Somit konnten sich irgendwo in Syrien noch immer Vorräte an Nervengift befinden, vermutlich in den Händen der Regierungsgegner. Schon aus diesem Grund musste der Regierung daran gelegen sein, sich neue Vorräte an chemischen Kampfstoffen zuzulegen. Aleppo als Sitz von Erkalaat lag an einem geographischen Schnittpunkt, der von drei verschiedenen Rebellengruppen und Assads Armee heftig umkämpft wurde.
Ich notierte mir die Namen und die politische Ausrichtung der Kriegsparteien. Es gab eine Vielzahl von Rebellengruppen, die mir im Einzelnen nichts sagten. Doch Frank sollte wissen, dass ich gut informiert war. Schließlich sollte er mein Anliegen ernstnehmen.
Ich war in meine Suche so sehr vertieft, dass der piepsende Wecker mich erschreckte. Vor mir lag der Zettel mit den Stichpunkten. Ich war froh, Frank gleich zu erwischen. Es war sechs Wochen her, seitdem wir miteinander gesprochen hatten. Damals hatte mich Frank angerufen. Er wollte etwas über die pharmakologische Wirkung von Methamphetamin wissen, bekannter unter dem Namen Crystal Meth . Er kannte die Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten nicht, welche die Psychosen auslösende Eigenschaft von Crystal Meth extrem verstärkten. Als ich ihn fragte, warum ihn das so interessierte, erzählte er etwas von Drogenproblemen im Neuköllner Kiez.
Ich meinte damit etwas bei ihm gut zu haben und hielt mich daher auch nicht lange mit Vorreden auf. Beim Erzählen war mir, als hätte ich mich schon seit Wochen mit der Syrienconnection herumgeschlagen. Frank unterbrach mich nicht. Oft langweilte es ihn, wenn ich etwas ausführlicher erzählte. Er hängte sich dann an einem Reizwort auf und glitt ab in längere Monologe über meinen Lebensstil oder die Gesellschaft im Allgemeinen.
Während ich meinen Verdacht äußerte, bei Erkalaat hätten sie schon früher das Nervengift Sarin produziert, blätterte ich in der blauen Mappe. Jede Seite trug den Schriftzug streng vertraulich . Sie würden mich fristlos entlassen, wenn sie erführen, dass ich darüber mit Dritten, noch dazu mit einem Funktionär einer politischen Partei gesprochen hatte. Als ich ihn darauf hinwies, erwiderte Frank, er sei verschwiegen. Aber es ginge hier schließlich um eine größere Sache, als nur um meine berufliche Position. In diesem Moment bereute ich es, mich ihm quasi ausgeliefert zu haben.
„Für mich hängt meine Existenz davon ab, Frank!“
Meine Bitte um Verständnis fasste Frank mehr als den Hilferuf eines politisch Unbedarften auf. „Eine Sache ist dir doch wohl klar, Herbert? Das kannst du nicht allein bewältigen! Wie du es darstellst, sollst du als Verantwortlicher für deine Firma mit dem verbrecherischen Assad-Regime in Geschäftsverhandlungen treten. Sie schicken dich vor, und sollte etwas davon nach außen dringen oder sogar schieflaufen, dann bist du der Sündenbock! Weigerst du dich aber, den Auftrag anzunehmen, dann ist das ein Vorwand für sie, dich loszuwerden. Ist es nicht so?“
„Weiß ich nicht“, stieß ich gequält hervor.
„Weißt du wohl! Wenn dein geschätzter Kollege Tüsselhover für die Geschäfte mit dem Iran die Hilfe von eurem iranischen Kollegen bekommt, dann könntest du doch zumindest das Gleiche verlangen.“
„Du meinst, ich soll Herrn Lange sagen, dass Dr. Foorozan mir auch helfen soll?“ Das war auch schon meine Idee gewesen. Allerdings wäre ich mit dieser Bitte lieber zu Thomas Sündermann gegangen.
Frank stöhnte auf. „Sei doch nicht so naiv, Herbert! Doch nicht einer aus deiner Firma! Du brauchst jemand, der unabhängig ist. Jemand, der sich mit der Situation um die pharmazeutische Industrie in Syrien gut auskennt und außerdem fließend Arabisch spricht.“
„Meinst du?“
„Das meine ich nicht nur, das ist absolut notwendig! Herbert, es ist doch klar, dass das Regime über deine Firma versuchen wird, wieder an Chemiewaffen heranzukommen. Als Einzelperson bist du denen ausgeliefert. Dir muss jemand zur Seite stehen, der da besser Bescheid weiß. Wenn du mit deiner Aktivität dem Assad-Regime hilfst, Chemiewaffen herzustellen, stehst du als derjenige da, der diesen Mördern geholfen hat. Auch wenn du es nicht gewollt hast! Wenn das herauskommt, werden eine Menge Leute deinen Kopf fordern. Und glaube bloß nicht, dass deine Firma dann für dich in die Bresche springt. Das kannst du vergessen. Die wollen Geschäfte machen und es ist ihnen doch schnurzegal, wie und womit. Das ist wie mit den Waffenexporten nach Saudi-Arabien …“
Ich unterbrach ihn. Mit ihm war es so wie mit Harry. Frank kam vom Hölzchen aufs Stöckchen, und ich hatte keinen zusätzlichen Bedarf nach Lektionen in Weltpolitik.
„Schon klar, Frank. Aber weder Axel Lange noch Thomas Sündermann haben mir personelle Unterstützung angeboten.“
„Deswegen überlege ich ja gerade, Herbert. Wie du weißt, sind wir in unserer Partei sehr in der Flüchtlingsfrage engagiert. Unter dem Stichwort refugees welcome läuft eine ganze Menge! Lass mir ein bisschen Zeit, und wir finden jemanden über die Flüchtlingshilfe, der dir da kompetent zur Seite stehen kann. Die meisten der syrischen Geflüchteten sind Fachkräfte und sehr gebildet. Ich bin absolut sicher, wir finden die richtige Person für dich.“
„Aber wie soll ich das meinen beiden Chefs verklickern? Das ganze Projekt ist streng vertraulich. Ich darf nicht einmal etwas darüber verlauten lassen, dass ich mit dir über die Sache gesprochen habe.“
„Sollst du auch nicht! Lass deine Chefs bloß außen vor. Es ergibt sich schon ein Weg. Lass mich erst einmal jemand Geeignetes für dich finden.“
Frank hatte es plötzlich eilig, das Gespräch zu beenden. „Ich habe gleich eine wichtige Besprechung, Herbert. Ich melde mich bei dir, sobald ich etwas Neues weiß. Machs gut und bis dann!“
Das Freizeichen ertönte. Ich blickte auf meinen Computerbildschirm und sah das Ergebnis meiner letzten Suche. Eine Landkarte Syriens, die wie ein Flickenteppich in den verschiedenen Farben der Kriegsparteien unterteilt war. Nach Franks Worten konnte es nicht schwer sein, eine kompetente Person unter den Flüchtlingen zu finden. Er hatte sie Geflüchtete genannt, das hörte man jetzt oft. Bei der Vorstellung, ob man Lehrlinge nun auch Gelehrte, und Prüflinge auch Geprüfte nennen sollte, musste ich lachen. In den Medien sprach man inzwischen von Zuwanderern. Der Begriff Flüchtling war dem politisch korrekten Sprachgebrauch nicht mehr ganz angemessen. Es war jedoch besser, nicht über so etwas zu reden. Worte wurden immer häufiger auf die Goldwaage gelegt. Sprache war verräterisch. Wie schnell konnte man mit der falschen Wortwahl einer politisch nicht korrekten Strömung zugeordnet werden!
Ich setzte meine Suche fort. Mit den Stichworten Syrien und Fachkräfte kam ich auf die Seite des Münchener IFO-Instituts für Wirtschaftsforschung. Dort hieß es, fünfzig Prozent der syrischen Flüchtlinge hätten keine grundlegende Bildung und sechszehn Prozent wären sogar Analphabeten. Das widersprach dem, was man aus der Presse und dem Rundfunk entnahm. Da war die Rede von Fachkräften, die in großer Menge nach Deutschland strömten.
Aber wie es auch immer war, mit einem hatte Frank recht. Ich konnte mich nicht auf Leute verlassen, die mir von meiner Firma oder von Erkalaat zur Seite gestellt wurden. Das konnten nach Maßgabe aller Dinge nur Assadanhänger sein. Es war besser zu warten, bis Frank sich mit neuen Vorschlägen wieder bei mir meldete.
Mit dem Gefühl, in Frank einen starken Verbündeten an meiner Seite zu wissen, machte ich mich wieder an die Werbekampagne zur Therapie der sexuellen Dysfunktion. Meine Energie war zurück und die Zeit verging wie im Flug. Ich machte mich auf den Weg, um rechtzeitig bei der Polizistin auf dem Revier zu erscheinen. Herrn Griese von meiner Bank hatte ich immer noch nicht erreicht.
Читать дальше