Sofort bildete sich die Menschentraube um Ethans Wagen herum.
„Fahren Sie dort 'ran und zeigen Sie ihr Sortiment,“wies ihn der Sheriff an.
„Sofort.“Ethan parkte vor der Postkutsche, die gleich weiter nach Süden fahren würde, öffnete die seitliche Verkaufsklappe seines Wagens und legte aus, was er hatte, ohne auf große Geschäfte zu hoffen.
„OH! AH! Wundervoll!“Vor allem die Damen waren von dem Angebot sehr angetan. Einer der Herren besah sich die Auslage genauer, schien mehr zu wissen als die anderen.
„Sehe ich das richtig,“fragte er jetzt,„daß dieses Collier, das Armband, die Ohrhänger und die beiden Ringe zusammen gehören?“
„Sehr richtig, Sir,“antwortete Ethan.„Diamanten und Gold in höchster Qualität. Habe es einmal für einen Kunden gefertigt, der vor der Auslieferung Pleite ging. Als sich die Fälle in San Francisco häuften, mußte ich mein Haus verkaufen und kann es ihnen daher heute hier anbieten.“Allgemeines Gelächter und ein Schmunzeln um den Mund des älteren Herren.
„Jacqueline, Schatz,“sagte er,„kommst Du bitte.“Die Angesprochene, wohl seine Ehefrau kam zögernd näher. Ihr Mann nahm die Ohrhänger, hielt sie an.
„Was kostet das ganze Set?“fragte er dann den verblüfften Ethan.
„Aber Julius …“protestierte seine Frau schwach.
„Sie bekommen es von mir für einen Spottpreis von 1000 Dollar, Sir,“lächelte Ethan, darauf gefaßt, daß damit das Gespräch beendet sein würde.
„Könnten Sie bitte kurz den Tresor öffnen, Randall?“fragte der Kunde jetzt einen anderen älteren Herrn. Der lächelte.
„Natürlich,“meinte er,„aber ich habe eine bessere Idee.“
„Und welche?“fragte ein Cowboy interessiert.
„Warum läßt Mr. …“
„Barclay,“half Ethan.
„ … sich nicht hier nieder? Die Bank verkauft gerade sehr günstig ein passendes Haus mit Ladengeschäft, und ich würde den Betrag dann sofort ihrem Konto gutschreiben.“
„Keine schlechte Idee, Mr. Beddowes,“meinte jetzt auch der Sheriff.„N‘ ordentlichen Juwelier könnten wir gut brauchen.“
„Richtig,“mischte sich ein dritter älterer Herr ein.„Nicht mehr nur Gold und Diamanten schürfen, sondern auch Fertigwaren produzieren.“
„Schmuckserien für jeden Geldbeutel,“mischte sich ein asiatisch aussehender Herr ein.
„Geht so etwas, Mr. Barclay?“fragte jetzt der Cowboy.
„Grundsätzlich ja, aber – ganz ehrlich – ich fühle mich jetzt etwas überfordert.“
„Verständlich,“lächelte der erste Kunde.„Machen Sie bitte die Rechnung, wir gehen dann gleich zur Bank. Soviel Kleingeld trage ich für gewöhnlich nicht mit mir herum.“
„Was kostet dieses Set hier?“fragte der Sheriff.
Ethan dachte kurz nach:„333er Gold mit Opalen, alles zusammen 250 $, junge Dame.“
„Dad, ich weiß, wo Du hinkuckst,“wandte sich der Sheriff an den Pastor.
„Leider, Mary-Rose,“antwortete der.
„Es würde wundervoll zu Mums rotem Kleid passen,“lächelte der Sheriff sehnsuchtsvoll, und erzielte bei ihrem Vater den gewünschten Effekt.
„Ich weiß, Mary-Rose!“wehrte sich der Pastor.
„Was kostet das Collier mit den Rubinen?“
Ethan atmete tief durch:„150 $.“
„Mary-Rose!“rief der Pastor erschrocken.
„Packen Sie es bitte extra ein,“sagte der Sheriff und holte ihr Portemonnaie aus der Tasche, zählte Ethan das Geld in kleinen Scheinen hin.„Und wenn einer von Euch meiner Mutter vor Morgen irgendetwas verrät, dann …“
„… knallst Du ihn nieder?“fragte der Cowboy.
„24 Stunden bei Wasser und Brot reichen,“grinste der Sheriff, bezahlte den Rest.
„Ist das etwa das Geld, was Du mir gestern Abend beim Pokern abgenommen hast?“fragte der erste Kunde.
„Und das von Mr. Beddowes, Onkel Julius,“bestätigte der Sheriff,„zumindest teilweise.“
„Habt wohl wieder kräftig geblutet, was?“grinste der Cowboy.
„Fragen Sie einmal Ihren Bruder, Mr. Alder,“gab der Bankier zurück.
„Frag nicht,“brummte ein anderer Cowboy.„Aber der Ring da würde Augusta stehen, Jack.“
„Und das Armband hier wär sicher was für Valerie, Mike,“schoß Jack Alder im gleichen Tonfall zurück.
„Jungs!“mahnte der Sheriff.„Prügeln vor der Stadt.“
Die Brüder rissen sich offensichtlich zusammen, kauften die Schmuckstücke.
„Robert Clayton, Bürgermeister,“stellte sich der Herr vor, der von den Fertigwaren gesprochen hatte.„Vielleicht können wir irgendwo einmal reden.“
„Sicher,“meinte Ethan.„Schließe nur gerade vorher diese Geschäfte hier ab.“
„Natürlich,“zog sich Clayton ein paar Schritte zurück, während Beddowes für einen Moment verschwunden war, jetzt zurückkam.
„Möchten Sie die tausend Dollar in einem Schein oder in Kleingeld?“fragte er.
Ethan machte große Augen.
„In einem Schein, Sir,“antwortete er.„Will auch 'mal einen 1000-$-Schein in der Hand halten.“
Beddowes händigte ihm den Schein aus, und Ethan betrachtete ihn wie ein Wunder. Mehr als zwei Jahrzehnte hatte er an der Westküste gearbeitet und immer nur kleine Scheine in der Hand gehalten. Jetzt, hier oben in den Bergen Colorados, in einer Kleinstadt, zahlte jemand mit dem größten Schein in den Staaten. Ethan grinste.
„Ich glaube, ich sollte mich hier tatsächlich niederlassen,“sagte er, als er das teure Set in einem eigens angefertigten Kästchen aushändigte.
„Ich packe das Collier in meinen Safe, Dad,“meinte der Sheriff.„Heute sieht Mum nur mein Set.“
„Mary-Rose,“sagte eine ältere Dame in leicht tadelndem Ton, lächelte aber.
„Sonst wird’s aber morgen keine Überraschung, Tante Ethel,“verteidigte sich der Sheriff keck und machte sich auf den Weg. Die meisten sahen ihr kopfschüttelnd nach.
„Na, ja,“meinte Jack Alder,„welches vierzehnjährige Mädchen gibt schon so einfach 150 $ für ein Geburtstagsgeschenk für ihre Mutter aus?“
„Welches vierzehnjährige Mädchen darf sich jeden Dienstag Abend am Pokertisch das Geld dafür verdienen?“lachte der Bankier.
„Dafür lasse ich mich gerne ausnehmen,“verkündete Onkel Julius und zog mit seiner Frau von dannen.
Ethan packte den Rest der Ware sorgfältig ein und verstaute sie im Banksafe, bevor er mit dem Bürgermeister und dem Bankier zu einem kleinen Haus mit Ladengeschäft ging. Beddowes schloß auf, und die Männer betraten den Laden. Hinten 'raus waren noch zwei Werkstatträume, und das Obergeschoß war als Wohnung für Ethan alleine groß genug.
„Gehörte dem Totengräber,“grinste der Bürgermeister,„bis der selber starb.“
Ethan mußte lachen.
„Hatte noch Schulden bei der Bank,“fuhr der Bürgermeister fort,„daher verkauft Mr. Beddowes jetzt das Haus mit Grundstück.“
„Haben Sie das Grundstück hinter dem Haus bemerkt?“fragte Beddowes.
„Ja,“antwortete Ethan. Platz war genug da.„Wieviel?“
„Fünfhundert Dollar.“
Ethan pfiff durch die Zähne. Soviel hatte er allein heute mindestens verdient.
„Und die Stadt hat eine Goldmine?“
„Genau,“nickte der Bürgermeister,„und der ehemalige Diener von Sir Waldo schürft oben in den Bergen nach Edelsteinen. Findet normalerweise Diamanten, Smaragde, Opale und solches Zeug.“
„Verlangt sehr realistische Preise,“fiel der Bankier ein.
Ethan schüttelte ihm die Hand.
„Ich nehm das Haus,“bekräftigte er,„und zahle bar.“
Die beiden Anderen lachten.
„Dann lassen Sie uns den Vertrag machen,“forderte ihn Beddowes auf,„und die Zukunftsperspektiven besprechen.“
Ethan bekam große Ohren. Solche Töne war er von Bänkern nicht gewohnt.
Die Männer verließen das Haus und gingen zum Rathaus.
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