Manchmal kam ein Mann, der war so alt wie die beiden Frauen. Auch er war ganz schwarz gekleidet. Er trug einen langen Roch – nicht wie die gewöhnlichen Männer – und war auch immer ernst und machte ein böses Gesicht. Die Knaben waren froh, wenn er wieder ging. Er sagte ihnen nämlich, sie sollten gehorsam sein und sich nicht mit den Mädchen streiten. Die beiden Frauen waren immer freundlich, wenn der schwarze Mann da war. Der konnte doch nicht der liebe Gott sein. Denn es gab noch viele solche, die wie er in schwarzen Röcken herumliefen. Angelo hatte sie schon oft gesehen, drunten in den Straßen. Überall traf man sie. Der konnte also ganz gewiss nicht der liebe Gott sein. Zudem hatte er ihnen noch nie Brot gebracht. Und der liebe Gott hätte wohl kaum ein so böses Gesicht mit so stechendenden Augen, vor denen einem bangte.
Angelo hatte einmal Lorenzo gefragt, wer denn der liebe Gott sei, aber Lorenzo hatte es auch nicht gewusst. Dann hatten sie Mario gefragt, und der hatte ihnen gesagt, sie sollten doch nicht glauben, dass der liebe Gott das Brot bringe. Das sei ein Märchen. Er habe selber schon oft beim Bäcker Brot holen müssen. Es gebe überhaupt keinen lieben Gott. Er wenigstens habe ihn noch nie gesehen. Lorenzo hatte es zuerst nicht glauben wollen. Ob er nicht doch zur Sicherheit noch den schwarzen Mann fragen sollte? Aber er getraute sich nicht. Auch Angelo wolle lieber nicht fragen. Der wisse es doch auch nicht, meinte Mario. Er würde ihnen gewiss nicht die Wahrheit sagen. Die großen Leute sagen überhaupt selten die Wahrheit.
Von da an glaubten auch Lorenzo und Angelo nicht mehr daran, und oft zwinkerten sie sich während des Gebetes über den Tisch zu. Sie wussten es besser, und ihnen konnte man nichts vormachen. Doch trug es ihnen viele Püffe und Schläge ein, wenn es die Frauen sahen, und einmal waren sie vom Tisch weggeschickt worden. Die Frauen hatten sie nach dem Grund ihres spöttischen Lachens gefragt, und Lorenzo hatte geantwortet, sie wüssten schon, dass es keinen lieben Gott gebe. Da hatten die beiden Frauen getobt und die drei Knaben als Sünder vor die anderen Kinder hingestellt. Als der schwarze Mann wieder einmal gekommen war, hatten sie es ihm gesagt. Der hatte etwas von kindlichem Unverstand gemurmelt und hatte ihnen dann eine lange Rede gehalten und ihnen gesagt, sie müssten es glauben, dass es einen lieben Gott gebe. Der habe die Welt erschaffen und alles, was auf dieser Welt lebt. Angelo wusste nicht mehr, was er sonst noch alles erzählt hatte. Sie hatten nicht auf ihn gehört. Sie wussten es ja besser. Aber sie sagten nichts mehr, damit sie nicht wieder Prügel bekamen. Von da an galten sie als die schwärzesten Schafe in der sonst schon dunklen Herde.
Einmal waren drei Knaben durchgebrannt. Da waren die beiden Frauen sehr zornig gewesen. Und die Kinder hatten sich vor ihrem Zorn gefürchtet.
Am dritten Tag waren zwei der Ausreißer reumütig wieder zurückgekehrt in das muffige Haus. Aber sie hatten ihre Reue noch nicht sogleich bekannt, sondern waren stillschweigend mit den anderen Kindern am Tisch gesessen. Aber nicht lange, so waren sie bemerkt worden, und sie hatten den Stock heftig zu spüren bekommen. Dann hatten sie ins Bett gehen müssen und nichts zu essen erhalten, obwohl sie den ganzen Tag noch kein Stückchen Brot oder sonst etwas gegessen hatten.
Den dritten Flüchtling hatte nach einer Woche die Polizei zurückgebracht. Sie hatten ihn erwischt, als er bei einem Bäcker ein Brot hatte stehlen wollen. Auch er bekam Schläge und wurde drei Tage lang in ein dunkles Zimmer gesperrt, wo er fast nichts zu essen bekam.
Mario war dieser drei Ausreißer wegen schlecht gelaunt. Auch er hatte Fluchtpläne gehabt, aber nun musste er vorderhand von ihrer Ausführung absehen – nur vorderhand, wie er behauptete und einigen eingeweihten Freunden, darunter auch Angelo und Lorenzo, erklärte. Sobald der Vorfall vergessen sei und die Frauen nicht mehr so streng auf Schloss und Riegel achteten, würde er gehen.
Mario hatte schon vor längerer Zeit Lorenzo versprochen, ihn mitzunehmen. Aber jetzt schien er auf einmal nichts mehr davon wissen zu wollen. Im Gegenteil – jetzt war er oft zornig gegen Lorenzo, weil der ihn immer wieder drängte, ihn mitzunehmen.
„Du verrätst noch meinen Plan, wenn du immer davon sprichst“, sagte ihm Mario.
Im Stillen tadelte Mario die drei Ausreißer, die wieder zurückgekehrt waren und sich von der Polizei hatten erwischen lassen. Die drei hatten seine eigenen Fluchtpläne durchkreuzt. Sie waren ihm zuvorgekommen. Es war ihm eine große Enttäuschung, dass das, was er im Geheimen geplant hatte, von anderen durchgeführt worden war, und dazu auf eine so unwürdige und schmachvolle Weise. Ihm wäre die Flucht sicher geglückt. Man müsse allein fliehen, behauptete er jetzt, und seine Zeit genau wählen. Auf Kameraden sei kein Verlass. Zudem könne man sich besser verbergen, wenn man allein sei. Lorenzo versuchte ihn jedes Mal, wenn er so redete, an sein Versprechen zu erinnern. Aber Mario wollte nichts mehr davon wissen. Er habe jetzt gesehen, wie es gehe. Mario musste es ja wissen, er war der Ältere. Angelo glaubte ihm, aber Lorenzo schickte sich nur ungern darein. Er werde es ihm nie vergessen, dass er sein Wort gebrochen habe. Ein wahrer Freund würde das nie tun.
Am ersten Abend, als Mario so sprach, hatte Angelo auf seiner dünnen Matratze geweint; denn im Stillen hatte er gehofft, auch mit Mario fliehen zu dürfen, wenn es einmal so weit sei. Aber nun war alles aus für ihn und auch für Lorenzo. Nur Mario, so wusste er, würde es dennoch schaffen. Eines Tages würde sein großer Freund verschwunden sein.
Mit der Zeit sprach niemand mehr von jener missglückten Flucht, aber umso mehr dachte nun Mario an seine Pläne. Auch Lorenz drang wieder in ihn, bis sie sich schließlich einigten. Mario gab Lorenzo das Recht, gleichzeitig mit ihm zu fliehen, aber dann sollte jeder seine eigenen Wege gehen. Lorenzo war glücklich, aber es war ihm doch nicht so recht behaglich, wenn er daran dachte, dass er allein in der großen Stadt leben sollte, die er nur aus Marios Schilderungen kannte. Aber er wollte tapfer sein und sich von niemandem auffinden lassen.
Es war noch einige Zeit vergangen, bis alles bereit gewesen war. Mario war oft in die Stadt gegangen und hatte einige Schlupfwinkel ausgekundschaftet.
Und dann war es auf einmal so weit gewesen. Eines Tages hatte Mario ganz im Vertrauen zu Angelo und Lorenzo gesagt, dass morgen die Flucht durchgeführt werde.
Angelo musste schwören, dass er zu keinem Menschen ein Wort davon sagen wolle. Als Angelo den Schwur getan hatte, fasste er Mario am Arm und flüsterte ihm leise ins Ohr:
„Mario, wenn ihr fort seid, dann werde ich ganz allein sein. Ich möchte lieber auch mit euch gehen. Darf ich nicht mit euch fliehen?“
„Angelo, das ist unmöglich“, sagte Mario, „du weißt ja, dass wir uns nach der Flucht trennen müssen, Lorenzo und ich. Dann werden auch wir allein sein. Draußen hättest du überhaupt niemanden mehr. Du müsstest ganz allein für dich sorgen. Ich kann dich nicht mitnehmen, und um allein zu fliehen bist du noch viel zu klein...“
„Lorenzo ist nicht größer als ich“, erwiderte Angelo. Es verdross ihn, dass Mario ihm vorhielt, er sei zu klein. Nein, er war gewiss groß genug. Er wollte alles versuchen, um auch fliehen zu können. Mario und Lorenzo sollten nicht glauben, er könne weniger als sie.
„Aber Lorenzo ist stärker als du“, antwortete Mario, „ er erträgt es besser, im Freien zu schlafen. Weißt du, im Winter ist es dann kalt, auch wenn du krank wirst, bist du verloren.“
„Im letzten Winter haben wir alle auch gefroren, und da bin ich auch nicht krank geworden. Ich will stark sein, und ich werde gewiss nicht krank werden. Nehmt mich doch mit!“, bettelte Angelo.
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