„Ich komm‘ schon zurecht,“meinte Mary-Rose, Ihre Mutter legte sich aufs Sofa und schlief sofort ein.
Mary-Rose wachte auf. Aaron quengelte, war wohl eben aufgewacht. Ihre Zimmertür und die Tür zum Schlafzimmer standen offen. Schlaftrunken wankte sie zu Aarons Kinderbett, bemerkte, daß ihre Eltern nicht da waren. Sie nahm Aaron, machte ihn sauber, fand in der Küche einen Zettel, auf dem ihre Eltern ihr mitteilten, daß sie leider schon früh fort gemußt hatten und ihr zum Geburtstag gratulierten. Wenigstens hatten sie daran gedacht. Der Sheriff nahm ihren kleinen Bruder mit ins eigene Bett, ließ ihn trinken. Es war noch Zeit für eine Runde Schlaf.
Als sie zwei Stunden später aufwachte, schien die Sonne durch die Ritzen ihrer Fensterläden. Aaron war natürlich putzmunter, lächelte sie sogar an. Sie nahm ihn mit in die Küche, legte ihn dort in seine Wiege, machte für sich Frühstück. Ein paar Scheiben Toast, Butter, Marmelade und Kaffee reichten ihr. Als sie am Frühstückstisch saß, quengelte ihr Bruder schon wieder. Mary-Rose gab ihm die andere Brust, während sie ihren Toast aß, und dachte dabei, daß sie wohl der einzige stillende Sheriff in den USA war.
Als sie Aaron und sich angezogen hatte, band sie sich Aaron mit einem langen Schal vor den Bauch, sattelte ihr Pferd und ritt in die Stadt. Einige Leute, die ihr unterwegs begegneten, schmunzelten, aber es waren für einen Samstagmorgen nur wenige Leute auf der Straße. Die Stadt schien fast wie ausgestorben. Hatte etwa die Entrückung ohne sie stattgefunden? Die Leute, die sie auf der Straße sah, schienen das zu bestätigen.
Barneys Saloon machte gerade auf. Sie hatte sich mit ihrer Morgenroutine wirklich Zeit gelassen. Als sie gerade auf der Höhe des Saloons war, ertönte aus der Tür Gekeife, männliches Schimpfen und Gläserklirren. Der Sheriff seufzte: Am frühen Morgen! Sie stieg ab und betrat mit der Hand am Colt breitbeinig den Saloon.
„Was ist denn hier los?“wollte sie gerade brüllen, als ihr ein vielstimmiges „Überraschung!“ entgegenschlug. Sie erkannte ihre Eltern, alle Alders, Onkel Julius mit Jacqueline, den Bürgermeister, Myrna und viele andere. Eben schoben die Mädchen eine riesige Geburtstagstorte mit vierzehn Kerzen herein. Mary-Rose lächelte. Ihre Mutter nahm ihr Aaron ab, und Augusta und Valerie zogen sie in die Garderobe. Dort mußte sie sich ausziehen, bekam einen Frisiermantel an, und die beiden erfahrenen Frauen kümmerten sich um Make-Up und Haare. Erst danach enthüllte Augusta ein Kleid, das in seiner Art in Clearwater wohl einzigartig war. Mary-Rose zog es an, betrachtete sich im Spiegel. Valerie reichte ihr ihre Revolver. Mary-Rose schaute verdutzt, untersuchte das Kleid, fand erstaunt die beiden Holster und steckte die Colts hinein. Augusta steckte ihr den Stern an, der wie eine Brosche wirkte. Dann schlüpfte sie in die Schuhe. Valerie warf ihr noch einmal ein Handtuch über die Schulter.
„Tut jetzt etwas weh,“meinte Augusta und stach dem Sheriff Löcher in beide Ohrläppchen. Valerie hängte große Kreolen hinein, tupfte einen Blutstropfen ab. Dann kamen das Collier, die Handschuhe, das Armband und die Ringe.
Der Sheriff begutachtete sich im Spiegel … und lächelte zufrieden. Augusta hielt ihr die Tür auf.
Als sie den großen Saal wieder betrat, waren alle Kronleuchter angezündet, die Kerzen auf der Torte auch. Mary-Rose holte tief Luft und pustete sie in einem Atemzug aus.
„Mögen alle Deine Wünsche in Erfüllung gehen,“wünschte ihr Tante Ethel, und alle gratulierten ihr.
Als Mary-Rose eine Woche später ihr Office betrat, lag die Post schon im Briefkasten. Sie nahm sie auf, fand einen Brief des Sheriffs von Cow Hill. Sie öffnete ihn. Er enthielt ein Amtshilfeersuchen. Mary-Rose seufzte. Nicht nur, daß Sheriff Styles offensichtlich nicht wußte, wer in Clearwater Sheriff war, er servierte ihr auch eine äußerst unangenehme Aufgabe. Aber es half nichts. Nach einem halben Jahr hatte man sich, wahrscheinlich auf Druck der Staatsanwaltschaft in Denver, zu einer Untersuchung entschlossen, und brachte damit allseits die Planung durcheinander. Der Sheriff gab eine telegraphische Antwort auf und machte sich auf den Weg zur Alder-Ranch.
„Du mußt waaas?“fragte Marge erschrocken.
„Ich muß Onkel Jack und Onkel Mike zusammen mit Kiko nach Cow Hill bringen,“antwortete Mary-Rose.„Sheriff Styles hat mir geschrieben. Man nennt das Amtshilfe.“
„Es ist mir egal, wie man das nennt,“wischte Marge die Worte ihrer Tochter vom Tisch.„Ich will nicht, daß Du mindestens zwei Wochen alleine in der Wildnis unterwegs bist!“
„Erstens bin ich nicht alleine,“erinnerte der Sheriff sie,„und zweitens werden wir die meiste Zeit in einer Stadt verbringen, nämlich in Cow Hill.“Kurze Pause.„Ist zwar keine Großstadt, aber Clearwater …“
Marge, die wußte, daß sie geschlagen war, gab noch nicht auf:„Warum können die beiden nicht alleine reiten?“
„Weil ich, der Sheriff, ein Leumundszeugnis ablegen muß,“erklärte ihr Mary-Rose zum gefühlten dritten Mal. Marge wandte einen hilfesuchenden Blick zu ihrem Mann.
„Läßt Du uns bitte kurz allein, Mary-Rose?“bat ihr Vater.
„Natürlich, Dad,“antwortete der Sheriff, suchte sich ein paar Dosen und ging nach draußen.
„Sie ist der Sheriff, Marge,“sagte Arthur nur, als sie draußen war.
„Ich weiß, Schatz,“lehnte Marge sich an ihn,„aber ich hab‘ trotzdem Angst. Ich weiß, daß sie ihre Pflicht tun muß, aber …“
„Du machst es ihr nicht leichter, wenn sie sich an Dir aufreiben muß.“
Marge dachte einen Moment nach.
„Du meinst, ich erhöhe die Gefahr, daß sie unkonzentriert ist, und irgendjemand sie erwischt?“Marge klang unsicher, wollte manches wohl auch nicht wahrhaben, mußte sich an den Gedanken erst gewöhnen. Arthur nickte nur. Marges Gesicht machte verschiedene Ausdrücke durch, bis es grimmig wurde. Arthur fragte sich noch, was jetzt wohl käme, als Marge ihm mit einem schnellen Griff den Colt aus dem Holster stibitzte und nach draußen ging. Arthur folgte ihr, sah, wie sie auf die Dosen anlegte und schoß. Vier von sechs beim ersten Versuch. Nicht schlecht, fand ihr Mann, und der Sheriff war offenbar der gleichen Meinung. Marge steckte den Revolver in ihre Schürze und umarmte ihre Tochter.
„Ich weiß, daß das alles schwierig ist für Dich,“sagte sie dann,„und ich mach‘ es nicht gerade einfacher.“Sie blickte ihrer Tochter in die Augen, sah wieder ihr kleines Mädchen, daß in diesem schon sehr erwachsenen Körper steckte.„Aber ich hab‘ eben Angst um Dich. Seitdem Du diese Schießeisen hast.“
„Das weiß ich doch, Mum,“antwortete die junge Frau mit dem Sheriffstern, die so aussah wie ihre Tochter.„Danke, daß Du mich trotzdem immer wieder gehen läßt.“
„Seltsames Kompliment für eine Mutter,“schmunzelte Marge.„Aber Du hast Recht.“Sie hob den Revolver.„Manchmal tut es gut, auf ein paar Dosen zu schießen.“
Mary-Rose lachte und nahm ihre Mutter mit ins Haus, um ihre Sachen zu packen.
Am nächsten Morgen bestieg Mary-Rose ihr Pferd, steckte das Gewehr ins Futteral und wollte nach einem Kuß ihrer Mutter und einem Händedruck ihres Vaters gerade losreiten, als ihr Bruder fürchterlich zu brüllen anfing. Sie kannte das. Es war Protestgebrüll. Sie nahm Aaron für kurze Zeit zu sich herauf. Er war sofort ruhig, brüllte aber wieder los, als er zu seiner Mutter sollte. Mutter und Vater sahen sich an, wollten die Entscheidung offenbar nicht treffen, aber nach drei weiteren Versuchen war klar: Aaron wollte seine Schwester nicht weglassen. Erstaunliche Leistung für drei Monate!
Marge und Arthur sahen sich wieder an. Arthur nickte nur, Marge seufzte und ging ins Haus. Einige Minuten später kam sie mit einem großen Rucksack und dem Schal wieder, mit dem Mary-Rose sich Aaron immer vor den Bauch band. Nachdem sie dann endlich reisefertig war, ritt der Sheriff los durch die Stadt in Richtung Alder-Ranch. Marge hörte sie noch sagen:„Nein, Aaron. Erst wenn wir die Stadt hinter uns haben, Du Vielfraß.“Marge sah Arthur an, lächelte unsicher. Wenn das nur gutging.
Читать дальше