Plötzlich zweifelte ich daran, ob es gut für mich war, mir gleich am Morgen auf diese Art den Tag verderben zu lassen. Zum Glück hatte ich heute ausreichend geschlafen. Wenn ich länger im Büro blieb, konnte ich mein Zeitkonto ausgleichen. Ich wollte keine Schulden anhäufen, selbst wenn es sich um Arbeitszeitminuten handelte.
Beim Wetterbericht hörte ich wieder aufmerksamer zu. Böiger Westwind, vereinzelt Schauer, die Temperaturen knapp um die null Grad . Ich öffnete das Schlafzimmerfenster und die hereinströmende, kalte Luft wirkte erfrischend. Sterne gab es nicht mehr zu sehen, die Wolkendecke hatte sich über Nacht zugezogen. Mein Blick fiel auf den Innenhof. Auf die vom trüben Lampenlicht schwach erhellte Rasenfläche, die vom Weg zu den Mülltonnen parallel durchschnitten war. Dort standen zwei gelbe, zwei blaue und drei graue Tonnen.
Mir fiel ein, wie Erika und ich uns manchmal über Mülltrennung gestritten hatten. Nun lebte sie in einem dieser Hochhäuser, die sie früher immer so scheußlich fand. Sie ging nicht mehr zur Arbeit, was ihr doch immer so viel bedeutet hatte. Ob sie nach dem Aufstehen gleich Gebete sprach oder zuerst ihren Mann bedienen musste? Ich versuchte diese Bilder, die klischeehaft in meinem Kopf auftauchten, zu verdrängen. Fest stand, ich wusste nichts mehr über Erika. Doch was immer sie auch tat, ich war froh, dass ich frei von derartigen Verpflichtungen war.
Während ich mir die Zähne putzte, lief im Radio eine Sendung über die Integration von Flüchtlingen. Das müsste man sehr ernstnehmen, sagte ein Regierungsbeamter, sonst blühe der Gesellschaft Gewalt und Kriminalität. Ich spuckte den Rest der Zahnpasta ins Waschbecken. Bei den vielen Einwanderern, die schon seit Generationen in Deutschland lebten, hatten Integrationsbemühungen kaum stattgefunden. Da sprach man inzwischen von Parallelgesellschaften. Von Männern, die sich die Ehefrauen aus ihren Herkunftsländern importierten, ohne dass sie weder in die Sprache noch in die deutsche Gesellschaft integriert wurden.
Warum sollte das auf einmal besser funktionieren? Und worin sollten sich die Flüchtlinge in Deutschland denn integrieren? Menschen, die überwiegend aus Großfamilien und Stammesgesellschaften kamen, trafen auf ein Heer von Individualisten, die sich gegenseitig Konkurrenz machten. Menschen mit einem in Traditionen verhafteten, einfach gestrickten Weltbild, konnten unsere Gesellschaft schnell als kaputt und verdorben ansehen. Bei manchen löste das ein Gefühl von Überheblichkeit aus. Aggressionen gegen die, aus ihrer Sicht dekadente Mehrheitsgesellschaft, konnten dann nicht ausbleiben.
Auch ich gehörte zu diesem Heer von Einzelgängern. Noch mehr, seitdem ich geschieden war. Was war meine Richtschnur, die mir den Weg durch das Leben wies? Jeder Einzelne setzte die Maßstäbe für sich selbst. Axel Lange hätte sie vielleicht beschrieben als Fitness und Effizienz, Thomas Sündermann als Wohlstand und Luxus, Friedhelm Berger als Globetrotter und Genussmensch und Torben Tüsselhover als Selbstverwirklichung und freie Sexualität. Und was war mit mir? Ich war der Angepasste. Einer der nicht auffallen und bloß seine Ruhe haben wollte. Doch ich spürte, dass ich diese Rolle nicht länger spielen konnte, ohne an den neuen Herausforderungen zu zerbrechen.
*
In der Firma nutzte ich den Vormittag, um die Vorgaben für den Artikel zur sexuellen Dysfunktion fertigzustellen. Während ich über sexuelle Befriedigung schrieb, wurde mir bewusst, wie lange ich schon nicht mehr mit einer Frau zusammen gewesen war. Nach dem Gespräch mit Giovanna waren meine verschütteten Gefühle wieder zutage gekommen. Kurz nach der Scheidung von Erika hatte ich über Agenturen nach einer neuen Partnerin gesucht. Doch die wenigen Treffen, die sich daraus ergeben hatten, waren enttäuschend verlaufen. Bei der letzten Begegnung hatte ich mich gefühlt wie ein Artikel, der begutachtet, aber dann zurück ins Regal gestellt wurde. Danach hatte ich diesen Weg der Partnersuche aufgegeben und mich auf die Möglichkeit einer Zufallsbekanntschaft vertröstet.
Vielleicht bot mir das Schicksal aber jetzt eine Chance. Seit Torben Tüsselhover das Gerücht gestreut hatte, ich plane, mir einen Zwergpudel anschaffen, war Frau Kamischke in ihrem Verhalten zu mir wie ausgewechselt. Auch heute früh hatte sie mich wieder so überschwänglich begrüßt. Ich nahm sie zum ersten Mal bewusst als Frau und nicht nur als die Kollegin vom Empfang wahr. Sie war etwa in meinem Alter, vielleicht ein paar Jahre jünger. Ein anderer Typ Frau, als Erika es gewesen war, jedoch nicht unattraktiv. Ihre blonden Haare waren hochgesteckt und ich bildete mir ein, sie hätte sich stärker geschminkt als gewöhnlich. Wollte ich mir damit einreden, dass sie meine Aufmerksamkeit suchte?
Ich kannte nicht einmal ihren Vornamen. Ich konnte sie danach fragen, als Aufhänger, um ihre nähere Bekanntschaft zu machen. Doch selbst wenn es dazu kommen sollte, offiziell galt ich als mit Erika verheiratet. Thomas Sündermann hätte mein Verhältnis mit einer Betriebsangehörigen nicht gerne gesehen. So etwas war auf Dauer auch kaum zu verheimlichen. Mit solchen zwiespältigen Gefühlen lief ich die Wendeltreppe hoch. Doch das Verlangen in mir ließ sich auch nicht von meinem Verstand abweisen.
Um zehn Uhr klopfte der Bürobote an der Tür. Er brachte die Ampulle mit dem Buthantiol. Ich brauchte es jetzt nicht mehr, wollte es aber auch nicht zurückgeben, um bei Herrn Schauhin nicht als kopfloser Spinner zu gelten. Also wickelte ich das Glasgefäß sorgfältig in Papier und legte es vorerst in meine Schreibtischschublade.
Das Klingeln meines Handys riss mich aus einem Tagtraum, in dem Frau Kamischke die weibliche Hauptrolle spielte. Den Anrufer, einen Herrn Brennecke, kannte ich nicht. Woher er denn meine Telefonnummer hätte, fragte ich.
„Na was denken Sie denn? Natürlich von der Polizei!“
Herr Brennecke ließ mir keine Zeit zum Überlegen. Er stellte sich als Enkel der alten Dame vor, deren Hund ich gestern überfahren hatte. Seine Großmutter wäre mit den Nerven am Ende und benötigte möglichst schnell einen Ersatz für den überfahrenen Zwergpudel. Gegen Zahlung von 1.500 Euro würde sie auf eine Klage vor Gericht verzichten. Ich wog ab, ob mir diese Zahlung weitere Schwierigkeiten mit der Polizei und ein Gerichtsverfahren ersparen könnte. Dazu brauchte ich aber eine schriftliche Bestätigung von Brennecke und gab ihm meine Adresse. Brennecke betonte nochmals, dass es schnell gehen müsste. Wenn seine Großmutter zusammenbräche, wären die Kosten für mich um ein Vielfaches höher. In mir blieb ein Gefühl der Ungewissheit. Nun gab es noch eine Baustelle, um die ich mich kümmern musste. Ich sah auf die Uhr. Es blieb noch genug Zeit für einen Kaffee, bevor ich Frank anrief.
Frank fragte gleich, ob jemand mithören könnte. Was wir zu besprechen hätten, wäre streng vertraulich. Er müsse sich auf meine Verschwiegenheit verlassen können. Nachdem ich das bestätigt hatte, rückte er mit seiner Nachricht heraus: „Du hast Glück, Herbert! Wir haben jemanden ausfindig gemacht, der dir in der Syriensache beiseite stehen kann. Was sagst du dazu?“
Ich sagte nichts. Mit einer so schnellen Entwicklung hatte ich nicht gerechnet. Aber ich war natürlich froh, dass alles so gut lief.
„Unser Mann ist Chemieingenieur und kommt zudem aus Aleppo. Er kennt auch diese Firma Erkalaat , die du gestern erwähnt hast.“
„Na, wunderbar! Soll ich mit Sündermann darüber reden, ob er ihn für die Dauer des Syrienprojekts einstellt?“
„Nicht so rasch, Herbert. Deiner Firma scheint es ja egal zu sein, mit Assads Mörderregime Geschäfte zu machen. Wir müssen unseren Mann schließlich schützen. Außerdem wäre das mit einer Anstellung nicht so einfach. Er hat noch keine richtigen Papiere.“
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