„Wieso wirst Du dann aber bei jedem dreckigen Witz rot?“wollte Valerie wissen.
„Weil ich – im Gegensatz zu Euch beiden – bis heute vor meiner Vergangenheit davongelaufen bin,“erklärte Feodora.„Hier gab’s ja auch Männer, und ich mußte mich in Acht nehmen, um nicht wieder die gleichen Dummheiten zu machen.“Sie strich sich über den Bauch.„Nur Deine Hochzeit mit Jack, Augusta, gab mir die Kraft, Ron an mich heran zu lassen. Ich hatte einfach Angst, er würde mein Vorleben als etwas …“Sie suchte nach Worten.„ … zu wild empfinden.“Sie blickte ihre Schwägerinnen an.„Ihr habt es aus Not getan, zumindest teilweise.“Sie blickte zu Boden.„Ich habe nie Not gelitten.“Sie machte eine Pause.
„Dann hat’s Dir wenigstens Spaß gemacht,“kommentierte Valerie die andere Sicht der Dinge.
„So könnte man es auch nennen,“gab Feodora zu.„An unserem Hochzeitstag hatte ich Ron gerade meine Verfehlungen gebeichtet, und er …“
„Und ich habe gesagt,“half ihr Ron,„daß ich mir ein Vorbild an meinen großen Brüdern nehmen und mir nichts draus machen werde.“
„Hey,“platzte Mike heraus,„haben Jack und ich Dir nicht immer gepredigt, Du sollst Dir kein Vorbild an uns nehmen?“Er zuckte mit den Schultern.„War wohl Blödsinn.“
„Ihr seid genauso verrückt, wie der Rest dieser Stadt,“schüttelte Arthur seinen Kopf.
„Wir sind hier geboren,“grinste Doug.
Augusta und Valerie nahmen Feodora in ihre Arme.
„Komm her, …,“begann Augusta.
„…, Mitschlampe,“vollendete Valerie, und Feodora schien über diesen Titel fast froh zu sein.
„Ich bin im Bett,“kündigte Doug unvermittelt an und verabschiedete sich.
„Was ist denn mit dem los?“fragte Arthur, als er weg war.
„Es ist einfach zu kalt, um in der Scheune zu schlafen,“kommentierte Jack, und setzte Arthur mit ein paar weiteren Worten ins Bild.
„Warum baut Ihr nicht einfach an?“fragte Arthur.„Jeder Familie ihren eigenen Bereich, und schon ist Ruhe.“
„Arthur, Du wächst über Dich hinaus,“lachte Jack.
„Dann nehme ich mir nur ein Beispiel an Dir,“grinste Arthur, und auf Jacks dummes Gesicht:„Du bist der wahrscheinlich gebildetste Mensch, den ich kenne, und so langsam wirst Du auch zivilisiert.“Jacks Gesicht war nicht zu deuten.„Aber bleib bitte Du selbst. Ich glaube, einen zivilisierten Jack Alder könnte dieser Planet nicht ertragen.“
Jack mußte lachen.
„Wen hälst Du denn für den zivilisiertesten Menschen, Arthur?“fragte Ron neugierig. Arthur überlegte eine Weile.
„Gun,“sagte er dann und nickte wie zur Bestätigung.„Ja, eindeutig Gun.“
„Gun?“lachte Mike.„Dann kennst Du ihn aber schlecht.“
Arthur schüttelte den Kopf:„Hab‘ ihn mir schon beim ersten Mal ganz genau angesehen. Hätte ja immerhin mein Schwiegersohn werden können.“
„Werde ihm bei Gelegenheit stecken, daß er nicht an Dir gescheitert ist,“lachte Mike.
Doc Rivers setzte sich stöhnend in den Wagen neben den Sheriff. Daß Babys auch immer nachts kommen mußten. Der Wagen setzte sich in Bewegung, im Galopp. Als sie ankamen, war Elvira Jenkins auch schon da.
„Du machst das großartig, Marge,“sagte sie, während der Arzt sie untersuchte.
„Wird schon, Mum,“meinte Mary-Rose.„Myrna sah schlechter aus.“Sie überprüfte die Ladung ihrer Colts.
„Alles nichtmedizinische Personal 'raus,“fauchte Marge.„Anordnung der Mutter des Sheriffs.“Arthur und Mary-Rose zogen sich zurück. Der Pastor nahm sich seine Zeitung und seine Pfeife, während der Sheriff aufgeregt auf und ab ging.
Nach einer Viertelstunde nahm Arthur seine Pfeife aus dem Mund und bemerkte:„Genauso bin ich auch hin und her getigert, bei Deiner Geburt vor fast vierzehn Jahren.“
Mary-Rose blieb stehen, lächelte gequält:„Ich halte diese Warterei nicht länger aus, Dad, wäre viel lieber da drin und könnte irgendetwas tun.“
„Deine Mutter ist nicht Myrna,“gab ihr Vater zu bedenken.„Du hilfst ihr am Besten, wenn Du sie in Ruhe läßt.“
Mary-Rose blickte nach oben:„Oh, Herr, schenk‘ mir Geduld,… aber bitte sofort.“
Der Pastor lachte.„Man könnte fast meinen, es wäre Dein Kind, das da drin geboren würde.“
„Dann wäre ich ja wohl dabei,“brummte seine Tochter, setzte sich hin und nahm sich das Andachtsbuch.
„Liebe Deinen Nächsten, wie Dich selbst,“las sie und blickte auf.„Aber wir sollen doch unser Kreuz auf uns nehmen und unseren alten Menschen ausziehen?“Ihr Gesicht war ein einziges Fragezeichen.„Wie paßt das zusammen?“
„Geht schon,“nahm ihr Vater bereitwillig die Diskussion auf.„Denn in dem Moment, wo Du Dich unter Gottes Willen stellst, tust Du ja das Beste für Dich selbst.“
„Also das ist mir jetzt zu platt,“verschränkte Mary-Rose die Arme.
„Hattest Du eine hochtheologische Begründung erwartet?“
„Nicht in dieser Situation. Nein.“Der Sheriff grinste herausfordernd. Sie hätte genausogut „En Garde!“ sagen können. Ihr Vater brauchte die Aufforderung aber nicht, ging gerne auf die Möglichkeit einer theologischen Haarspalterei ein.
Und so kreuzten in der nächsten halben Stunde die beiden größten Theologen Clearwaters die metaphorischen Klingen, bis ein durchdringendes Geplärr ihnen verriet, daß wieder ein Erdenbürger aus seiner ersten Wohnung vertrieben worden war. Elvira kam heraus, winkte sie ins Zimmer, wo sie Mutter und Kind wohlauf vorfanden.
„Und?“fragte Mary-Rose, zum Platzen neugierig.
„Ein Junge,“bestätigte der Arzt.
Die drei Robinsons verständigten sich stumm.
„Wie wär’s mit Aaron?“fragte Mary-Rose.„War ein Priester.“
Ihr Vater nickte:„Und als zweiter Name?“
„Isambard,“meinte der Sheriff.
„Wieso ausgerechnet Isambard?“fragte ihre Mutter verblüfft.
„Weis nicht,“antwortete Mary-Rose versonnen.„Sieht irgendwie wie einer aus.“Sie streichelte Aaron über den Kopf.„Hallo, kleiner Bruder des Sheriffs.“Sie sah ihn zärtlich an.„Jahaa. Immer schön Happa-Happa machen, damit Du schnell einen Colt halten kannst.“
Marge zog scharf die Luft ein, während ihre Tochter den Raum verließ. Kurz darauf hörte man Salut und dann die Glocken der Kirche. Man schrieb den 22. Januar 1871.
Marge hörte die Tür und das charakteristische Klack-Klack der Stiefel ihrer Tochter. Mary-Rose steckte auch sofort den Kopf zur Wohnzimmertüre herein, fand ihre Mutter stillend. Aaron war gerade eingeschlafen.
„Nimmst Du Aaron kurz?“fragte Marge.„Ich muß wohin.“
Mary-Rose nahm ihren Bruder, der dadurch wieder aufwachte. Als Marge das Wohnzimmer verließ, hörte sie schon die ersten Anzeichen, daß Aaron Isambard Robinson – bekennender Vielfraß – a) noch lange nicht genug hatte und b) auch nicht unbedingt bei seiner Schwester bleiben wollte. Sie beeilte sich auf dem stillen Örtchen, hörte aber die durchdringende Stimme ihres Sohnes, bis die abrupt aufhörte. Marge begab sich zurück ins Wohnzimmer, wo Mary-Rose in ihrem Sessel mit dem Rücken zur Tür saß. Sie ging um den Sessel herum und sah, … wie Aaron an der Brust seiner Schwester saugte!
„Mary-Rose!“rief Marge geschockt.
„Was denn?“verteidigte sich der Sheriff.„Ich hab‘ seit einiger Zeit Milch. Frag mich nicht, warum.“Sie blickte ihre Mutter flehend an.„Du sagst doch immer, daß er mehr Hunger hat, als Du liefern kannst. Ich seh‘ doch, wie Dich das aufzehrt.“
Marge beruhigte sich, bemerkte wie ihre Tochter es genoß, wie zärtlich sie ihrem Bruder den Kopf streichelte. Aaron streckte sein Ärmchen nach dem Stern aus, wollte wohl mit dem großen blinkenden Ding spielen. Mary-Rose verlagerte ihn etwas, damit er 'rankam. Aaron patschte auf den Stern, versuchte sogar, ihn zu drehen.
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