Bevor ich losfuhr, besah ich noch einmal genauestens mein Auto. Sicherheitshalber wischte ich den rechten Vorderreifen mit einem Lappen ab, der mit einem Desinfektionsmittel getränkt war. Man konnte ja nie wissen. Vielleicht war das Gerede der Polizistin auch nur ein Bluff. Vielleicht konnte ich es bei ihr kurzmachen, um noch rechtzeitig bei Herrn Griese meinen Bausparvertrag zu kündigen.
Im Auto schaltete ich das Radio ein. Die Nachrichten waren gerade vorbei. Es folgte ein Interview mit der Bürgermeisterin von Tempelhof. Dabei ging es um die Unterbringung von siebentausend Flüchtlingen auf dem Gelände des Tempelhofer Feldes, dem ehemaligen Berliner Stadtflughafen. Ich drehte den Ton lauter und fädelte mich in den Verkehr auf der Hildburghauser Straße ein.
Den Einwand des Reporters, bei so einer großen Anzahl von Menschen könnte es doch zu einer Ghettobildung kommen, mit all den unangenehmen Begleiterscheinungen, ließ die Bürgermeisterin nicht gelten: „Den Leuten dort darf nicht langweilig sein. Sie müssen wissen, was ihnen die Zukunft bringt und sich gut betreut fühlen. Sonst geht’s nicht!“
Ich überlegte, wie man siebentausend Flüchtlinge so bespaßen konnte, dass sie sich nicht langweilten. Dabei malte ich mir aus, dass Axel Lange und Torben Tüsselhover dazu verdonnert wären. Die Vorstellung, wie die beiden auf einer Bühne standen und die Flüchtlinge amüsieren sollten, brachte mich zum Lachen. Zum Schluss wies der Journalist auf Bedenken in der Nachbarschaft des Flughafens hin. „Das wird der Bezirk aushalten“, gab die Bürgermeisterin von sich.
Vor zwei Jahren hatte es einen Volksentscheid zum stillgelegten Flughafen Tempelhof gegeben. Demnach durfte das Flughafengelände nicht bebaut werden. Auch Franks Partei hatte sich dafür eingesetzt. Doch jetzt schien alles, was damals abgestimmt wurde, nur noch Makulatur zu sein.
„Regieren nach Gutsherrenart“, hatte Harry einmal über solche Entscheide gelästert. Mit einem solchen Demokratieverständnis sei Deutschland über den Feudalismus der vergangenen Jahrhunderte nicht weit hinausgekommen. Der einzige Unterschied sei, dass politische Macht früher über eine adlige Geburt, und heute über Geld und Beziehungen vererbt wurde.
*
In dem roten, einstöckigen Backsteingebäude des Polizeiabschnitts 47 traf ich auf die Frau, deren blauen Nissan ich heute früh beim Überholen geschnitten hatte. Polizeihauptmeisterin Gördeler trug eine dunkle Uniform. Sie wirkte auf mich viel Respekt einflößender als noch vor ein paar Stunden. Da hatte ich sie noch als unbedarfte Hausfrau in einem untermotorisierten Kleinwagen eingestuft. Ich versuchte erst gar nicht, meine Schuld an dem Unfall zu bestreiten. Eine Viertelstunde später konnte ich bereits das Vernehmungsprotokoll unterschreiben.
Mein Auto wollte die Polizistin nicht mehr besichtigen, doch was sie mir zu sagen hatte, klang nicht gut. Ich hätte mindestens mit einem Bußgeldbescheid zu rechnen, wahrscheinlich sogar mit einem Gerichtsverfahren. Sie riet mir, mich mit der Besitzerin des Kleinpudels, einer 85-jährigen Dame, außergerichtlich zu einigen. Möglich, dass die Geschädigte ihre Klage auf Schadenersatz gegen eine Entschädigung zurückzog. Meinen Einwand, der Hund wäre nicht angeleint gewesen, tat Frau Gördeler ab. Es ginge hierbei um Fahrerflucht, und die wäre in meinem Fall eindeutig erwiesen.
Als ich das rote Backsteingebäude verließ, war ich froh, meinen Führerschein noch in der Tasche zu haben. Ich rief bei der Bank an, der 18:00 Uhr Termin war nicht mehr zu halten. Herr Griese bedauerte das. Mit Ablauf des heutigen Tages verlängerte sich die Frist für die Kündigung des Bausparvertrages um ein weiteres Vierteljahr. Mir fehlte in diesem Moment die Kraft, dagegen zu protestieren. Den heutigen Tag konnte ich als ein einziges finanzielles Fiasko abschreiben.
Ich musste noch einkaufen gehen und ließ mein Navigationssystem den nächstgelegenen Supermarkt suchen. Das Gerät lotste mich in Richtung der Gropiusstadt, die am Horizont als Muster von weißen Betonrechtecken sichtbar war. Ich kannte diesen Teil Berlins kaum. Die weißen Hochhäuser, deren Fassaden regelmäßig von schwarzen Fensteröffnungen durchbrochen waren, stammten aus den 1970er Jahren. Man hatte damals befürchtet, der Wohnraum könnte in dem eingemauerten Westberlin knapp werden. Nun war die Mauer seit fünfundzwanzig Jahren gefallen und bezahlbarer Wohnraum blieb weiterhin Mangelware.
Meine Fahrt endete auf dem Parkplatz vor einem großen Einkaufszentrum. Ein weiß gekachelter Flachbau, dessen Fassade mit schwarzen Tags besprüht war. Bevor ich ausstieg, versuchte ich aus den Tags etwas zu entziffern. Nachdem mir das nicht gelang, holte ich meine Einkaufsliste heraus. Der Wind war inzwischen abgeflaut, doch der Regen, der am Vormittag nur spärlich gefallen war, war stärker geworden. Von meinem Auto aus beobachtete ich ein paar Jugendliche, die sich unter der Überdachung des Supermarktes am Inhalt einiger Bierbüchsen verlustierten.
Schließlich stieg ich aus und lief über den aufgesprungenen Asphalt zu einem Abstellplatz, wo sich Einkaufswagen befanden. Dort stand jemand und wurde auf mich aufmerksam, als ich näher kam. Kaum älter als die Jugendlichen, hielt er anstelle einer Bierbüchse eine Obdachlosenzeitung vor sich. Trotzdem sah er mir zu gepflegt aus, um nur auf der Straße zu leben. Als ich näher kam, schob er sich in mein Blickfeld und machte mit einem langgezogenen Helloo auf sich aufmerksam. Ich drückte ihm das erste Stück Kleingeld aus meiner Hosentasche in die Hand. Eigentlich tat ich das nur, um von meinem schlechten Gewissen nicht weiter behelligt zu werden.
Wie schon der Einkaufswagen, so war auch das Innere des Supermarktes von größerem Ausmaß, als ich es von meinem Stammdiscounter gewohnt war. Inmitten der Regalreihen überlegte ich, wo man hier vegetarischen Brotaufstrich finden konnte. Aus Lautsprechern in der Decke ertönte unterschwellige Musik, die von Zeit zu Zeit durch laute Werbeansagen unterbrochen wurde. Ich schob den Wagen, in dem meine Einkäufe wie verlorene Reste wirkten, gemächlich an den Regalen vorbei. Das Gedudel machte es mir schwer, mich auf meine Liste und die Auslagen in den Regalen zu konzentrieren. Das, was ich suchte, war über verschiedene Gänge verteilt. So blieb mir nichts anderes übrig, als systematisch alle Regalreihen abzulaufen.
Ein paarmal ertappte ich mich dabei, dass ich nach etwas griff, was nicht auf meiner Liste stand. Dabei kam mir eine Diskussion mit Harry wieder in den Sinn. Sie lag ein paar Jahre zurück. Harry hatte damals von seinem Seminar in Marktpsychologie erzählt: „Du glaubst nicht, welche ausgefeilten Manipulationsmechanismen sich hinter einem scheinbar harmlosen Supermarkt verbergen. Alles dient dem Zweck, dich zu beeinflussen. Die Musik dort ist keineswegs zufällig ausgewählt. Es ist eine funktionelle Musik, Muzak genannt, die auf dein Unterbewusstsein einwirkt, dein Kaufverhalten unbewusst steuert und dich darauf einstimmt, dieses Geschäft beim nächsten Einkauf erneut aufzusuchen!“
Ich fand das übertrieben, wie so manches, was Harry von sich gab. Da war zwar oft etwas Wahres dran, aber musste es denn gleich wie eine Weltverschwörung aussehen?
„Als so schlimm, wie du es darstellst, empfinde ich das nicht“, sagte ich.
„Weil du dich längst an derartige Einflüsse gewöhnt hast! Man stiehlt dir damit nicht nur deine Zeit, sondern auch deine Freiheit. Erwiesenermaßen hält man sich viel länger in solch beschallten Geschäften auf, als es für den Einkauf erforderlich ist. Dazu kommt noch die Flut des Überangebots. Warum gibt es zum Beispiel zwanzig Sorten Kaffeeweißer?“
„Ich weiß es nicht, Harry. Aber wenn du die Wahl zwischen vielen Sorten hast, findest du doch eher, was genau auf deine Bedürfnisse zugeschnitten ist.“
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