Usdean MacBochra stand rechts neben seinem Vater. Er war vermutlich kaum älter als mein Bruder Calum, doch schon versuchte der Bart sein Gesicht zu beherrschen. Auf der linken Seite erkannte ich Duncan MacBochra. Er paßte nicht zu dem ungepflegten Äußeren seiner Familie. Seine dunkelblonden Haare waren trotz des schlechten Wetters ordentlich geflochten. Fearchar trat neben Duncan, den selben haßerfüllten Ausdruck wie sein Vater im Gesicht. Seine Haare waren am Hinterkopf zusammengebunden und zwei Zöpfe hingen zu beiden Seiten über die Schläfen bis auf die Schultern. Oh, ich war sicher, wenn MacBochra ihn lassen würde, sein Sohn Fearchar würde uns mit wachsender Begeisterung foltern und umbringen. Allen guten Geistern Dank, hatte MacBochra offensichtlich anderes mit uns vor. Ich begriff nicht warum uns der MacBochra Clan so schlecht behandelte. Es war unehrenhaft einen Feind oder einen Gefangenen auf diese niederträchtige brutale Art zu behandeln! Mein Magen rumorte. Ich spürte den heiligen Stein darin und er wog schwer, obwohl er kaum größer war als eine Haselnuß. Die MacBochras würden ihn dort nicht vermuten und dieser Gedanke war tröstlich.
Duncan trat auf den scharfen Befehl seines Vaters vor. Er packte mich an den Ellenbogen und zerrte mich weiter nach vorn. Er griff lange nicht so grob zu wie seine Brüder. Egal was geschah, ich durfte es ihnen nicht sagen! Würde ich einer Folterung standhalten?
MacBochra starrte mich an, ehe er überraschend mit der Rückhand zuschlug. Ich strauchelte, fing mich aber wieder, da mich zwei Hände abfingen. Erstaunt sah ich Duncan an.
„Widerliches MacDougalpack!“ MacBochra spuckte vor mir auf die Erde. „Wo ist der Stein?“
Ich erwiderte seinen Blick abweisend, konnte fühlen wie der Trotz in mir die Oberhand gewann und grinste ihn überheblich an.
Von hinten rief Calum: „Sag ihm nichts!...“ Seine Worte erstarben. Ich hörte ihn aufstöhnen.
Ein Schlag von rechts ließ mich halb nach vorne kippen. Eine heiße Welle zog mir über den Nacken. Nicht ohnmächtig werden! Nur nicht diese Schande! Ich sammelte mich und warf Fearchar einen bösen Blick zu, sah auf den Schwertknauf, den er spürbar gern einsetzte. Wieder überzog ein gemeines Grinsen sein Gesicht.
MacBochra trat näher. Er legte seine Hand unter mein Kinn und zwang mich, ihm ins Gesicht zu sehen. Seine Worte waren leise, doch gefährlich wie das Gift einer Schlange.
„Du und deine Brüder werdet eure Familie nie wiedersehen! Es wird eine Zeit kommen, da du darum betteln wirst zu reden.“ Wieder spuckte er aus. „Welcher Dreckskerl von euch hat meiner Tochter Gewalt angetan?“
Seiner Tochter? Ich bemühte mich, meine Schmerzen nicht weiter zu beachten und wand mich aus dem unangenehmen Griff des Mannes. Ich richtete mich auf. Endlich begriff ich, was er zu glauben schien. Doch er irrte sich, kein MacDougal hätte eine Frau geschändet!
„Das ist ein Irrtum!“
„Schweig!“
„Wir haben eure Töchter seit dem letzten Treffen der Clans nicht mehr gesehen.“
MacBochra sah mich wütend an. „Einer von euch hat Maili vor wenigen Tagen geschändet!“
Er spuckte, traf meine Füße. „Dafür wirst du bezahlen! Und wenn du nicht redest, werdet ihr alle bezahlen.“ Er schaute in den Himmel.
Mir schien der Mann war den Tränen nahe.
Jäh warf er mir wieder einen verhaßten Blick zu. „Maili ist beinahe verblutet! Du wirst die Strafe eines Schänders erhalten!“
Ich atmete tief ein. Oh, aye, ich wußte was mit einem Schänder geschah! Und mir stand nicht im Geringsten der Sinn danach mit meinem männlichsten Körperteil im Hals zu ersticken. Ich schluckte unruhig. „Ich schwöre bei allem was mir heilig ist, wir haben deine Tochter nicht gesehen, geschweige denn sie angefaßt.“
MacBochra schnaufte abfällig. „Sollte mir eine MacDougal Frau vor die Füße kommen, ich werde sie damit niedertreten, nachdem ich sie meinen Männern vorgeworfen habe.“ Er wandte sich ab, während er Duncan und Fearchar zurief: „Packt sie, wir gehen zu den Steinen. Sicherlich kann Gemmán ihnen die Zunge lösen.“
Fearchar stieß mich mit der Faust vorwärts. Duncan, der noch schräg hinter mir ging, hielt meine Arme weiterhin fest und wüßte ich nicht, daß er mir genauso feindlich gesonnen war wie alle MacBochras, dann hätte ich beinahe das Gefühl haben können, er stützte mich, anstatt mich zu treiben.
Ich wagte hinter mich zu sehen, zu meinen Brüdern Gavin und Calum. Je zwei Männer zerrten sie weiter. Mir wurde übel bei dem Gedanken, meine kleine Schwester wäre in die Hände dieses haßerfüllten Mannes gefallen. Eithne war zu Hause in Sicherheit, wenigstens das. Allen guten Geistern Dank, die abgewendet hatten, daß Eithne sich gegen Vater durchsetzte. Diese Reise war zu gefährlich, um uns begleiten zu dürfen. Ich fühlte mich schlecht, wünschte mir, ich wäre an diesem verhängnisvollen Morgen nie aufgestanden, wünschte, daß alles nur ein böser Traum war. Was hatte MacBochra mit uns vor? Waren unser Vater und die anderen MacDougals unterwegs? Wußten sie von der Gefahr, in der wir schwebten? Und daß die MacBochras uns gefangen hielten? Und was würde geschehen, wenn die Feinde erfuhren wo sich der heilige Stein befand? Würden sie mir den Magen aufschlitzen? Wie sollte der König ohne den Krönungsstein aus der Anderswelt gekrönt werden?
Ich spürte einen heftigen Schmerz im Nacken. Mein Kopf wurde an den Haaren nach hinten gezogen.
Fearchar hielt mich fest. „Geh schneller!“
Mit einem harten Ruck stieß er meinen Kopf wieder nach vorn und ließ endlich los.
Duncan mischte sich ein, redete leise, jedoch entschieden. „Laß das!“
Ich wagte es, die MacBochra Brüder aus den Augenwinkeln zu beobachten.
Fearchar lachte seinen Bruder offensichtlich aus. „Warum gehst du nicht unsere Mutter fragen, ob sie Arbeit für dich hat?"
Duncan presste die Lippen fest zusammen und schwieg. Seine Gesichtszüge verbargen seine wahren Gefühle.
Usdean erschien. „Was ist los?“
Fearchar schüttelte den Kopf. „Duncan redet dummes Zeug.“
Usdean sah zu Duncan herüber, der den Blick herausfordernd erwiederte, aber nichts sagte.
Wütend zischte Fearchar: „Sie sind des Lebens nicht wert! Sie haben unsere Schwester geschändet und töten unsere Leute.“
„Fearchar!“ warf Duncan ein.
Fearchar sah ihn zornig an. „Ich vergesse gleich, daß wir eine Familie sind.“
Duncan begegnete seinem Bruder eisig. „Ich weiß, damit hast du keine Schwierigkeiten.“ Bevor Fearchar antworten konnte, ließ Duncan MacBochra mich los und trat an die Seite.
Der feine Regen drang in jede Faser meiner Kleidung ein und wie mir schien sogar in meine Haut. Jeder Schritt fiel mir schwer. Ich schaffte es nicht einmal mehr nach hinten zu sehen, wie es meinen Brüdern erging.
Es gab zu viele Menschen in diesem Land, die nicht vereint werden und schon gar nicht einem einzigen Herren die Treue schwören wollten. Was wäre, wenn der heilige Stein nicht rechtzeitig zur Krönungsfeier bei den Druiden war? Würden sie Coinneach MacAlpine trotzdem zum König machen? Es lag an Ossian, den anderen hohen Druiden und an den Männern und Frauen, die ihn als verantwortlichen Herrscher anerkennen mußten.
Eine Weile beobachtete ich Duncan aus den Augenwinkeln. Dieser große Mann schien alles andere als ein weichlicher Kerl, doch in den Augen seiner Brüder Fearchar und Usdean schien er dies zu sein.
In der Ferne sah ich die großen heiligen Steine. Ich schluckte. Wieso brachten die MacBochras uns hierher? Ahnten sie etwas? Hatten sie uns womöglich beobachtet? Nebel zog auf. Grau und riesig stachen die hohen Steine vom dämmrigen Himmel ab. Die Nebelschwaden strichen durch sie hindurch wie hungrige Wölfe. Schritt für Schritt kamen wir dem Hügel näher. In meinem Kopf schwirrten die Gedanken durcheinander. Gab es einen Ausweg? Konnte ich Duncan überzeugen uns freizulassen? Sein Ausdruck war verdrossen, obwohl er mitfühlender wirkte als seine Brüder, so gehorchte er doch seinem Vater und würde in jedem Fall tun, was dieser befahl, um nicht als Weichling dazustehen.
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