„Wenn ich bei der Arbeit bin, kümmert sich meine Nachbarin um Timmy“, meinte Elsa unbekümmert. „Sie mag ihn gern. Außerdem arbeite ich nur dreißig Stunden pro Woche und bin nie sehr spät zu Hause.“
Das klang wie ein Vorwurf. So, als würde ich nicht einmal jemanden kennen, der sich um meinen Hund kümmern könnte. Mir fiel in diesem Moment ausgerechnet Frau Steckenborn ein.
Eine Gruppe neuer Gäste kam in die Kantine. Bevor sie in Sichtweite waren, machten sie schon durch lautes Reden auf sich aufmerksam. Jetzt waren Torben Tüsselhover, Friedhelm Berger und Axel Lange doch noch gekommen. Sie machten es sich an einem der Mitteltische bequem. Wenig später kamen noch Sündermanns Sekretärin und zwei Mitarbeiter aus der Entwicklungsabteilung dazu. Einen der Entwicklungsingenieure kannte ich. Es war der Chemiker Gholam Foorozan. Ein kleiner drahtiger Mann im weißen Hemd zur schwarzen Hose, der eine auffällig dicke Hornbrille trug. Er war es, der Torben Tüsselhover im Kooperationsprojekt mit den iranischen Firmen unterstützen sollte.
Ich hatte mit Foorozan bisher nicht viel zu tun gehabt, aber neben Berger gehörte er seit Gründung der Firma zum Mitarbeiterstab. Ich schätzte ihn auf um die sechzig. Sein schmales Gesicht wurde durch einen eisgrauen, kurzgeschnittenen Bart noch betont. Es vermittelte ihm einen eher düsteren Ausdruck, der jedoch durch sein ständiges Lächeln überspielt wurde.
Torben Tüsselhover hatte uns schon beim Hereinkommen bemerkt und blickte dann und wann zu uns herüber. Ich sah, wie er Axel Lange etwas ins Ohr flüsterte. Lange ließ daraufhin eine Bemerkung fallen, über die Tüsselhover schallend lachte. Ich war mir sicher, dass es mit Elsa und mir zu tun hatte.
Elsa deutete mit einer leichten Kopfbewegung auf Sündermanns Sekretärin. „Es war übrigens Frau Fettgenheuer, die mir die Geschichte von Ihnen und dem Zwergpudel erzählt hat. Deshalb habe ich das auch geglaubt“, fügte sie wie zur Entschuldigung hinzu.
Ich warf einen Blick auf Sündermanns Sekretärin, die sich kleine Häppchen in den Mund schob und dabei keine Miene verzog. Und ich hatte gedacht, Elsa hätte es von Tüsselhover erfahren! Es war ein unausgesprochenes Geheimnis, dass Thomas Sündermann und Frau Fettgenheuer mehr verband, als ein bloßes Arbeitsverhältnis. Die alleinstehende Frau Fettgenheuer hatte ihr Leben ganz der Firma und dem Seniorchef verschrieben. Wahrscheinlich würde Sündermann von ihr auch gleich hören, dass ich neuerdings mit Frau Kamischke in der Kantine zusammensaß.
Mir kamen Zweifel, ob der 14:00 Uhr Termin bei Sündermann überhaupt etwas bringen würde. Elsa hatte bemerkt, dass ich seit einer Weile stumm neben ihr saß. Dafür redete sie umso mehr drauflos. Dabei erfuhr ich auch, dass Axel Lange eine Verlobte hatte, die ihn häufig nach der Arbeit in ihrem Porsche 911 abholte.
„Eine Verlobte, tatsächlich! In einem Porsche sagen Sie? Und ich dachte, er wäre so ganz anders!“
„Wie denn, anders?“ Elsa schaute mich verständnislos an.
„Ach nichts! Ich meinte damit, dass er nur für die Arbeit lebt.“ Mir war das so herausgerutscht. Ich war froh, gerade noch die Kurve genommen zu haben, was meine Vermutung über Axel Langes sexuelle Orientierung betraf.
Elsa fand meine Bemerkung lustig und schüttelte ihren Kopf. „Oh, da kennen sie Herrn Lange aber wirklich schlecht!“ Sie zögerte, bevor sie hinzufügte: „Es ist lustig, weil andere in der Firma genau das gleiche von Ihnen sagen, Herbert.“
„Was denn?“
„Na, dass Sie nur für die Arbeit leben! Sie sagen ja selbst, dass die viele Arbeit Ihnen nicht einmal Platz für ein Haustier lässt.“ So bekam ich ein Bild davon, wie ich auf die anderen in der Firma wirkte. Elsa schien diesen Eindruck auch mit den anderen zu teilen.
„Warum denken Sie das von mir, Elsa?“
„Nun, Sie sind sehr zurückhaltend, was persönliche Kontakte mit Kollegen betrifft. Ehrlich gesagt, ich war richtig überrascht, dass Sie mich hier an Ihren Tisch gebeten haben. Und dann hörte ich noch die Geschichte von dem Hund, ich dachte …“
Sie wurde rot und hielt mitten im Satz inne.
Sie hält mich für einen verschrobenen Eigenbrötler, dachte ich. Ich musste dabei ein seltsames Gesicht gemacht haben. Wie von weit her hörte ich sie sagen: „Entschuldigen Sie bitte vielmals, Herbert, das alles geht mich ja überhaupt nichts an.“
Eine Weile saßen wir noch stumm beieinander. Elsa schaute auf die Uhr. Sie rückte ihren Stuhl ein Stückchen vom Tisch weg. „Dann ist es wohl wieder an der Zeit.“
Da Axel Lange hier saß, konnte ich schlecht die halbe Stunde Mittagspause überziehen. Elsa stand zuerst auf.
„Dann werden wir mal“, hörte ich meine Stimme, die nicht besonders froh klang. Als ich mit Elsa nach draußen ging, spürte ich die Blicke der anderen wie kleine Stiche. Auf dem Weg zurück zum Hauptgebäude nahm Elsa wieder mehr Abstand von mir. Sie blieb auch unbestimmt, als ich ihr vorschlug, bald wieder gemeinsam essen zu gehen.
*
Ich hatte noch etwas Zeit, um mir zu dem Gespräch mit Sündermann ein paar Notizen zu machen. Ich sah noch vor mir, wie Torben Tüsselhover sich angeregt mit Dr. Foorozan unterhalten hatte. Sündermann konnte mir eine personelle Unterstützung für das Syrienprojekt nicht abschlagen!
Ungeachtet der kühlen Jahreszeit war mir heiß, als ich Sündermanns Villa betrat. Den Zettel mit den Stichpunkten hielt ich in meiner Hand. Das im Industriestil des 19. Jahrhunderts erbaute Haus war der Rest einer alten Gewerbesiedlung, die früher auf dem Gelände gestanden hatte. Thomas Sündermann hatte die gelbe Backsteinvilla innen völlig neu ausgestattet. In der Gästewohnung im Obergeschoss blieb er manchmal auch über Nacht, wenn, wie manche ulkten, er mit Frau Fettgenheuer noch Überstunden ableisten wollte.
Im Sekretariat saß außer Frau Fettgenheuer noch eine brünette Frau, sie war circa Mitte zwanzig. Das musste Frau Dunani sein, die als Fremdsprachensekretärin neu eingestellt worden war. Ohne mir sonderlich Beachtung zu schenken, deutete Frau Fettgenheuer auf die Tür, hinter der sich Sündermanns Büro befand. Frau Dunani sah mich mitleidig an. Ihr war das Verhalten von Frau Fettgenheuer sichtlich unangenehm.
Die beiden Flügeltüren öffneten sich wie von selbst und gaben den Blick in Sündermanns Büro frei. Zuletzt war ich hier vor fünfzehn Jahren zu meiner Einstellung gewesen. Ich war froh, dass sonst niemand weiter bei dem Gespräch anwesend war. Die Stichpunkte auf meinem Zettel kannte ich auswendig. Ich brauchte ihn nicht, um Thomas Sündermann meine Fragen zu stellen. Er hörte ruhig zu, rauchte und ermutigte mich durch zustimmendes Kopfnicken.
Als ich zum Ende gekommen war, nahm er seine Pfeife aus dem Mund.
„Genau aus diesem Grund sind Herr Lange und ich zu dem Schluss gekommen, dass Sie der beste Kandidat für diese knifflige Aufgabe sind. Herrn Dr. Berger als Kenner Lateinamerikas brauchen wir auf Kuba. Herr Tüsselhover ist noch neu im Geschäft und wird daher von Dr. Foorozan unterstützt.“
Sündermann hatte Verständnis und ich schöpfte daraus Mut, um mit meinem eigentlichen Anliegen herauszurücken. „Wäre es nicht wichtig, auch für das Syrienprojekt jemand zu haben, der die politisch-wirtschaftliche Situation des Landes gut kennt?“
„Selbstverständlich. Aber wir haben weder einen Syrer noch jemand anderes, der sie da unterstützen könnte, Herr Hintersinn. Und wir können mit dem Projekt auch nicht auf Anwerbetour gehen, denn wir wollen der Konkurrenz ja eine Nasenlänge voraus bleiben. Das geht aber nur mit äußerster Geheimhaltung. Also bleibt uns doch nichts anderes übrig, als diese Aufgabe Ihnen allein als erfahrener Führungskraft zu überlassen. Im Übrigen werden Sie von unseren Partnerfirmen in Syrien genügend fachliche Unterstützung bekommen. Frau Dunani, unsere Fremdsprachensekretärin, wird Ihnen bei der Korrespondenz mit den Syrern behilflich sein. Sie wurde extra für das Projekt Neue Märkte eingestellt.“
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