„Quatsch. Das ist doch eine Scheinwahl. Du stehst vor dem Regal, überlegst und vergeudest deine Zeit. Die meisten Produkte unterscheiden sich doch inhaltlich so gut wie gar nicht voneinander, nur in der Verpackung. Am Ende kommst du mit vielen unsinnigen Einkäufen nach Hause, was du spätestens dort bereust. Der ganze Angriff auf unsere Sinne soll uns verwirren. Wir werden unaufmerksam und damit zum gewünschten Kaufverhalten beeinflusst.“
„Ja, soll ich nun mit Watte in den Ohren und einer geschwärzten Brille einkaufen gehen?“ In meiner Vorstellung sah ich mich blind und taub durch den Supermarkt tappen.
Harry lachte. „Warum nicht, wenn das irgendwie ginge? Aber richtig hilft nur eines, deine ungeteilte Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit für das, was du gerade tust, auch wenn es so etwas Banales wie einkaufen ist. Du musst dir die Zeit nehmen, zu überlegen, was du wirklich brauchst. Spontankäufe belasten zuerst deinen Geldbeutel und danach dein Gewissen. Meistens geschieht das aus Frust und der Sehnsucht nach etwas anderem, das man sich nicht kaufen kann.“
Ich wirkte wohl etwas niedergeschlagen, denn Harry klopfte mir tröstend auf die Schulter: „Ja, so ist das eben, Herbert. Das sind die seelischen Betäubungen der Warenwelt!“
An diesen Satz hatte ich noch manches Mal denken müssen.
Die wahre Welt und die Warenwelt!
Wie oft hatte ich mir aus plötzlichem Heißhunger Süßigkeiten gekauft, sie gierig verzehrt, um nachher enttäuscht festzustellen, dass ich mir damit nur den Magen verdorben und meinen Hüftumfang erweitert hatte. Doch meine Gefühle, die sich nach Liebe und Zuneigung sehnten, gingen dabei jedes Mal leer aus.
Mit diesen Gedanken im Kopf lief ich die langen Gänge zwischen den Regalen entlang. Es stimmte schon, was mir wirklich fehlte, konnte ich nicht im Supermarkt kaufen. Ich würde auch diesen Abend, wie viele andere zuvor, wieder allein verbringen. In meiner melancholischen Stimmung reihte ich mich in die Schlange vor einer der Kassen ein.
Vor mir stand eine Frau. Sie war mit einem braunen, formlosen Mantel bekleidet. Er war ihr mindestens eine Nummer zu groß. Ihre Haare waren unter einem schwarzen, enganliegenden Tuch verborgen. Vor ihr warteten noch zwei weitere Kunden; ein grauhaariger Mann, dessen Einkäufe die Kassiererin gerade über den Scanner zog, und ein junges Mädchen. Sie trug enge Jeans und einem weiten Kapuzenpullover, über den ihre braunen Haare locker nach hinten fielen.
Seit meiner Scheidung musste ich mich zwangsläufig selbst um meine Einkäufe kümmern. Am Anfang hatte ich das nicht gemocht, denn es kostete Zeit. Doch nun fand ich mehr Gefallen daran und verstand, warum Erika in unserer Ehe gerne diese Aufgabe übernommen hatte. Beim Warten an der Kasse registrierte ich, was die Leute so eingekauft hatten. Ich zog daraus Rückschlüsse über deren Einstellung zu einer gesunden Ernährung.
Vieles, was auf den Bändern an mir vorbeizuckelte, war nach den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung ungesund. Es unterschied sich auch nicht sehr vom Discounter bei mir um die Ecke. Die meisten Menschen konsumierten zu viel Fett, zu viel Zucker und zu viel Alkohol. Kein Wunder, dass der Umsatz an Statinen und Betablockern boomte. Thomas Sündermann und Axel Lange konnten sich die Hände reiben, denn die Menschen waren bequem. Viele nahmen lieber Pillen und jammerten ständig über ihre angeschlagene Gesundheit, anstatt ihre Ernährungsgewohnheiten zu ändern.
Die Frau vor mir machte dabei eine Ausnahme. Sie hatte weder Alkohol noch fetten Aufschnitt aufs Band gelegt. Ihr Einkauf bestand aus ein paar Soft Drinks, frischem Gemüse, magerem Fleisch und ein paar Büchsen mit orientalischen Lebensmitteln, die mir nichts sagten. Der grauhaarige Alte packte seine Waren bedächtig ein, bevor er seinen Geldbeutel herausholte und die Münzen einzeln auf den Kassentisch abzählte.
Die Kassiererin nutzte die Auszeit. Sie gähnte ausgiebig mit offenem Mund, als wäre sie mit sich allein. Ich ließ mich von ihrer Müdigkeit anstecken, die verbrauchte Luft und das monotone Gedudel taten ihr Übriges. Für eine Weile musste ich in eine Art Sekundenschlaf gefallen sein. Als ich meinen Blick wieder hob, waren der ältere Mann und das Jeans-Mädchen verschwunden. Die verhüllte Frau vor mir war gerade am Bezahlen. Das Band mit meinen Einkäufen rückte vor bis zur Kasse.
Als die Frau vor mir das Wechselgeld in Empfang nahm, sah ich in ihr Gesicht.
„Erika!?“
Ihr Name entfuhr mir mehr aus Schreck. Die Ähnlichkeit mit meiner Exfrau war überwältigend. Sie sah mich an. Ihre Miene blieb ausdruckslos, doch ihre Augen weiteten sich. Sie hatte mich erkannt und schien zu überlegen, wie sie sich verhalten sollte.
„Herbert?“, fragte sie schließlich.
Der Augenblick der Überraschung war vorbei. Sie hatte sich gefangen, nahm das Wechselgeld in Empfang und packte die restlichen Artikel in ihre Stofftasche.
„Was machst du denn hier in der Gegend?“
„Ich … äh.“
Wir standen uns gegenüber, und mein Blick fiel auf die deutliche Wölbung ihres Bauches. Es gab keinen Zweifel, Erika war schwanger.
„Ich hätte dich in deiner Kleidung so gar nicht erkannt, aber dein Gesicht …“
Sie sagte nichts und lächelte, als hätte sie das schon zum hundertsten Mal gehört.
„Du bist schwanger?!“ Ich stellte es mehr fest, als danach zu fragen.
Erika nickte.
„Neunzehn Euro fünfundzwanzig!“
Die Kassiererin streckte ihre Hand nach dem Zwanzigeuroschein aus, den ich ihr hinhielt, ohne Erika, die sich zum Gehen anschickte, aus dem Blick zu lassen.
Ich packte meine Einkäufe rasch in den Jutebeutel und nahm das Wechselgeld in Empfang. Erika war zum Ausgang vorgelaufen, doch bevor sie das Geschäft verlassen konnte, hatte ich sie eingeholt.
„Wir haben uns zwei Jahre nicht gesehen, Erika. Ich habe wohl einiges verpasst?!“
Erneut standen wir uns gegenüber. Sie hielt die Hände wie zum Schutz vor ihrem Bauch. Ich hatte meine Arme ausgebreitet, als wollte ich sie in ihrer vollkommenen Veränderung erfassen.
Sie nickte und zeigte ein kurzes Lächeln, bevor sie mich erneut mit einem Gesichtsausdruck ansah, als wäre ich ein völlig Fremder. Erika hatte sich so sehr verändert, dass ich Zweifel bekam, ob sie es wirklich war. Ihre Mimik, ihre Stimme hatte keine Spur mehr von der Überlegenheit, die sie mir gegenüber immer gerne ins Spiel gebracht hatte.
„Lebst du noch mit deinem Arbeitskollegen zusammen?“
Sie schüttelte den Kopf. „Ich bin seit einem Jahr wieder verheiratet, aber nicht mit ihm, sondern mit meinem Mann Tarek Almoudi.“
„Wie?“
„Herbert, ich kann hier nicht einfach mit einem fremden Mann stehen und mich mit ihm unterhalten. Das gehört sich nicht.“
„Fremder Mann? Immerhin waren wir dreizehn Jahre verheiratet. Aber bist du denn jetzt zum Islam übergetreten?“
„Ich bin eine Muslima und kleide und verhalte mich, wie es sich für eine Frau geziemt. Mein früheres Ich und die Zeit davor sind tot und begraben, Herbert. Und so soll es auch bleiben.“
„Aber du wolltest in der ganzen Zeit, als wir verheiratet waren, nie Kinder haben!“
Ich zeigte empört auf ihren Bauch.
„Und du etwa? Ich wusste damals noch nicht, was die wahre Bestimmung einer Frau ist. Du hast es mir jedenfalls nie gezeigt, als wir verheiratet waren.“
Sie wandte sich ab. „Ich muss jetzt wirklich gehen!“
„Und was sagen deine Kollegen dazu?“, rief ich ihr hinterher.
„Ich habe mit meiner Heirat aufgehört zu arbeiten. Das entspricht nicht der natürlichen Bestimmung einer Frau.“
In ihrem bodenlangen Mantel schien sie wie auf Kufen durch die Schiebetür zu gleiten, die sich hinter ihr schloss.
„Erika …?“
Nicht einmal umgedreht hatte sie sich. Ich stand mit meinen Einkäufen in der Hand einem plötzlich hereinflutenden Strom von Kunden gegenüber. Auf dem Weg zum Ausgang wurde ich zweimal unsanft angerempelt. Draußen sah ich Erika auf einem der gepflasterten Wege, die zu den Hochhäusern führten. Ich wollte ihr nicht nachlaufen, blickte ihr noch hinterher, bis sie um eine Biegung verschwunden war. Der Regen hatte aufgehört. Ich blickte in den wolkenverhangenen Himmel, der sich über die Silhouetten der Hochhäuser erstreckte, die wie weiße Bauklötze auf einer Wiese standen. Erika musste mit ihrem Mann in einem dieser Häuser wohnen.
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