Hat doch länger dauerd als gedachd!“, rief er aus dem geöffneten Fenster, als er die fragenden Blicke der Anderen sah. „Mei Mudder wolld den Audoschlüssel nedd so einfach rausruckn. Ich hobb ihr Godd und die Weld versprechen müssn, bis is endlich weich kochd hobb. Drink keinen Dropfen, fahr anständich, lass dir von die Andern nedd eiredn, dass du zu langsam fährsd und so weider. Ihr kennd dess ja. Na ja, etz binni ja doch da. Also, könner mer?“
„Nein, der Macke ist bisher einfach nicht erschienen und jetzt ist es schon acht vor halb. Um sieben Uhr sollte er da sein, wie du übrigens auch“. Dabei warf der kleinste der drei anderen Jungs einen strafenden Seitenblick auf Julian, der die Kritik an dessen Zuspätkommen unverhohlen ausdrückte.
„Und was mach mer jetzt? Vielleicht hodd er sich einbild, er wird abghold. Also, steichd ei, mir fahrn zu ihm hin.“ Julian hatte immer die besten Ideen.
Kaum dass die letzte Tür zugeschlagen war, brauste der blaue Wagen los. Den Kavalierstart hätte Julians Mutter besser nicht sehen dürfen. Unter „anständig fahren“ hätte sie mit Sicherheit etwas anderes verstanden. Bis zum Haus der Familie Brunner waren es nur ein paar Minuten. Die Beifahrertür ging auf. Kevin Rösner stieg aus und klingelte heftig an der Haustüre. Erst nach fast einer Minute wurde geöffnet. Marc stand unter der Tür und machte keinerlei Anstalten, zu den Freunden einzusteigen. Er schien in seltsamer Stimmung zu sein, irgendwie geknickt.
„Ja wass jetzt, bist du immer no nedd fertich? Um siebner hommer gsachd, etz is scho fast halber achter.“
„Eigentlich will ich gar nicht mitfahrn. Mir is heut gar nedd so gut, Kopfweh und so.“, sagte Marc. Das bisschen Kopfweh war tatsächlich nicht völlig frei erfunden, denn seine nachmittäglichen Beobachtungen hatten für ein gwaltiges Durcheinander in seinem Schädel gesorgt. Den genauen Grund, die Szene mit Julian und Lena, die er bei seinem Kundschaftergang beobachtet hatte, wollte er allerdings nicht jedem gleich auf die Nase binden.
„Hobb etz, weecher an bissler Kobfweh lass mer doch die ganze Gaudi nedd blatzn! Schnell, ziech dich an, mir wardn derweil im Audo!“ Julian war, wie immer, nicht so leicht zu überzeugen.
So wenig Lust er hatte, es blieb Marc wohl kaum etwas übrig, wenn er nicht die ganze vermaledeite Geschichte erzählen wollte. Auch seinen Eltern gegenüber hätte er wohl mehr Einzelheiten preisgeben müssen, wenn er jetzt trotz vorheriger Ankündigung doch nicht mitgehen würde. Und was sollte er ihnen auch schon sagen. Sie mochten Lena sehr und wären wohl ebenso geschockt gewesen wie er heute Nachmittag. Das wollte er nicht, zumindest nicht jetzt. Und so holte er seine Taschenlampe, den Schal, den er zum Maskieren brauchte und zog eilig ein paar Laufschuhe an. Dann rief er noch schnell ein kurzes „Ade!“ ins Wohnzimmer, wo seine Eltern vor den Fernseher saßen und weg war er.
Während der Fahrt geisterten ihm äußerst zwiespältige Gedanken durch den Kopf. Sollte er die heutige Gelegenheit wahrnehmen, um mit Lena über das Vorgefallende zu reden oder sollte er sie mit Verachtung strafen. Der Stachel saß sehr tief. Als sie endlich am Zielort eintrafen, war er immer noch zu keinem Entschluss gekommen. Er würde es darauf ankommen lassen müssen.
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