„Klar, Dad,“antwortet Willard und war verschwunden.
Mary-Rose packte ihre Sachen ins Gästezimmer, legte alles bereit. Dann klopfte Willard und verkündete, das Bad sei bereitet. Mary-Rose ging zur Wanne, ließ sich hinein gleiten und entspannte ersteinmal.
Später hörte sie Aaron kurz weinen, dann war er wieder ruhig, spielte vielleicht mit Jessups Stern.
Als Mary-Rose nach dem Bad mit frischen Sachen wieder ins Wohnzimmer kam, hing Aaron an der Brust einer jungen Frau.
„Jessica Smith,“stellte die sich vor.
„Mary-Rose Robinson,“antwortete Mary-Rose und runzelte die Stirn.„Aaron! Nicht genug, daß Du den Sheriff und die Mutter des Sheriffs leersäufst, jetzt leerst Du auch noch die Tochter vom Sheriff!“Jessup lachte, während Aaron völlig unbeeindruckt weitertrank.
„Ich hab‘ eh zuviel Milch, Sheriff,“meinte Jessica.„Es macht wirklich nichts.“
„Dann laß ich Dir’s heute 'mal durchgehen,“polterte Mary-Rose scherzhaft weiter und plauderte danach mit Jessica.
Jessup hörte dem Gespräch der beiden jungen Frauen, denn trotz ihres jugendlichen Alters mußte man den Sheriff von Clearwater dazu rechnen, zu und wunderte sich immer wieder.
„Was sucht Aaron eigentlich?“fragte Jessica, als der Kleine immer wieder auf ihre linke Brust patschte.
„Meinen Stern,“lachte Mary-Rose.„Gutes Futter und Spielzeug auf einmal. Dagegen kommt Mum nicht an.“
Jessup steckte seiner Tochter seinen Stern an. Sofort fing Aaron an, damit zu spielen.
„Da soll mich doch…,“lachte Jessup.„Der Junge hat Glück, so eine Schwester zu haben.“Er lehnte sich zurück.„Ist das Ihr erster längerer Ritt?“
„Was hat mich verraten?“fragte Mary-Rose und fühlte sich ertappt.
„Ihr Gang vor und nach dem Bad,“grinste ihr Kollege.
„Bin, ehrlich gesagt überhaupt zum ersten Mal von Zuhause weg,“gestand Mary-Rose.„Danke für den Brief.“
„Endlich Mum entkommen,“lachte Jessica.
„Sagte doch, daß ich eine ganz normale junge Frau bin,“setzte Mary-Rose noch einen drauf, erhob sich dann unter dem Gelächter der anderen.„Ich mach‘ mich jetzt besser fertig.“
„Ich auch,“sagte Jessica und legte Aaron wieder auf seine Decken. Der schlief sofort ein.
„Könntest Du ihn nachher mitnehmen?“fragte Mary-Rose.„Ich möchte für Deinen Bruder 'ne gute Figur machen.“
Jessica lachte wieder und nickte, während Mary-Rose schon ihrem Zimmer zustrebte.
Abends im Saloon legte Jessica Aaron und ihre Tochter Belle zusammen in ein Kinderbettchen. Beide schliefen tief und fest, nachdem sie die Windeln gewechselt hatte. Aaron, fand sie, war zwar ein hungriges aber ansonsten absolut pflegeleichtes Baby. Sie begab sich nach vorne in den Saal.
Dort standen schon die jungen Burschen mit ihren Mädchen herum, lästerten lauthals, auch über …
„Willard hat 'mal wieder keine Begleitung,“meinte einer der Jungen.
„Wer will mit Willard?“lachte ein Mädchen, objektiv die Schönste in der Runde. Die anderen lachten hämisch. Jessica tat, als hätte sie nichts gehört.
„Nicht 'mal Marcy Roberts,“lachte ein anderer Junge. Marcy war verkrümmt und trug eine dicke Brille. Sie war sehr schlau, las viel, konnte aber nur sehr angestrengt sprechen. Jessica hätte diesen Kerlen schon um ihretwegen am Liebsten eine heruntergehauen.
Ihre Eltern traten ein, traten sofort zur Seite, denn hinter ihnen kamen Mary-Rose und Willard. Das Gespött verstummte abrupt. Jeder der Jungs sah verstohlen seine Begleitung an, verglich sie mit dem Sheriff von Clearwater. Willard bemerkte das und reckte sich noch zwei Zoll höher auf. Mary-Rose hatte das Wort „Ball“ wörtlich genommen, auch wenn man hier in Cow Hill mit Sicherheit Abstriche machen mußte. Jessica wußte, ihr eigener Vater hätte sie in dem Alter nicht so ausgehen lassen.
„Na, Mädels, hat sie’s geschafft?“fragte Jack seine Frau und seine Schwägerin. Beide nickten nur stumm. Selbst hatten sie sich zurückgehalten, wegen der Babybäuche.
„Sie hat dem Jungen gehörig Prestige verschafft,“stellte Valerie fest.
„Wetten, daß sie wieder führt?“fragte Mike.
„Abgelehnt wegen zu geringer Gegenwahrscheinlichkeit,“lachte Augusta. Mike war der geborene Spieler und Juggler. Daß er seine Gewinnchancen zu optimieren versuchte, war nur verständlich, aber … wenigstens war er der beste Pferdeverkäufer, den man sich vorstellen konnte.
Später sahen Mary-Rose und Jessica noch einmal kurz nach den Säuglingen und stellten verblüfft fest, daß diese nicht nur wach waren, sondern auch durch gegenseitiges Betatschen miteinander spielten. Die Frauen zogen sich leise zurück. Der Abend war gerettet.
Mary-Rose setzte sich in den Zeugenstand, nachdem sie als Zeugin vereidigt worden war. Der Staatsanwalt, extra aus Denver angereist, kam auf sie zu.
„Sheriff Robinson.“Den Titel auf die junge Frau anzuwenden, machte ihm offensichtlich Schwierigkeiten.„Sie wissen, warum Sie hier vorgeladen wurden?“
„Ich soll ein Leumundszeugnis über die Verdächtigen ablegen,“antwortete Mary-Rose.
„Richtig,“bestätigte der Staatsanwalt.„Sind Ihnen im Rahmen ihrer Tätigkeit Steckbriefe gegen Jack und Mike Alder bekannt geworden.“
„Ja,“anwortete der Sheriff.
„Wie viele?“
„Einer gegen Jack und zwei gegen Mike Alder.“
„In welchen Angelegenheiten?“
„Der gegen Jack Alder wegen Verdacht auf Mord,“wog Mary-Rose ihre Worte, um neutral und damit zuverlässig zu erscheinen,„und die gegen Mike Alder wegen Betruges und versuchten Mordes.“
„Keine weiteren Fragen, Euer Ehren,“verkündete der Staatsanwalt und zog sich hinter seinen Tisch zurück. Der Verteidiger betrat wieder die Szene.
„Was kam bei den Ermittlungen bezüglich dieser Steckbriefe heraus?“fragte er.
„Die Anschuldigungen erwiesen sich als haltlos.“
„Alle?“
„Samt und sonders,“bekräftigte Mary-Rose.
„Welche Funtionen erfüllen die Alder-Brüder sonst noch in Clearwater?“
„Öffentliche Funktionen?“
„Genau.“
„Sie sind Mitglieder des Stadtrates,“erklärte Mary-Rose,„und Lehrer für alte Sprachen an unserer Schule.“
„Die Schule von Clearwater ist ja weithin bekannt, Miss Robinson,“leitete der Verteidiger seine nächste Frage ein.„Auf wessen Initiative geht sie zurück?“
„Auf die Initiative von Mr. Jack Alder.“Raunen im Saal.
„Entwickelt Mr. Alder noch weitere Aktivitäten in dieser Richtung?“
„Soweit mir bekannt ist, plant er die Errichtung einer Universität.“
„Einer Universität?“spottete der Staatsanwalt.„In Clearwater?“
Unter gewöhnlichen Umständen wären Jack und Mike wohl mit dem Staatsanwalt kurz vor die Tür gegangen, um die Sache zu klären. Hier beherrschten sie sich gerade so.
„Sie wird auch den Kindern von Staatsanwälten offenstehen,“meinte Jack auf Latein.
„Bist Du Dir sicher?“fragte Mike auf Griechisch.
„Nicht streiten, Jungs,“erinnerte der Sheriff auf Hebräisch. Der Staatsanwalt hatte schon bei Mikes Antwort den Faden verloren und sah dementsprechend drein.
„Stimmt es nicht, daß Sie gelegentlich Streit zwischen den Brüdern schlichten mußten, Sheriff?“fragte er deshalb.
„Das ist allerdings war,“antwortete Mary-Rose.
„Sogar einmal eine Schlägerei im Saloon beenden?“
„Leider ja.“Die Antwort war Mary-Rose unangenehm, aber Wahrheit gehörte nun 'mal zum Job.
„Auch nach ihrer Berufung zu Lehrern?“
„Berufung kann man das eigentlich nicht nennen,“sinnierte Mary-Rose,„eher Buße.“
„Beantworten Sie bitte meine Frage!“
„Natürlich, Sir. Verzeihung. Ja, auch das stimmt.“
„Sie sprachen eben von Buße, Sheriff,“hakte der Verteidiger ein.„Wie meinen Sie das?“
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