„Sechzehn?“, fragte Margreiter. Es waren die mit Abstand Jüngsten, die sie bisher vernommen hatten. „Das sind ja praktisch noch Kinder.“
„Na, ja“, erwiderte Viktor, während er den vor ihm liegenden Akt durchblätterte, „bei ihrer bewegten Vergangenheit könnten sie schon doppelt so alt sein. Nach dem, was sie bisher im Asylverfahren angegeben haben, müssen sie im Kongo mit Verfolgung rechnen, da sie von einer bewaffneten Gruppe geflohen sind. Der Anführer soll sie über ein Jahr gezwungen haben, für ihn zu kämpfen.“
„Du meinst, Kindersoldaten“, erwiderte Margreiter, und er machte dazu einen halb erstaunten, halb erfreuten Gesichtsausdruck, so als hätten sie jetzt eine wesentliche Tatsache herausgefunden, „Jugendliche, die das Töten gelernt haben in einem Alter, in dem andere in die Schule gehen und so etwas wie moralische Werte vermittelt bekommen.“
„Ist wohl anzunehmen, ja“, sagte Viktor, ohne genau zu wissen, worauf Margreiter hinaus wollte.
„Am Ende der Lehre in dieser Vergewaltigungs- und Tötungsmaschinerie, die in großen Teilen Afrikas gang und gäbe ist, kommen sehr oft perfekte Killer heraus, denen jedes moralische Gewissen fehlt und die ……“
„Jetzt versuch’, dich wieder auf die Reihe zu kriegen“, unterbrach Viktor, „du hast sie noch nicht einmal gesehen und redest schon so, als säßen hier zweifelsfrei die Mörder vor uns. Immerhin sind sie dieser Tötungsmaschinerie entflohen, sicher nicht ganz ohne Gefahr für ihr eigenes Leben. Das spricht doch eindeutig für sie. Gerade solche wie die haben eine faire Chance verdient, und wenn sie zu uns kommen, müssen eben wir ihnen die Chance geben.“
„Theoretisch absolut in Ordnung“, erwiderte Margreiter, „allerdings sollten sie sich dann abgewöhnen, kleine Kinder umzubringen. Aber gut, ich geb’s zu, das wissen wir noch nicht. Ich glaube allerdings, ich muss dir deine Träume doch ein wenig zurecht rücken.“
Indem er es sagte, brachte er seine Sitzposition in Ordnung, offenbar um für das folgende Zurechtrücken mehr Standfestigkeit zu haben.
„Bist du wirklich so blauäugig, zu glauben, die kommen her, um endlich ein wertvolles Leben im Dienste der Gemeinschaft zu führen? Soll ich dir sagen, warum die kommen? Es spricht sich nämlich auch nach Afrika durch, dass du hier durchgefüttert wirst und daneben noch gefahrlos Drogen verkaufen kannst. Es muss schon mit dem Teufel zugehen, wenn sie dich mit Crack oder Ecstasy erwischen. Und wenn das wirklich einmal geschieht, wenn du also blöd genug bist, dich kriegen zu lassen, wie sieht dann die Strafe aus? Das Schlimmste, was dir passieren kann, ist, dass sie dich dorthin zurückschicken, wo du hergekommen bist, und das auch wieder nur, wenn du ihnen nicht irgendwann durch die Lappen gehst und als U-Boot hier genauso weiter machst wie vorher. Die kommen her, um rauszuholen, was drin ist. Das sind Spieler, sonst nichts. Wenn du sie zurückschickst, tust du nur etwas, was sie ohnehin erwarten.“
„Ja, ja, und alle sind sie natürlich genau gleich. Es sind ja Afrikaner, da gibt’s keine Unterschiede, wie bei uns. Wahrscheinlich sind sie alle geklont. Von denen kommt keiner, um ehrlich zu arbeiten, weil das bei ihm zu Hause nicht möglich war, nein, ganz sicher nicht.“ Viktor konnte nicht verhindern, dass er sich hineinsteigerte. „Überhaupt, Heimat, so was kennen die ja gar nicht. Die wollen was zu fressen haben, und dafür schlagen sie dir bedenkenlos den Schädel ein. Dieser Abschaum, der uns unsere Drittes-Auto- und Fünfter-Fernseher-heile-Welt gefährdet, muss mit aller Härte behandelt werden. Die haben kein Mitleid verdient, die gehören zurückgeschickt, wo sie herkommen, auch wenn sie dort abgeknallt werden, verhungern oder sonstwie verrecken. Mit ihren Flüchtlingskähnen, in denen immer die halbe Besatzung ersäuft, Frauen und Kinder als erste, wollen sie uns ja nur unser gemütliches Abendessen bei den Nachrichten verderben, die Misthunde. Die gehören zertreten wie lästige Kakerlaken. Da sind wir uns natürlich alle einig.“ Nach einer Pause setzte er hinzu: „Also, ehrlich, bei diesem Mist krieg’ ich das Kotzen.“
Margreiter war harte Bandagen gewohnt und konnte damit umgehen. Er hatte auch brav bis zum Schluss mit halb erstauntem, halb belustigtem Gesicht zugehört, inzwischen darauf gefasst, dass Viktor dazu tendierte, in seinen Ansichten etwas unberechenbar zu sein.
„Schön langsam kannst du dich wieder auf die Reihe kriegen, du Rächer der Enterbten“, erwiderte er, „Gott sei Dank hast du die absolut objektive Sicht. Du kennst dich aus, das merkt man wirklich. Ich möcht’ dich sehen, wenn ……“
Ein Klopfen an der Tür beendete das Geplänkel, gerade rechtzeitig, bevor die Anwürfe begannen, persönlich zu werden. Viktor stand auf, öffnete und nahm die beiden Afrikaner vom Aufseher in Empfang. Sie wirkten auf ihn wie verschüchterte Kinder. Einen kurzen Moment lang kam es ihm absurd vor, diese harmlosen, fast Mitleid erregenden Gestalten in Verbindung mit einem Mordfall zu bringen. Aber unmittelbar darauf dachte er an einige der Kriminellen, die er in seiner Ausbildung kennen gelernt hatte. Ein fünfzehnjähriges Mädchen, das vor Schüchternheit kein Wort herausbrachte, wenn man ihm eine Frage stellte, aus dessen Akt aber hervorging, dass es wegen zwanzig Euro eine alte Frau mit einem Stein erschlagen hatte. Oder die Eltern, die ihren Säugling zu zweit – so als würde es einer nicht schaffen und bräuchte Verstärkung – mit dem Bügeleisen, kochendem Wasser und anderem traktiert hatten und beim Verhör wirkten wie du und ich, nette Typen, mit denen man einen Kaffee trinken geht oder eine Partie Schach spielt. Nein, nach dem Äußeren zu gehen, hieß, der Wahrheit von Beginn an jede Chance zu nehmen. Und doch hatte er sich immer dagegen gewehrt, zu akzeptieren, dass sein Gefühl – im Grunde das Einzige, auf das er wirklich vertraute – ihn so in die Irre führen konnte.
„Bitte, nehmen Sie Platz“, begann er in seinem perfekten Schulenglisch und ließ dann ein paar erklärende Worte folgen, wie bei allen anderen, die sie in der Zwischenzeit befragt hatten. Die Vorgeschichte der beiden – Kindersoldaten im Kongo – veranlasste ihn zu etwas genaueren Fragestellungen darüber, was sie in ihrem Heimatstaat gemacht hatten. Es waren aber kaum Einzelheiten aus ihnen herauszubekommen. Wo es ging, antworteten sie ausweichend.
„Was haben Sie am Donnerstag zwischen vier und sechs Uhr nachmittags gemacht?“, kam er schließlich zur Sache.
„Wir sind in der Stadt spazieren gegangen.“ Es war Rasul, der es gesagt hatte. Sein Englisch war ganz gut verständlich. Sofort als die Worte seinen Mund verlassen hatten, kam allerdings sowohl Viktor als auch Margreiter irgendetwas seltsam vor. Sie sahen sich kurz an und wussten es plötzlich beide. Rasul hatte nach der Frage so gut wie gar nicht nachgedacht, so als hätte er sie erwartet.
„Können Sie das etwas genauer beschreiben? Welchen Weg haben Sie genommen? Sind Sie bei Ihrem Spaziergang gesehen worden?“, fragte Viktor weiter, da keiner der beiden Anstalten machte, der recht allgemein gehaltenen Antwort etwas hinzuzufügen.
„Es war im Stadtzentrum, da ist um diese Zeit am meisten los“, erwiderte Rasul, diesmal nach einer kurzen Nachdenkpause, „ich glaube nicht, dass sich jemand an uns erinnern kann, es waren sehr viele Leute dort.“
Welchen Weg sind Sie gegangen?“, wiederholte Viktor die Frage, auf die er keine Antwort bekommen hatte.
„Den Weg, den wir meistens gehen, einfach die Hauptstraße hinunter“, antwortete Rasul.
Margreiter flüsterte Viktor etwas ins Ohr, stand auf, ging zu Obike und bat ihn kurz hinaus. Draußen saß der Aufseher, der sie hergebracht hatte, und nahm etwas überrascht den ihm Anvertrauten in Gewahrsam. Nachdem sich die Tür wieder geschlossen hatte, legte Margreiter Rasul den Stadtplan, den er vorsorglich mitgenommen hatte, hin und bat ihn, den Weg, den sie ins Stadtzentrum und zurück genommen hatten, einzuzeichnen.
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