Draußen warf Styles einen Blick in die Säcke, lief leicht grünlich an und ließ sich die Geschichte erzählen. Danach sah er die junge Samurai genau an. Yukiko verneigte sich mit einem freundlichen Lächeln, das Styles zwang, es ihr gleichzutun. Er kratzte sich am Kopf, ließ sich das Schwert zeigen, kratzte sich wieder.
„Sehr ungewöhnlicher Fall, Gentlemen,“sagte er,„und, ganz offen gesagt, ihre Namen machen es nicht leichter.“Er blickte die Alders an.„Verzeihen sie bitte.“
„Wir wissen, daß wir keine Chorknaben sind, Sheriff,“antwortete Jack.
„Aber wir sind hier,“half ihm Mike.„Wir hätten sie auch einfach verscharren können.“
„Das ist richtig,“stellte der Sheriff fest, nahm seinen Hut und sagte, er wolle den Rest des Trecks verhören.
Am Morgen des nächsten Tages ließ Sheriff Styles den Treck weiterziehen und machte sich auf den Weg nach Hause. Nach durchwachten Nächten merkte er, daß er keine Zwanzig mehr war. Bevor er nach Hause ging, schloß er das sichergestellte Tuch und die Flasche mit dem Betäubungsmittel im Safe seines Office ein. Sobald er ausgeschlafen war, würde er den Doktor dazu befragen.
Mary-Rose hielt den Umschlag mit dem Telegramm in der Hand, konnte sich aber nicht entschließen, ihn zu öffnen. Wem nützte die Nachricht überhaupt? Was war denn bewiesen, selbst wenn die Nachricht positiv war? Der Sheriff rief sich zur Ordnung und gestand sich ehrlich ein, daß sie Angst vor einer negativen Nachricht hatte. Schließlich steckte sie den Brief in ihre Manteltasche und machte sich auf den Weg zum Saloon.
Dort angekommen, betrat sie den großen Saal und hätte vor Schreck beinahe geschrien.
„Was ist denn hier los?“fragte sie nur sehr bestimmt.
„Alles in Ordnung, Mary-Rose,“meinte Myrna.„Ich bekämpfe nur meine Angst.“
„Und wenn Du in Panik gerätst?“fragte Mary-Rose besorgt.„Wenn Du’s vermuckst, kann das Messer treffen.“
„Deshalb ja auch die Augenbinde,“lächelte Myrna.„So sehe ich die Messer nicht.“
„Wir machen schon den dritten Durchgang,“grinste Gun.
„Paß bloß auf, Gun!“drohte der Sheriff.„Wo ist Deine Frau?“
„Hinten,“zeigte Gun mit einem Messer.
Mary-Rose ging hinter die Bühne, fand Clarisse dort beim Bügeln.
„Mrs. Mayweather,“sagte sie und zog den Umschlag hervor,„ich habe das Ergebnis der Exhumierung.“
Clarisse stellte das Eisen weg, nahm den Umschlag, wog ihn in der Hand.
„Wollte ihn nur in Ihrem Beisein öffnen,“erklärte der Sheriff.
Clarisse öffnete den Umschlag, zog das Telegramm vorsichtig heraus, hielt es zusammengefaltet in ihrer Hand. Mary-Rose trat neben sie, legte ihr den Arm um die Schultern. Clarisse öffnete den Umschlag, und die beiden Frauen lasen. Danach setzte Clarisse sich stumm auf einen Stuhl. Mary-Rose blickte sie an, ging dann nach vorne, als sie keine einschlagenden Messer mehr hörte.
„Gun,“sagte sie nur,„kümmer Dich bitte um Deine Frau.“
Gun ging sofort nach hinten. Mary-Rose blickte ihm nach.
„Was ist denn los?“fragte Myrna.
„Amtsgeheimnis,“antwortete Mary-Rose nur, blickte zu Boden.„Frag‘ Deine Eltern schon 'mal um Erlaubnis.“
„Wofür?“
„Für den Auftritt heute Abend,“meinte der Sheriff.„Clarisse wird’s wohl nicht schaffen.“
„Übernimmst Du das für mich,“bat ihre Freundin.„Du bist überzeugender.“
„Mach‘ ich,“lächelte Mary-Rose.„Und Du sagst Gun, daß er heute Abend wieder Messer nach mir werfen darf.“
„Klar, Sheriff.“
Myrna umarmte ihre Freundin, die den Saloon verließ. Es hatte Mary-Rose nie so wenig gefreut, Recht behalten zu haben.
Abends trug Myrna ein Kleid, das Augusta beigesteuert hatte, während Mary-Rose bei Valerie betteln mußte. Elvira hatte zunächst skeptisch geguckt, Isaiah erstaunlicherweise aber nicht, obwohl das Kleid einige sehr tiefe Einblicke zuließ. Er hatte bei Myrnas Erklärungen nur genickt. Hinter der Bühne konnte Mary-Rose deutlich sehen, wie Myrna ihre Angst niederkämpfte. Der Sheriff hatte beide Colts umgeschnallt.
„Angst?“fragte sie.
„Ja,“gab Myrna zu,„aber nicht die Messer, die Leute.“
„Du wußtest es.“
„Natürlich, aber real ist was Anderes.“Myrna zwang sich zu einem Lächeln.„‚Wer überwindet, …‘,“zitierte sie aus der Bibel, und der Sheriff mußte sich das Lachen verbeißen.
Als sich der Vorhang hob, stöckelte Myrna auf die Bühne, präsentierte sich selbst und Gun, stellte sich vor das Brett, während Mary-Rose Gun die Messer reichte. Die Eltern der Mädchen saßen ganz hinten, die Mütter verzogen bei den Pfiffen der Männer das Gesicht, während beide Väter lediglich amüsiert lächelten und dadurch ihre jeweiligen Ehefrauen nur noch mehr aufregten.
Im Laufe der Show wurde Myrna immer lockerer, wackelte kurz vor der Pause sogar syncron mit ihrer Freundin mit den Hüften. Das Publikum johlte. Dann fiel der Vorhang.
Clarisse nahm die beiden Mädchen hinten in Empfang.
„Sehr gut!“lobte sie.„Vor allem Du, Myrna.“
„Danke,“atmete Myrna tief durch.„Ich hatte das Publikum wirklich in der Hand!“Sie war etwas ratlos.„Es war, als würde ich das steuern.“
„Völlig normal,“klopfte Gun ihr auf die Schulter.„Das Publikum erwartet von Dir, daß Du es mitnimmst. Ich werfe die Messer, aber die da draußen sehen nur Dich, fiebern mit Dir.“
„Ich mach‘ gleich das Todesrad,“verkündete Myrna.
„Bist Du sicher?“wollte Mary-Rose eigentlich fragen, hielt aber den Mund. Gun nickte ihr nur verstohlen zu.
„Isaiah, ich hab‘ Angst,“sagte Elvira leise während der Pause.
„Wovor?“fragte der zurück, obwohl er die Antwort kannte.
„Davor, daß einer der Kerle Myrna für Freiwild hält!“zischte Elvira.
„Sie hat das Publikum absolut im Griff,“beruhigte sie Arthur.„Auf diese Art erzeugt sie ein Gefühl der Unerreichbarkeit.“
Elvira wollte Arthur gerne glauben, blieb aber skeptisch.
„Außerdem ist sie hier nicht allein,“erinnerte Isaiah,„und alles, was sie gegen ihre Angst unternimmt, ist gut.“
„Sie möchte diesen Damenrevolver bei Tamblyn,“erklärte Elvira.
„Vielleicht 'ne gute Idee.“Arthur klang nachdenklich.„Paßt in die Handtasche, sogar in eine Tasche am Kleid. Mary-Rose könnte ihr beibringen, wie man damit umgeht.“
„Noch ein Mädchen mit Revolver?“Marge war skeptisch.
„Vielleicht braucht sie ihn ja nur zur Abschreckung,“erklärte Arthur.„Weil er da ist, muß sie ihn nicht benutzen.“
„Sie hat doch einen Revolver,“wandte Elvira ein.
„Wenn sie das Ding anfaßt,“erinnerte ihr Mann sie daran, daß dieser Revolver eine Geschichte hatte.
„Habt ihr gesehen, wie gelöst sie am Ende der Show war?“wechselte Arthur jetzt das Thema.„Sie schien fast ohne Angst.“
„Deshalb habe ich’s ihr erlaubt,“sagte Isaiah.
„Ich weiß,“erklärte Elvira gereizt,„aber meine Tochter in diesem Aufzug vor einer Horde Männer!“
„Wenn die Frau des Pastors damit zurechtkommt,“lächelte Marge ganz gegen ihre Überzeugung,„kannst Du das auch.“Elvira verdrehte die Augen.„Und meine Tochter ist jünger.“
Als Elvira ihre Tochter nach der Show hinter der Bühne in ihre Arme schloß, gab es keinen Vorwurf. Elvira war einfach nur glücklich, daß ihr Kind glücklich war.
„Danke, Gun,“sagte Myrna.
„Was sagt man dazu?“grinste Gun schief.„Ich werf mit scharfen Messern nach ihr und sie bedankt sich.“
Myrna lächelte. Elvira las in ihren Augen eine ganz bestimmte Frage, die sie dort nicht sehen wollte. Gun und Clarisse hatten es ebenfalls gemerkt, nickten sich zu.
„Du kannst gerne weitermachen, Myrna,“bot Gun deshalb an.
Elvira schluckte, während ihr Mann nachdenklich schaute. Mary-Rose, ja eigentlich alle Robinsons verhielten sich extrem neutral.
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