„Mach den Mund zu!“ Ralf war zurückgekehrt. „Ich sehe, du warst geschäftstüchtig. Danke erst mal. Als Lohn lade ich dich zu einer Runde Wasserski ein.“
Ich war wohl immer noch mit meinen Gedanken auf dem Wasser. „Du kennst Melina?“, wollte er wissen.
„Ja, ich kenne sie. Das heißt, eigentlich nicht. Aber sie erinnert mich an eine gute Bekannte.“
„Du Glücklicher! So eine Bekannte hätte ich auch gerne“, schwärmte er. „Aber bei Melina kannst du es vergessen. Sie kommt zweimal im Jahr und besucht ihre Familie. Natürlich auch zum Inselfest. Und ansonsten kennt sie nur ihre Arbeit.“
„Ja, solche Menschen gibt es“, erkannte ich.
„Und die verbummeln ihre schönsten Jahre mit Arbeit“, seufzte Ralf tief und folgte meinem Blick auf Melina, die gekonnt in der Bucht hin und her schoss.
Das mit den Fähren war ihr wohl bekannt. Als wieder eine in die Bucht fuhr, kam sie behände ans rettende Ufer zurück. Je näher sie kam, um so mehr verblüffte mich ihre Erscheinung. Eine sportliche, wundervolle Figur, die von einem passenden Badeanzug betont wurde. Lange, dunkle Haare. Und dann das Gesicht! Der Mund, die Nase, die Augen, wie aus einem Traum, aus meinem Traum.
Sie registrierte in diesem Augenblick, dass ich sie angestarrt hatte. Kommentarlos drückte sie mir das Board in die Hände und sah mich aus diesen großen, dunklen Augen an. Doch sofort drehte sie sich zu Ralf um und begrüßte ihn mit einem dicken Schmatzer. Plaudernd zog sie ihn zurück in den Schatten der Surfstation, während ich das Surfbrett hinter ihnen her schleppte. Selten war ich mir dämlicher vorgekommen. Ich stand einen Moment dabei und wartete, aber Ralf war wohl ebenfalls so abgelenkt, dass auch er mich nicht mehr registrierte. Mit einem leichten Grummeln im Bauch nahm ich meine Sachen auf und verdrückte mich an einen anderen Strandabschnitt. Bis die untergehende Sonne den Abend einleitete, blieb ich dort und ärgerte mich über dieses arrogante Weib.
Das Verhör
Senenmut war lange auf der Terrasse seines Hauses gesessen und hatte sich Gedanken gemacht über die Zukunft. Wenn der junge Thutmosis Pharao werden würde, kämen schwierige Zeiten auf Ägypten zu. Es war offensichtlich, dass er seinen schwächlichen Körper hinter einer despotischen Hand zu verbergen suchte. Kaum war er alleine in Theben, schon fühlte er sich als Herrscher. Die Hinrichtungen sollten wohl seine Stärke demonstrieren. Dabei wäre es wichtiger gewesen, die Verräter zu finden, die noch unter ihnen waren.
Erst spät in der Nacht hatte Senenmut Schlaf gefunden. Doch mit dem ersten Schrei der Hähne erhob er sich wieder. Er verrichtete sein Morgengebet und ging direkt ins Lager der Soldaten. Er fand den Offizier Hatschepsuts und dieser führte ihn direkt in den Raum, in dem sich der gefangene Beamte der Kornverwaltung befand. Offensichtlich hatte man schon mit dem „Verhör“ begonnen.
„Wir haben ihn schon befragt, Herr“, fügte der Offizier erklärend hinzu.
„Das sehe ich.“ Der Gefangene war übersät mit Wunden und Verbrennungen. Mit dem Gesicht nach unten war er mit seinen Armen und Beinen an Lederbänder gefesselt, die von der Decke herabreichten. So hing er mit grotesk durchgedrücktem Rücken frei schwebend neben einem Kessel mit glühenden Kohlen, den man zur „Befragung“ direkt darunter stellen konnte.
„Wir haben die Namen der Verräter, Herr. Aber ihre Hoheit, Prinzessin Hatschepsut, hat angeordnet, dass auch ihr ihn noch einmal befragen könnt.“
Senenmut trat an den Gefangenen heran. Der Offizier riss ihm den Kopf an den Haaren nach oben.
„Du kanntest den Vater von Chep-Ra?“, begann Senenmut. Der Gefangene blieb stumm. Senenmut ließ nicht locker. „Er wurde ermordet. Der Sohn von Nef-Sobek hat als Täter einen Soldaten ermittelt, der im Nil ertrunken ist. Ist das die Wahrheit?“
Statt einer Antwort spuckte er Senenmut ins Gesicht. Der Offizier nahm ein großes, glühendes Kohlestück mit einer Zange aus dem Kessel und drückte sie dem Beamten auf den Rücken. Das Zischen wurde von den Schmerzensschreien übertönt. Der Geruch von verbranntem Fleisch zog den Anwesenden in die Nase. Senenmut verdrängte die aufsteigende Übelkeit und fragte weiter.
„Was weißt du noch darüber?“
„Nef-Sobeks Söhne selber waren es!“, röchelte der Gefangene. „Der alte Verwalter der Kornkammern war ihm im Weg.“
„... Er starb an einem Skorpionsbiss ...“, dachte der Offizier laut nach. „Kurz, nachdem der Mord geschah.“
„Die Söhne brachten den Skorpion in die Kornkammer!“, erkannte Senenmut. „Ja, Herr“, ächzte der Beamte. „Der Soldat und Nef-Sobeks Vater haben uns beobachtet. Deshalb mussten sie sterben.“
„Uns?“ Senenmut wurde hellhörig. „Warst du dabei?“
„Nein, Gnade, Herr! Ich war nicht dabei.“
„Ich glaube dir nicht!“ Senenmut schob den glühenden Kessel näher unter ihn, was seine Gesprächsbereitschaft verbesserte.
„Ja, ja, ich war es!“ Hass erfüllte auf einmal das Gesicht des Beamten. „Die Nubier hatten uns viel Gold und Silber geboten. Aber Chep-Ras Vater wollte uns verraten. Ich selbst habe ihm die Kehle durchgeschnitten!“
Senenmut widerte dieser Mensch an. Er hatte genug gehört und war bereit zu gehen. Der Offizier schob den Kessel ganz unter den Gefangenen. Grässliches Schreien erfüllte den Raum. Senenmut wollte schnell ins Freie und traf am Eingang auf Chep-Ra.
„Ich habe dich gesucht, Herr. Man hat mich hierher geschickt.“
Senenmut legte seine Hände auf Chep-Ras Schultern. „Du hast alles gehört?“
„Ja, Herr.“ Trauer und Wut spiegelten sich in seinem Gesicht. Der Offizier trat aus dem Raum. Immer noch waren die Schreie des Gefolterten zu hören. Der Geruch des brennenden Fleisches drang mit ihm nach draußen.
„Was sollen wir mit ihm machen, Herr?“ Senenmut zog das Schwert des Offiziers aus der Scheide und gab es Chep-Ra. Der nickte stumm und ging in den Raum hinein. Sekunden später verstummte das Schreien. Chep-Ra trat wieder hinaus. Tränen liefen ihm das Gesicht herunter. Er wischte das Schwert im Sand sauber und gab es dem Offizier zurück.
Senenmut dankte dem Offizier. „Ich werde deiner Herrin berichten. Du hast Ägypten einen großen Dienst erwiesen. Die Götter sollen dich reich belohnen.“ Dann ging er mit Chep-Ra zurück zur Verwaltung der Kornkammern.
„Du hast meiner Familie und mir große Ehre erwiesen Herr.“ Er fiel vor Senenmut auf die Knie und küsste ihm die Hände. „Ich stehe für immer in deiner Schuld.“
Senenmut war es unangenehm. „Steh auf, Chep-Ra. Es ist unsere Pflicht, die Feinde Ägyptens zu strafen. Und jetzt wollen wir uns um die Kornernte kümmern!“
Chep-Ra verschwand unter unzähligen Verbeugungen. „Die Götter seien mit dir, Herr. Amun segne dich.“
Senenmut machte sich auf zum Palast, um Hatschepsut Bericht zu erstatten. Große Unruhe herrschte im offenen Vorhof. Sklaven eilten hin und her. Offiziere schrien Befehle. Soldaten bemühten sich so schnell es ging, sie auszuführen. Ein Ochsengespann hätte ihn beinahe überfahren. Schnell sprang er zur Seite. Er stieg die Treppen zum Hauptportal empor. Die Wachen machten keine Anstalten, ihn aufzuhalten. Ein Sklave eilte voran und brachte ihn in die Empfangshalle. Er sah Hatschepsut auf der Terrasse sitzen. Umgeben von Sklavinnen, die sie mit Ölen beträufelten und ihre Arme und Beine massierten. Er trat näher heran. Als sie seiner Anwesenheit gewahr wurde, schickte sie alle weg und kam ihm entgegen. Nachdem die letzte Sklavin den Raum verlassen hatte, warf sie sich in seine Arme und sie küssten sich lange und innig. „Liebster, ich bin so glücklich, dich zu sehen. Heute ist ein schöner Tag. Wir haben Meldung erhalten, dass mein Vater heute noch zurückerwartet wird. Unsere Armee war siegreich.“
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