„Das ist die zweitschönste Sache der Welt heute. Am schönsten ist es für mich, dich zu sehen! Wo ist dein geliebter Bruder?“
„Halbbruder bitte! Er ist nach dem Eintreffen der Botschaft auf seine Barke gestiegen, um meinem Vater entgegen zu segeln. In Wahrheit ist er wohl geflüchtet, weil seine Frau ebenfalls hier erwartet wird.“
„Er ist verheiratet? Das wusste ich nicht.“
„Sie ist auch nicht reinen Blutes. Ihr Name ist Isis. Aber in ihren Adern fließt kein göttliches Blut.“ Verächtlich rümpfte sie die Nase. „Ihre Familie ist aus Memphis und dient in der Garnison. Dort wird sie ihn mit dem Duft des Lotos verzaubert haben.“
Senenmut musste schmunzeln. Die Garnison in Memphis war berüchtigt für die Lotosfrauen. Sie tauchten den Lotos in starken Wein und gaben ihn dem Auserwählten zu riechen. Der freiwerdende Duft ließ die Soldaten das wahre Aussehen der Angebeteten vergessen. Sie waren in diesem Moment die größte Versuchung vor den Göttern selbst.
Der Lotos war streng untersagt für alle Soldaten, denn mancher hatte sich so stark an den Duft gewöhnt, dass er nicht mehr ohne ihn leben konnte. Er sah am hellen Tage Göttererscheinungen, wenn er zu viel gerochen hatte. Und ohne den Duft quälten grässliche Dämonen seinen Geist. Er fror erbärmlich, als wenn er des Nachts nackt in der Wüste liegt. Die Glieder zitterten, als wenn das krokodilköpfige Monster selbst das Totengericht verlassen hätte und vor ihm erschienen wäre. Und dann wieder floss Feuer durch die Adern, als wenn Ra selbst in ihm wäre.
Einige Lotosfrauen hatten es aber trotz des Verbots geschafft, in hohe Kreise der Offiziere vorzudringen. Es war eher unwahrscheinlich, dass auch der junge Thutmosis am Lotos gerochen hatte. Aber in der Fantasie von Hatschepsut war es so.
„Ist sie so hässlich, dass er sie schön riechen musste?“, nahm er den Faden belustigt wieder auf.
„Wer sonst würde sich ihm freiwillig ergeben? Du hast ihn gesehen. Er ist schwach und krank. Alles, was er kann, ist Befehle zu geben. Dabei ist sein Geist auch nicht von Stärke gezeichnet. Er trägt den Namen des Gottes der Weisheit in seinem Namen, aber Thot hat ihn vergessen!“
Senenmut schauderte etwas. Wenn ihr Halbbruder auch nur ahnen würde, was Hatschepsut über ihn dachte, würde ihr Schicksal besiegelt sein; sie würde nicht mehr lange leben.
„Ich danke dir auf alle Fälle für deine Fürsprache gestern, geliebte Hatschepsut. Ohne dich wäre ich schon bei den Göttern. Aber dein Eingreifen hat sich gelohnt. Wir haben alle Verräter entlarvt.“ Er klärte sie über das Verhör des Beamten und das Ergebnis auf. Ebenso erwähnte er auch das Verhalten des Offiziers und Chep-Ras.
„Du hast diesen Sklaven in dein Herz geschlossen, nicht wahr?“
„Ja, er ist von außergewöhnlichem Eifer und sehr schlau. Ich werde ihn zu meinem Stellvertreter machen“, lobte ihn Senenmut.
„Ein Sklave und dein Stellvertreter? Ich werde ihm und seiner Familie die Freiheit schenken. Seiner Familie ist mit dem Tod seines Vaters großes Unrecht geschehen. Als Lohn für seine Verdienste soll er uns als freier Mann dienen.“
„Du errätst meine Gedanken, Geliebte. Ich habe mich nicht getraut, dich zu bitten.“ Sie sah ihn mit ihren großen, wundervollen Augen an. „Geliebter Senenmut. Ich werde dir jeden Wunsch, den du hast, erfüllen. Solange ich deiner Liebe gewiss sein kann und sie genießen darf, bist du mein Gebieter!“
Sie zog ihn an sich und gierig nach Liebe erforschten sie mit ihren Händen gegenseitig den Körper des anderen.
„Komm mit mir!“ Schnell zog sie ihn in ihre Privatgemächer und verriegelte die Türen. Senenmut küsste jeden Zentimeter ihrer Haut, den er von den Gewändern befreite. Sie ließ es geschehen. Ihr beider Verlangen machte sie Zeit und Raum vergessen. Ermattet fielen sie, dicht aneinander gedrängt, in einen leichten Schlaf. Erst ein Klopfen an der Tür holte sie in die Wirklichkeit zurück.
„Herrin, beeilt euch. Der Pharao ist angekommen!“ Erschrocken fuhren sie hoch.
„Es ist Inet, meine Amme. Zieh dich an und folge ihr schnell!“ Rasch sammelten sie ihre Gewänder zusammen, die auf dem Boden verstreut waren. Senenmut zog sich eilig an. Hatschepsut öffnete den Riegel der Tür und schob ihn hinaus.
„Folgt mir, Herr.“ Inet nahm ihn wie ein Kind bei der Hand und zog ihn in einen seitlichen Flur. Sie schob einen reich bestickten, mit den Göttern Thebens bestickten Teppich an der Wand beiseite, der eine geheime Tür verbarg. Eine Fackel in der Hand haltend, zog sie ihn durch einen schmalen Gang, der leicht gewunden abwärts führte. Sie mussten ein paar Fallgruben überwinden, die unerwünschte Eindringlinge fernhalten sollte. Im Dickicht des Papyrus endete der Gang unvermittelt am Nilufer.
„Ich danke dir, Inet. Ich bin froh, dass Hatschepsut eine so treue Dienerin hat.“
„Ich habe sie bei ihrer Geburt als Erste im Arm gehalten. Sie kam als eine Königin auf die Welt. Sie trug eine Krone aus Haut auf dem Kopf. Bei meinem Augenlicht habe ich geschworen, ihr treu zu dienen. Und ich habe zu allen Göttern gebetet, dass ihr ein starker Beschützer zur Seite steht. Sie wird ihn einst brauchen, wenn die Zeit gekommen ist!“, sprach sie geheimnisvoll und verschwand im Tunnel.
Senenmut kämpfte sich zum freien Ufer durch und konnte von Weitem die Horusbarke sehen. Kopfüber hing der Körper des abtrünnigen Nubierfürsten am Bug der Barke des Pharaos. Was für ein Tag für Ägypten! Aber die Worte Inets dämpften Senenmuts Freude und wirkten in seinen Gedanken nach.
Melina
Als die Sonne untergegangen war, wurde es schnell wieder kühler am Strand. Relativ gesehen, es war ja Hochsommer. Aber ich hatte schon reichlich Sonne getankt und mich etwas im Schatten gehalten, um nicht noch einen Sonnenbrand zu kassieren. Ich kehrte zurück ins Hotel, um mich frisch zu machen. Die Dusche befreite mich von dem Salz auf meiner Haut, aber nicht von meinen Gedanken. Diese Frau ging mir nicht aus dem Kopf. Nur weil sie so verflucht hübsch war, konnte sie noch lange nicht mit mir umspringen wie mit einem Dienstboten. Ich war ja selbst daran schuld, schließlich war ich es gewesen, der ihr das Zeug hin und her schleppte und seine Klappe nicht auf bekam. Wahrscheinlich ärgerte ich mich mehr über mich selbst und meine Sprachlosigkeit als über sie. Aber dass sie mich so ignoriert hatte und mit Ralf so tat, als wäre ich Luft! Das hatte mich schon getroffen.
Aber jetzt plagte mich der Hunger. Ich war bereit für die „Volta“. So nennen die Griechen das abendliche Flanieren. Sehen und gesehen werden war wichtig. Ich für meinen Teil strebte auf das Hafenrestaurant zu, das mich am ersten Abend so trefflich ernährt hatte. Auf das Spießrutenlaufen der Kellner war ich nicht scharf, also zog ich es vor, am Strand entlang zu schlendern. So ging ich der nervigen Anmache aus dem Weg. Heute Abend würde es Fisch sein. In der Vitrine suchte ich mir zwei Rotbarben aus. Als Vorspeise einen Salat aus Meeresfrüchten, Ochtapodia, ein Oktopus mit Zitrone und Öl. Einfach himmlisch! Dazu ein trockener Retsina, der einzige ausländische Wein, der mir als eingeborenem Rheingauer neben einem guten Riesling öfter über die Zunge kam. Wobei ich finde, dass die Santoriner Weine durchaus ebenfalls Gnade vor meinen Augen finden könnten.
An meinem reich gedeckten Tisch vergaß ich schnell den Groll über das Vorgefallene. Sollte sie doch Ralf kommandieren, er war es wohl gewohnt! Statt dessen amüsierte ich mich über das Treiben am Hafen. Stundenlang hätte ich sitzen können und nur die verschiedenen Charaktere studieren. Jede Fähre brachte eine neue Ladung Gäste ans Ufer, um die sich die Wirte stritten. Ein nie endendes Geschnatter, das mich faszinierte. Alles, was gesprochen wurde, konnte ich nicht verstehen. Aber einzelne Sätze und Worte ließen mich ahnen, dass die Pensionsbesitzer untereinander nicht immer freundlich gesonnen waren.
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