„Er spielt mit ihrem Ring,“zischte Marge so leise, daß nur Arthur sie verstand. Da Mary-Rose das duldete, rückte Jim näher, legte den Arm um sie.
‚Mutiger Bursche,‘dachte Arthur, während Marge ihn ständig anstieß.
Plötzlich näherten sich die Köpfe der beiden.
„Arthur,“zischte Marge, aber es war schon passiert. Jim hatte ihr kleines Mädchen geküßt, obwohl es Arthur eher andersherum erschienen war.
„Tu doch etwas!“ordnete Marge an, und Arthur sah ein, daß das wohl nötig war. Er trat durch die Terrassentür.
„Hallo, junger Mann,“rief er, und die Lippen lösten sich sofort.„Wer den Sheriff küssen will, muß zuerst mit der Mutter des Sheriffs getanzt haben.“
„Und mit den Großmüttern,“rief Mercedes von drinnen.
„Mais, biensure.“Blanche.
„So ist die Regel,“bestätigte der Pastor.
„Jawohl, Sir,“beeilte Jim sich, zu sagen, stand auf, ging hinein und forderte Marge auf. Die mußte jetzt gute Miene zum Spiel machen, sandte ihrem Mann aber einen verzweifelten Blick zu.
„Danke, Dad,“sagte Mary-Rose.
„Mußte das sein?“fragte ihr Vater.
„Er küßt so gut,“begründete seine Tochter schwärmerisch ihr Vorgehen, und Arthur brauchte nur einen Blick, um zu sehen, daß hier nichts zu machen war. Seine Tochter hatte sich in den jungen Mann absolut verknallt. Sie nahm jetzt einen kleinen Spiegel und Lippenfarbe aus ihrem Handtäschchen und richtete die Lippen wieder her. Arthur mußte zugeben, daß die wirklich zum Küssen einluden.
„Etwas dezenter bitte,“verfügte er, und der Sheriff nickte nur, begab sich zurück in den Saal. Arthur schaute ihr nach, als Jack herauskam.
„Die ist rossig,“bemerkte Jack mit der ihm eigenen Feinfühligkeit.„Du kannst es nur noch lenken, Arthur.“
„Erklär das 'mal Marge,“retournierte Arthur bissig.„Sie ist noch so jung.“
„Und er ist ein guter Junge,“beruhigte ihn Jack.
„Ich weiß,“resignierte der Pastor.„Aber Marge …“
„Brauchst Du 'nen zweiten Revolver?“bot Jack an.
„Ich glaub‘ nicht,“lächelte Arthur und ging wieder hinein, wo Jim mittlerweile mit Mercedes tanzte. Marge empfing ihren Mann mit einem undefinierbaren Blick, während sie angestrengt mit ihrer Mutter redete. Ethel, die dabeistand, hörte nur zu. Überall hatten sich kleine Grüppchen von Frauen gebildet, die offensichtlich das Verhalten des Sheriffs diskutierten. Schließlich ging Marge auf ihre Tochter zu, die die Tanz- und Kußpause dazu nutzte, schnell einen Happen zu essen. Arthur sah, wie seine Frau und seine Tochter schnell und heftig diskutierten, Marge Mary-Rose dann umarmte und auf ihren Mann zukam.
„Und?“fragte Arthur.
„Ihr habt ja alle Recht,“gab Marge etwas mißmutig zu,„aber ich hab‘ Angst.“
„Vielleicht wird er ja sogar ein Traumschwiegersohn,“gab Arthur zu bedenken.„Besser als ich für Deine Mutter.“
Damit sprach er einen wunden Punkt bei Marge an. Arthurs Verhältnis zu seiner Schwiegermutter war zunächst bestenfalls gespannt gewesen. Erst als Blanche von seinem Theologiestudium erfahren und sich mit Mercedes zusammengerauft hatte, war Arthur ihr sympathischer geworden. Marge wußte, daß sie vom Temperament eher nach ihrer Mutter kam. Sie nahm sich vor, Jim offener zu empfangen, als es Arthur damals passiert war.
„Lad‘ ihn bitte für Morgen zum Essen ein, Arthur,“bat sie.
„Seine Eltern auch?“
„Klär das bitte.“
Arthur lächelte und nickte, suchte mit den Augen Jenna Whoolston. Mal sehen, was sich arrangieren ließ.
„Ist der Sheriff schon da?“fragte Augusta Feodora, die aus dem Fenster des Lehrerzimmers blickte.
„Kommt gerade eingeschwebt,“kommentierte Feodora als Antwort. Ihre Schwägerinnen waren sofort bei ihr.
„Totalverliebt,“stellte Valerie fest, als sie Mary-Rose mit ihrem Sattel tanzen sah.
„Na, ja,“meinte Augusta,„auch Sheriffs verlieben sich manchmal.“
„Und brezeln sich dann furchtbar auf,“kritisierte George Whoolston und trat zum Fenster.„Nun sieh sich einer diesen jungen Stutzer an.“Er zeigte auf seinen Sohn, der gerade den Schulhof betrat.„Eine halbe Stunde hat er heute Morgen vor dem Spiegel verbracht.“Das war ihm auch anzusehen, wie er jetzt auf Mary-Rose zuging, sie küßte.„Man sollte doch meinen, die beiden würden die Anzahl ihrer Zähne so langsam kennen.“Georges bissiger Kommentar brachte die Alder-Frauen zum Lachen.
„Also wenn mir in dem Alter ein Junge wie Jim begegnet wäre, …“begann Augusta.
„Mit vierzehn habe ich noch mit Puppen gespielt,“erklärte Valerie.
„Und sie läßt die Puppen tanzen,“kommentierte George.
„Seht Ihr den Neid bei den älteren Mädchen?“fragte Feodora, und ihre Schwägerinnen sahen genauer hin, stimmten ihr zu.
„Nun,“meinte der Naturkundelehrer,„sie könnten immerhin argumentieren, daß das, was die Tochter des Pastors darf, auch für sie erlaubt sein sollte.“
„Jede Wette, daß das auch passiert,“bot Augusta an.
„Die Offensichtlichkeit des Argumentes läßt die Gegenwahrscheinlichkeit in der Nichtsignifikanz versinken,“lehnte George die Wette lächelnd ab, sah wieder auf seinen Sohn.„Immerhin hat er die Ballkönigin erorbert, und bei ihrer Mutter eine gute Figur gemacht. Keine Schande für einen Vater, oder?“Er verließ das Lehrerzimmer, ohne die Antwort abzuwarten, und die drei Alder-Frauen mußten ihm Recht geben.
„Ich rede mit dem Sheriff,“bot Augusta an.
„Danke, Mitschlampe,“meinte Feodora,„aber ich bin die Rektorin. Das ist mein Job.“Sie lächelte.„Und so gut bist Du mit dem Revolver auch nicht.“
Augusta mußte ihr zustimmen, ging in ihren Klassenraum.
Nachmittags spazierte der Pastor durch die Stadt, grüßte hier, grüßte da, hatte kein bestimmtes Ziel außer ein paar Einkäufen, und die Stimmung zu testen. Durch so manches offene Fenster vernahm er heftige Diskussionen, bis schließlich eine Tür aufflog, und Roy Benson brüllte:„Reverend, kommen Sie doch 'mal bitte!“
„Gerne,“brüllte Arthur genauso laut zurück, folgte aber dem Ruf. Benson war der Frust nur zu deutlich anzusehen. Drinnen standen sich Emily Benson und ihre Mutter wie zwei Kampfhähne gegenüber, die ihre versammelte Wut jetzt plötzlich gegen Arthur richteten.
„Seit Sie Ihrer Tochter alles Mögliche erlauben, Reverend,“keifte Moira Benson,„ist hier buchstäblich die Hölle los, und nach diesem Ball …“
„… will sie Ohrlöcher und mit Jungs ausgehen,“vollendete Roy den Satz mindestens ebenso laut wie seine Frau.
„Ich bin drei Jahre älter als Mary-Rose, und Myrna Jenkins feiert eine Party, zu der sie alle eingeladen hat,“zeterte Emily.
„In den Saloon!“ereiferte sich ihre Mutter.„Und es wird Bier und Wein geben.“
„Puh!“meinte Arthur.„Mary-Rose wird nicht so ganz enttäuscht sein.“
„Warum?“fragte Emily jetzt verblüfft.
„Weil sie ihrer Mutter momentan beim Stillen hilft, und somit striktes Alkoholverbot herrscht,“erklärte ihr Arthur.„Außerdem sehe ich bei einem siebzehnjährigen Mädchen keine Probleme, wenn es nur Wein und Bier gibt.“
„Aber Myrna hat auch die Jungs aus der Schule eingeladen,“wurde Roy Benson jetzt wieder laut.
„Die sind doch alle vernünftig,“machte Arthur eine wegwerfende Handbewegung.
„Und Mary-Rose darf Jim in aller Öffentlichkeit küssen, wie eine Erwachsene,“machte Emily einen Punkt, der ihren Eltern offensichtlich übel aufstieß.
„Mary-Rose ist der Sheriff und trägt die Verantwortung wie eine Erwachsene,“erinnerte Arthur sie.
„Geben Sie mir Ihren Revolver, Reverend“reckte Emily sich kerzengerade auf,„und ich zeige Ihnen, daß ich das auch kann.“
„Emily!“Moira war anzusehen, daß sie für heute genug hatte verdauen müssen. Arthur kam ein Gedanke.
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