Dann ein Knacken. Sir Benedikt hatte aufgelegt. Drei Tage… Jetzt brauchte er wirklich einen Charly. Nach dem Abendessen würde er sich sofort wieder an die Arbeit machen müssen. Nicht, dass er das Schreiben als Arbeit empfand, aber der lästige Zwang die Bücher über seinen Verleger zu veröffentlichen, schränkte seine schöpferische Kreativität ein ums andere mal ein.
„Ich habe Ihnen Ihr Leibgericht gemacht Mr Adams. Das wird Sie ein wenig aufmuntern; Sie haben’s ja in letzter Zeit so schwer.“
Vielen Dank Mrs Smith, aber Fleischpastete hilft auch nicht gegen Zeitnot.
„Dankeschön, dass ist sehr nett von Ihnen.“
„Oh… nicht der Rede wert. Sie wissen doch, Ihr Wohl liegt mir sehr am Herzen Mr Adams.“
Dann sollten Sie sich mal um warmen Kaffee bemühen.
„Ich weiß es wirklich zu schätzen.“
Dann ließ sie ihn endlich allein. James stand reglos in der Ecke und wartete darauf, dass man seine Dienste in Anspruch nahm. Es wäre niemandem aufgefallen, wäre er jetzt in diesem Moment dahin geschlichen, höchstens das dumpfe Geräusch beim Aufschlagen seines schmächtigen Körpers auf dem Boden hätte man vernommen.
Drei Tage… John Adams stocherte lustlos in seiner Fleischpastete herum. Drei Tage… Das war verdammt kurz und er hatte eine wichtige Entscheidung zu treffen. Sollte er seinen Protagonisten sterben lassen? Sollte er seine Buchreihe ein für alle Mal beenden? Im Grunde kannte er die Antwort schon eine ganze Weile. Er wollte es nur nie wahr haben.
Er schob die Fleischpastete beiseite. Die letzten Tage und Wochen hatte ihn dieser Gedanke gequält, weil er auf eine grausame Art wusste, dass es genau dieses Ende sein musste und kein anderes. Man konnte es schriftstellerische Intuition nennen oder kaltherzige Berechnung, es lief auf’s Selbe hinaus.
„James! Holen Sie mir mein Manuskript und die Schreibmaschine aus dem Arbeitszimmer. Ich muss einen Mord begehen!“
Constable William Crane hatte den Täter entlarvt, er hatte den Mörder gefunden, der das ganze Dorf in Angst und Schrecken versetzt hatte. Jetzt galt es ihn nur noch zu stellen. Nie im Leben hatte er damit gerechnet, dass er erneut zum Haus der Witwe fahren müsste, dass er abermals eine Runde durch den herrlich angelegten Park drehen würde, in den Mr Thomson so viel Arbeit investiert hatte. Der gute Mr Thomson… Jetzt durfte er nicht sentimental werden. Schließlich war er einem Mörder auf der Spur.
Im Hintergrund tickte die große Standuhr. Das Ticken klang unheimlich, in dem ansonsten stillen Salon, in dem nur John Adams neben der erkalteten Fleischpastete saß. Adams bekam schwitzige Hände, wie immer wenn er fieberhaft in seine Arbeit vertieft war und gerade jetzt, als es um das entscheidende Ende ging, schlug sein Herz immer höher, als würde er selbst hinter sich die drohende Gefahr spüren.
„ Niemand wäre mir auf die Schliche gekommen, keiner würde einen armen unschuldigen Gärtner verdächtigen. Verraten Sie mir, wie haben Sie das gemacht?“
Constable William Crane bewahrte die Ruhe.
„ Ich bin Ihnen keinerlei Rechenschaft schuldig Mr Thomson. Aber haben Sie schon einmal etwas von dem Spruch <> gehört? Es tut mir sehr Leid, aber ich muss Sie jetzt festnehmen.“
Crane trat einen Schritt auf den Gärtner zu, doch mit dem, was dann geschah, hatte er nicht gerechnet. Ein wahnsinniger Aufschrei, eine blitzschnelle Bewegung seitens des Gärtners und ehe Constable Crane auch nur mit der Wimper zucken konnte, war er einem verrückten alten Mann zum Opfer gefallen.
„ Niemand verdächtigt einen treuen Gärtner!“
Es war weit nach Mitternacht, als Adams die Schreibmaschine von sich schon und sich gähnend streckte. Mrs Smith war schon längst zu Bett gegangen und hatte alle Lampen im Haus gelöscht.
Morgen und übermorgen würde er noch einmal alles in Ruhe durchlesen und dann am Mittwoch Sir Benedikt wie versprochen das Manuskript bringen. Elender alter Kauz! Er hatte aus Zeitdruck seinen liebsten Protagonisten umbringen lassen. Nein, das war eine Lüge und das wusste er auch. Adams wischte den Gedanken ärgerlich fort. Er wollte jetzt in Ruhe schlafen, tief und fest, so wie er es nur konnte, nachdem er ein Buch fertiggestellt hatte. Seufzend stieg er die knarrende Treppe hoch. Das Manuskript verstaute er wieder in der untersten Schublade seines Schreibtisches.
John Abberline war 12 Jahre alt, als er beschloss sein erstes Experiment heimlich in der kleinen Garage auf dem Anwesen seiner Familie durchzuführen. Er war ein neugieriger aufgeweckter Bursche und der ganze Stolz seines Vaters, auch wenn dieser es nur selten zum Ausdruck bringen konnte. Für sein Experiment benötigte John zwei Dinge: Koko, den Wellensittich seines Bruders William und den schwarzen Bentley im Schuppen.
Als er mit seiner Mutter vor ein paar Tagen ins Dorf gegangen war, um eine Beileidsbekundung für eine alte Frau abzugeben, die in der vergangenen Woche verstorben war, hatte er zufällig die Worte eines alten Mannes zu einem Freund gehört, der gegenüber des Trauerhauses auf einer Bank gesessen und sich eine Pfeife angezündet hatte. Er hatte gerade von einem alten Bekannten erzählt, der in einem Bergwerk ums Leben gekommen war. John hatte das Gespräch mit höchstem Interesse verfolgt, während er draußen auf seine Mutter gewartet hatte und war schließlich neugierig näher geschritten. John hatte dem Mann unverhohlen auf die Schulter getippt und mit seiner piepsigen Jungenstimme gefragt, warum der Mann denn gestorben sei. Der Alte schien leicht verärgert gewesen zu sein, dass ein Bengel wie John ihn in seiner Unterhaltung störte und hatte barsch geantwortet: „Ist abgekratzt, was denn sonst. Und der Wellensittich auch.“ John hatte fragend den Kopf zur Seite geneigt und der Mann genervt geseufzt.
„Hatte keinen Sauerstoff mehr zum Atmen. Das kommt vor in Bergwerken, dass einem die Luft ausgeht. Stell dich in die Garage, lass den Motor laufen und schließ vorher alle Fenster. Ähnliche Situation, selbes Ergebnis.“
„John!“, hatte ihn Mrs Abberline vom anderen Straßenrand her plötzlich zugerufen und der Junge war flink zurückgelaufen.
„Dass du mir das aber nicht ausprobierst“, hatte der Mann noch kopfschüttelnd gekrächzt und sich wieder seinem Freund zugewandt.
Koko machte auf dem gesamten Weg von Williams Zimmer durch die Hintertür bis in den Schuppen zum Glück keinen Mucks. Vorsichtig stellte John den Käfig auf die Motorhaube des Bentleys. Am Haken neben der Tür hingen die Schlüssel. Er hatte seinen Vater und auch Charly, einem der Gärtner, schon oft genug dabei zugesehen, wie sie den großen schwarzen Wagen starteten. Das dürfte für ihn dann ja auch kein Problem sein. John setzte sich auf die äußerste Sitzkante, streckte seine kurzen Beine so weit wie möglich nach vorne und drehte den Schlüssel um. Ein zähes Stottern ertönte, dann heulte der Motor auf. Er klatschte vor Freude in die Hände und stieg aus, um sich im Schneidersitz vor den Wagen zu hocken. Er hatte den Blick starr auf Koko gerichtet, der inzwischen doch nervös wurde, gerade so, als ahnte er, was der junge John mit ihm vorhatte. Die Minuten verstrichen, John unterdrückte ein Gähnen und kramte ein Jo-Jo aus der Hosentasche. Sein Vater schlief vermutlich auf dem Sofa im Salon und Mr Smith war weit draußen nahe des Sees. Niemand würde sein Experiment stören. Mehr als eine Stunde hockte er nun so da, bis ihm langsam schlecht wurde. Erst war es Müdigkeit, die ihn überfiel, jetzt fing er an zu husten und zu würgen. Seine Augen tränten. Der Schuppen war in schwarzen Dampf gehüllt, doch Koko krächzte immer noch. John überfiel ein neuer Hustenanfall. Taumelnd erhob er sich und funkelte den Vogel böse an. Plötzlich hörte er von draußen Rufe und erkannte Williams Stimme. Hektisch stürzte er zur Schuppentür, öffnete sie einen Spaltbreit und sog mit Erleichterung die frische Luft ein, die ihm entgegenströmte. Kurzum beschloss er sein Experiment mit einem gewissen Abstand aus zu verfolgen und verlegte seinen Beobachtungsposten nach draußen. Erst am frühen Abend entdeckte Charly die ganze Katastrophe.
Читать дальше