Ich wusste nichts darauf zu erwidern und ruderte hilflos mit den Armen. Sündermann entging das nicht und er sah mich abschätzig an. „Wissen Sie Herr Hintersinn, die Firma hat sich verändert, seit Sie vor fünfzehn Jahren hier eingestellt worden sind.“
Unausgesprochen hieß das, ich hätte mich ebenso verändern müssen, um weiterhin ein wertvoller Bestandteil der Firma zu sein. Sündermanns Blick fiel auf den Besuchertisch. „Setzen Sie sich doch, Herr Hintersinn. Hätten Sie gerne einen Kaffee? Wie geht es eigentlich Ihrer Frau? Erika, nicht wahr! Sie arbeitet im BIFI. Früher hatte ich sie öfter hier in der Firma gesehen!“
Mir wurde heiß, als ich daran dachte, er könnte sich im BIFI nach Erika erkundigen. Vielleicht hatte Frau Fettgenheuer ihm schon erzählt, dass ich neuerdings mit Elsa Kamischke essen ging. Bevor ich etwas sagen konnte, gab er eine Anweisung über die Sprechanlage.
Sein Blick fiel erneut auf mich. Zum Glück hatte er seine Frage nach Erika schon wieder vergessen. „Wovon sprachen wir gerade, Herr Hintersinn? Richtig, die neuen Märkte. Die Sündermann & Lange KG steht vor einem entscheidenden Entwicklungssprung. Dazu gehört auch die Erschließung von neuen Märkten. Vergessen Sie nicht, eine Position in der Leitungsebene ist kein Erbhof. Es wird erwartet, dass unsere gesamte Belegschaft sich auf die neuen Entwicklungen einstellt und in der Lage ist, flexibel darauf zu reagieren.“
Die Tür hatte sich so leise geöffnet, dass ich dessen erst gewahr wurde, als Frau Fettgenheuer mit Kaffee und Gebäck vor mir stand. Auf mein freundliches Lächeln hin zeigte sie nur ein Bürogesicht, aus dem keine Gefühlsregung sprach. Sie war eine prüde Person, die immer in hochgeschlossenen Kleidern herumlief. Warum sie sich mit dem zwanzig Jahre älteren Sündermann eingelassen hatte, war mir ein Rätsel. Vielleicht fand sie es selbstverständlich, auch einen solchen Einsatz für die Firma zu leisten. In jedem Fall musste sie sich damit abfinden, ihn nur im Schatten seiner Familie für sich zu haben.
Nach Sündermanns Ausführungen hatte ich wenig Hoffnung, von ihm Unterstützung zu bekommen. Trotzdem wollte ich ihn darauf ansprechen, warum ich überhaupt zu ihm gekommen war. „Was würden Sie davon halten, wenn ich mich nach einem Experten für die syrische Pharmaindustrie erkundige?“
Sündermann kratzte sich daraufhin am Kopf und legte seine Pfeife auf den Tisch. Mein Vorschlag hatte ihn offensichtlich irritiert. „Kennen Sie sich denn in dieser Hinsicht aus? Haben Sie Verbindungen nach Syrien, Herr Hintersinn? Warum haben Sie das nicht schon in der Sitzung erwähnt?“
Ich schüttelte den Kopf. „Nein, das nicht. Ich habe nur gedacht, dass …“
„… es immer noch ihr Arbeitgeber ist, der über Personalentscheidungen verfügt und nicht seine Angestellten“, beendete Sündermann meinen Satz.
„Und dabei wollen wir es auch in Zukunft belassen, Herr Hintersinn.“
Damit schien für ihn die Sache erledigt zu sein. Er stand auf und blieb mit verschränkten Armen hinter seinem Schreibtisch stehen. Ich trank den Rest des Kaffees. Er schmeckte bitter und passte zum Ergebnis unserer Unterhaltung.
Ich war schon an der Tür, da hielt er mich noch zurück. „Ich werde mit Herrn Foorozan noch einmal über Ihr Projekt reden. Er kennt sich gut in den Ländern des Nahen und Mittleren Ostens aus. Er kann Ihnen sicherlich mit der einen oder anderen Information behilflich sein. Doch in jedem Fall gilt, was ich schon in der Sitzung gesagt habe: äußerste Diskretion, kein Wort an Dritte, auch nicht an Firmenangehörige. Ich verlasse mich dabei ganz auf Sie!“
Damit hatte er mir nur bestätigt, was Frank vorausgesagt hatte. Sündermann & Lange setzten voll auf Kooperation mit der Pharmafirma Erkalaat . Einem Unternehmen, das mit dem syrischen Regime eng verquickt war, und vermutlich schon vor dem Bürgerkrieg chemische Kampfstoffe hergestellt hatte.
*
Immerhin hat er mir Hilfe durch Dr. Foorozan versprochen, ging mir durch den Kopf, als ich zum Treffen mit Frank fuhr. Frank wollte ich nichts über das Gespräch mit Sündermann erzählen, sonst konnte ich von ihm nichts mehr erwarten. Das Café Heinzelmann lag im Bergmannkiez in Kreuzberg. Das Dreieck zwischen der Gneisenauer, der Zossener und der Bergmannstraße war eine hippe Gegend, in der sich zunehmend Leute mit Geld niederließen, die sich trotzdem zur alternativen Szene zählten.
Um diese Zeit waren die Straßen im Bergmannkiez hoffnungslos zugeparkt. Nachdem ich zweimal vergeblich im Karree gefahren war, fand ich einen freien Platz an der Friedhofsmauer, die sich auf einer Seite der Bergmannstraße hinzog. Mir war nicht ganz geheuer, mein Auto hier abzustellen. Man hörte immer wieder, dass in den Szenebezirken teure Autos als Statussymbole der Luxussanierer demoliert oder sogar abgefackelt wurden.
Ich lief zurück zur Zossener Straße. Es hatte zu schneien begonnen und das Straßenpflaster bedeckte sich mit einer glitzernden, zarten Schneeschicht. Das Café Heinzelmann befand sich in der Nähe einer Markthalle, wo sich die alternative Szene zum Einkaufen traf. Auf dem nahegelegenen Spielplatz tobten Kinder, denen die Novemberkälte nichts auszumachen schien. Die Erwachsenen standen ein paar Meter entfernt bei den Kinderwagen. Einige hielten Kaffeebecher in den Händen, als wollten sie sich daran wärmen. Von der nahe gelegenen Passionskirche erklangen in diesem Moment fünf Glockenschläge.
Die Vorgaben der Firma kannte ich jetzt. Was mochten Franks Bedingungen sein? Angespannt betrat ich das Café Heinzelmann . Es sah gemütlich aus, nur ein wenig zu dunkel für meinen Geschmack. Auf dem Tresen stand eine Schale mit Blaubeermuffins. Ich sah mich um. Viele Tische waren besetzt und nach einem Moment entdeckte ich Frank an einem Tisch weiter hinten. Er hatte sein Handy vor sich und auf dem Tisch stand eine noch unberührte Tasse Kaffee.
Ich fühlte mich beklommen. Der vielbeschäftigte Frank Koestner nahm sich die Zeit, mir zu helfen, obwohl ich mich politisch nie engagiert hatte. In der Rolle als Bittsteller hatte ich gerade vor Sündermann gestanden. Als ich seine Villa verließ, war mir regelrecht schlecht gewesen.
Frank stand nicht auf, als ich zu ihm an den Tisch kam. Unsere Begrüßung war dementsprechend kühl. Er sagte, er hätte nur wenig Zeit und wollte deswegen schnell zu Sache kommen. Die Kellnerin brachte mir die Karte. Bevor sie wieder ging, bestellte ich einen Latte macchiato und einen Blaubeermuffin.
„So, nun fang mal an!“ Frank schlug mit einer brüsken Bewegung einen Schreibblock auf. Er machte sich Notizen, während ich ihm von der geplanten Kooperation mit der Firma Erkalaat erzählte. Dann kam ich auf die Liste der Chemikalien zu sprechen, die Erkalaat vor dem Bürgerkrieg von deutschen Firmen bezogen hatte. Frank klopfte mit seinem Kugelschreiber auf den Tisch. „Und warum hast du die Liste nicht mitgebracht?“
Ich schrak zusammen. „Ich kann doch nicht einfach …“
„Es wäre viel besser gewesen, wenn du die ganze Mappe mit den Unterlagen mitgebracht hättest oder wenigstens Kopien davon!“
Ich schüttelte meinen Kopf. So ging das nicht. Die Unterlagen waren streng vertraulich, ich durfte sie weder kopieren noch aus der Firma bringen. Wenn ich das tat, konnte ich ebenso gut gleich kündigen.
Frank warf mir vor, ihm kein Vertrauen zu schenken.
„Herbert! Unser Mann muss doch wissen, worauf er sich mit dir einlässt. Er wurde vom Assad-Regime eingesperrt und gefoltert. Zum Glück konnte er gerade noch aus Syrien fliehen, bevor sie ihn umgebracht hätten. Wenn er dir hilft, du aber ihm gegenüber nicht offen bist, wird er misstrauisch. Er lebt in ständiger Angst, dass sein Aufenthaltsort in Berlin den Schergen des Assad-Regimes bekannt wird. Er befürchtet, man will ihn hier aufspüren, um ihn umzubringen.“
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