Es gab keine Hoffnung. Oh, verdammt, wie konnten wir uns von den MacBochras einfangen lassen? Das Schandhafteste, was mir je widerfahren war. Wenn durch unsere Schuld der Stein in die falschen Hände gelangte? Nicht auszudenken! Der Trick den heiligen Gegenstand im Wechsel von verschiedenen Männern zum Zielort zu bringen, mußte verraten worden sein
Ich holte scharf Luft, so heftig zog es durch meinen Körper. Ein grober Schlag war auf meiner Schulter gelandet. Fearchar stieß mich vor sich her.
„Meine Urgroßmutter geht schneller als du!“
Ich erwiderte nichts und starrte mit wachsendem Unbehagen die hohen Steine an, die uns lauernd erwarteten.
Aus dem Nebel tauchte Gemmán auf und sah uns entgegen.
MacBochra verneigte sich verhalten vor Gemmán. Mir schien, als wäre ihm dieser Druide, der sich der dunklen Seite zugewandt hatte, nicht geheuer, genauso wenig wie mir.
„So, da bringst du mir die MacDougals?“ fragte Gemmán mit schneidender Stimme.
„Das tue ich“, antwortete ihm MacBochra.
„Es wird mir eine Freude sein.“ Gemmán lachte unangenehm leise. „So soll es sein.“
„Vielleicht habt ihr ein Mittel sie zum Reden zu bringen?“
Gemmán nickte. „Wenn sie wollen, können sie reden, wir haben noch Zeit.“ Er schaute in den dunkelgrauen Himmel und winkte Fearchar heran: „Folgt mir und bringt die Drei mit.“
Ich begriff nicht. Wütend sah ich Gemmán an, doch ich konnte ihn weder mit meinen Blicken noch mit meinen Gedanken außer Kraft setzen.
Gemmán trug einen höhnischen Zug um die Mundwinkel, während er Fearchar und Duncan mit Gesten befahl, mich rücklings auf den großen Altarstein zu legen. „Fesselt ihm die Füße.“
Fearchar versuchte sich ans Werk zu machen, doch ich trat nach ihm. Ich traf ihn am Kinn, sah wie sich sein Gesicht vor Schmerz und Zorn verzerrte. Er winkte weitere Männer heran. Es waren einfach zu viele. Weitere MacBochras zerrten Calum auf den Stein. Seine Nase trug Reste von getrocknetem Blut und sein rechtes Auge war dunkel überschattet.
„Was ...?“ warf ich verzweifelt ein. Angst kroch meinen Nacken hinauf.
Gavin warf sich wütend zwischen die Männer. Sie hatten alle Hände voll zu tun ihn ruhig zu stellen, doch plötzlich wurde sein Körper schlaff. Sie zogen ihn auf meine Beine, er war bewußtlos. Der Überwurf seines großen Tuches hing bis auf die Erde hinunter.
Wenn nur der Schmerz in der Seite nicht wäre! Es war hoffnungslos, wir hatten keine Gelegenheit uns zu wehren. Ich sah mich auf dem Platz um. In der hereinbrechenden Dunkelheit konnte ich zu wenig erkennen. Es gab keinen Weg in die Freiheit. Der Nebel verbreitete einen feuchten Geruch, ebenso wie die feinen Moose, welche den Steinen einen zarten, grünen Schimmer verliehen, obwohl sie ansonsten still, grau und gewaltig gegen den dämmrigen Himmel und die dunklen Schattenrisse der Bäume abstachen. So wie die fahlen Gesichter der anwesenden Männer, gut zwanzig an der Zahl, die vom weiß schimmernden Licht des gerade aufgehenden Mondes, erhellt wurden.
Meine Aufmerksamkeit wurde wieder auf Gemmán gelenkt, als dieser sorgfältig, beinahe zärtlich unsere Schwerter und Messer neben uns auf dem Stein ablegte, fortwährend ein selbstgefälliges Grinsen im Gesicht. Ich hätte es ihm so gern weggeschlagen!
„Damit ihr nicht wehrlos seid in eurem neuen Leben! Wo auch immer das sein wird! Noch bleibt Zeit! Ein Wort und ich lasse euch gehen!“
„Nie!“ schrie ich ihm ins Gesicht. Was hatte er vor? Gemmán war ein mächtiger und finsterer Druide. MacBochra hatte uns sicher nicht grundlos an diesen heiligen Ort gebracht und daß Gemmán uns auf den Altarstein legte, bedeutete bestimmt nichts Gutes! Wollte er uns seinen unheimlichen Göttern opfern? An den hellseherischen Fähigkeiten des Druiden zweifelte ich allerdings. Hätte er sie, wüßte er längst, wo der Stein versteckt war. So konnte ich hoffen. Er würde ihn nicht finden. Trotz der Schmerzen mußte ich innerlich über ihn lachen.
Wo blieben nur unser Vater und die anderen Männer? Es machte mir Angst, daß Gemmán ständig zum Mond hinaufsah, als warte er auf ein Zeichen! Erfolglos suchten meine Augen Gemmáns Gewand und Gürtel nach einem Opferdolch ab. Er würde uns doch nicht mit einem gewöhnlichen Messer umbringen wollen? Die winzige Hoffnung, daß er uns doch nicht töten wollte, keimte in mir auf. Die Schmerzen zwangen mich immer öfter die Augen zu schließen.
Anscheinend hatte Gemmán sein erwartetes Zeichen erhalten, denn er beugte sich mit einem boshaften Grinsen herunter, bis sein Gesicht dicht über meinem schwebte.
„Es ist soweit“, brachte er erregt hervor. „Eure letzte Gelegenheit ist vertan!“
Gemmán stieß mir seinen stinkenden Atem ins Gesicht. Ich hielt die Luft an, war bemüht, mich aus seiner Reichweite zu drehen, doch Gemmán griff mich fest am Kinn, zwang mich, ihm in die Augen zu sehen und sagte:
„Deine Leute kommen zu spät, du wirst sehen! Du wartest doch auf sie, oder?“ Er lachte trocken. „Wer weiß, vielleicht kommen sie rechtzeitig um zu sehen, wie ich euch an einen anderen Ort schicke!“ Während er sich aufrichtete und endlich mein Gesicht losließ, wurden seine Züge ernst. Er begann unverständliche Worte zu raunen.
Was hatte er gesagt? Mir schauderte. Ein anderer Ort? Was meinte er damit? Den Tod? Calum neben mir zitterte.
Ein Schrei ließ mich zur Seite sehen. Oh, verflucht! Nicht unsere Schwester! Nicht Eithne!
„Wir sind die MacDougals!“ Sie warf sich gegen Duncan MacBochra. Fearchar griff ein. Er warf sie auf den Boden, schlug ihr mit der Faust ins Gesicht. Doch bevor er sich weiter an ihr zu schaffen machen konnte, griff Duncan sie, nahm ein Seil und schnürte sie zusammen. Er hob sie auf und legte sie zwischen uns auf den Stein. Ich sah sie wütend und traurig zugleich an, kam jedoch nicht dazu, etwas zu sagen. Blut rann ihr aus der Nase.
„Wunderbar, nun möchte sogar eure Schwester die Reise antreten.“ Gemmán lächelte gefühllos. Unvermittelt schlug er Eithne mit der Rückhand ins Gesicht. „Dummes Ding!“
Sie stöhnte leise auf. Sie war eine Kämpfernatur, doch bisher hatte ihr auch noch niemand ernsthaft wehgetan. Ich konnte ihre Verzweiflung, Wut und Verständnislosigkeit nachempfinden.
MacBochra trat heran, wandte sich an Fearchar. „Hol sie da herunter, ich hab anderes mit ihr vor.“
Mir wurde erneut übel. Ich unterdrückte meine Unruhe, denn sie half mir nicht weiter. Ich spürte ein eigenartiges Kribbeln durch meine Glieder wandern. Mit gefesselten Händen faßte ich nach Eithne und bekam ihr Kinn zwischen meine Finger. Heiße Tränen rollten ihr über die Wangen auf meine Hände. Ich hatte solche Angst um sie.
Duncan schüttelte den Kopf. „Zu spät, Vater.“
Gemmán nickte. „Dein Sohn hat Recht, es ist zu gefährlich, sie jetzt noch zu berühren.“
Das Kribbeln wurde stärker. Ein Schmerz zog durch meine Glieder, als würden sie auseinander gerissen. Der Nebel in meinem Kopf trübte die Wahrnehmung. Was meinte Gemmán? Ich wehrte mich mit der letzten Freiheit die mir blieb. Ich schrie so laut ich konnte, „Wir sind die MacDougals!“
Ein schwarzer Schleier legte sich vor meine Augen; alles verschwamm, rückte in weite Ferne. Ich wußte, daß niemand mehr kommen würde, um uns zu retten! Was Gemmán mit uns vorhatte, es war ihm gelungen. Das Kribbeln wurde unerträglich, der Nebel vor meinen Augen dichter. Ich hörte Gavin stöhnen. Eithne schluchzte. Ich kämpfte nicht weiter dagegen an und ließ mich in die tiefe Dunkelheit fallen. Die Schwärze umhüllte mich.
2 Weihnachtsbummel, Hannover 2005 n. Chr.
Flanna drückte ungeduldig auf die Hupe. Endlich ging es weiter, wenngleich bedeutend langsamer als sie es gern gehabt hätte. Sie fuhr schließlich auf den Parkplatz und fand schnell eine freie Stelle. Sie haßte diesen dämlichen Weihnachtsrummel. Jedes Jahr zur Weihnachts- und auch Osterzeit taten die Leute so, als würde der nächste Weltkrieg vor der Tür stehen. Sie sah nach hinten auf die Tüten und Kisten; hatte sie an alles gedacht? Sigrid würde ihr die Ohren lang ziehen, wenn sie etwas übersehen hätte. Lieber wäre es ihr gewesen die Feiertage ohne Gäste zu verbringen, doch Sigrid bekam nie genug. Das hatte sie nun davon. Es war nicht besonders angenehm mit Hüftbruch im Krankenhaus zu liegen. Hätte Sigrid nur auf ihre Hilfe gewartet, dann wäre sie sicher nicht die Treppe heruntergefallen. Aber geschehen war nun einmal geschehen. Den Gästen konnte sie so kurzfristig nicht mehr abzusagen. Und womöglich mußte Sigrid noch zur Kur.
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