„Sagen wir: Wir werden die Welt hoffentlich ein wenig besser verstehen“, entgegnete Khor nachdenklich. „Aber Gwenaël!“ Khor klopfte seinem Freund auf die Schulter. „Ich wusste ja gar nicht, wie sehr du ebenfalls für unsere Sache brennst.“
Gwenaël zwinkerte. „Ach, ich bin mir einfach nur sicher, dass umfangreiches Wissen auch einem Kaufmann zugute kommen kann. Wer nämlich weiß, warum er was wo günstiger bekommt, ist eindeutig im Vorteil.“ Gwenaël machte eine bedeutsame Pause. „Aber ich bin ja nicht nur Händler, sondern auch Schiffsführer.“ Stolz richtete Gwenaël sich auf. „Ich habe einen Bund mit meinem Schiff geschlossen. Ich gebe ihm Leben und dafür gibt es mir seine Dienste und trägt mich wohin auch immer ich will. Verstehst du, Khor? Wann können wir Menschen schon einmal entscheiden, in welche Richtung wir gehen. Auf dem Meer folgt das Schiff treu meinen Wünschen zu neuen Gestaden. Oder aber in den Abgrund. Es ist meine Entscheidung und meine Verantwortung. Also, mein Freund! Die fernen Meere warten auf uns. Sie werden uns begrüßen, glaub es mir!“ Gwenaël lachte trocken. „Falls die unendlichen Wasser uns elende Würmer überhaupt zur Kenntnis nehmen werden. Es wurde schon manchem Seemann zum Verhängnis, dass die Meere nicht bemerkt hatten, dass er sie befuhr. Aber nur keine Sorge, Khor! Vergiss nicht: Ich bin Seegeborener. Erst seit Coira mein Weib geworden ist, verbringe ich die Hälfte des Jahres an Land. Früher ging ich selten einmal von Bord. Aber du wirst es ja sehen: Es ist so einfach, wenn man Seegeborener ist. Man lebt mit dem Meer und an fast jeder Küste leben irgendwelche Anverwandten. Vettern von Schwägern und so weiter … Sie alle gehören aber ebenfalls zur Sippe. Was meinst du, wie sehr sie sich freuen, dich zu sehen. Denn allzu oft sieht man sich in diesem Leben ja nicht. Und mag man von dem einen die Nase nicht, so fährt man ‑ hast du’s nicht gesehen – einfach weiter zum nächsten. Glaub mir, Khor, es lassen sich überall kleine Geschäfte machen. Forscht ihr nur nach eurer Weisheit, ich forsche nach der meinen.“
Khor lächelte, als er an dieses Gespräch dachte. Ging es ihm doch sehr viel weniger um Weisheit, als um Wahrheit ‑ so, wie Gwenaël im Grunde genommen auch. Wie sehr hatte er gehofft, dass der Freund zunächst zu jenem Felsen auf dem Festland übersetzen würde, auf dem dessen Tante Una lebte. Denn nur zu gerne hätte Khor die weithin gerühmte Heilerin gefragt, was es war, das sie in ihm gesehen hatte. Vor einem Vierteljahr, als Una zur Wintersonnenwende auf die Insel gekommen war, hatte sie Khor abermals lange in die Augen geblickt und offenbar auch das entdeckt, was sie dort gesucht hatte. Doch wie immer blieb sie stumm und murmelte nur ab und zu geheimnisvolle Formeln, die Khor weder verstand, noch recht zu deuten wusste. Wie gerne hätte er sie gebeten, ihn an ihrem Wissen teilhaben zu lassen. Doch Gwenaël hatte Khor auf seine Frage nach dessen Tante nur knapp mitgeteilt, dass Unas Fels nicht auf dem Weg lag. Man würde von Twynavon aus direkt nach Süden fahren, an der Insel der Ausgestoßenen vorbei und als erstes Ziel Sarmia ansteuern, jene Insel voller Heiligtümer, die auf halbem Weg zum Festland lag. Von dort aus würde man direkt zur Festlandsküste steuern, der man von da an immer nur folgen müsse. Es klang so einfach aus Gwenaëls Mund, aber Khor wusste nur zu gut, dass es genügend Unerwartetes geben könnte. Der Sturm, den er im vergangenen Herbst auf der Überfahrt nach Gwenaëls Insel miterlebt hatte, war ihm in lebhafter Erinnerung geblieben. Und auch das früher kaum gekannte Gefühl der Angst, das Khor inzwischen ebenfalls reichlich vertraut war und das ihn jedes Mal beschlich, wenn es doch am nötigsten war, mutig zu sein, auch dieses Gefühl, so wusste er, würde ihm bald wieder begegnen.
Noch einmal ging Khor im Geiste all die Dinge durch, die er keineswegs vergessen durfte. Viel war es ja sowieso nicht, was er sein Eigen nannte. Aber es waren ihm in den letzten Monden auf Gwenaëls Insel doch so einige Dinge geschenkt worden. Ein kleiner Splitter eines der heiligen krapproten Steine, die vollkommen unscheinbar aussahen, sobald man sie jedoch nass machte, in einem kräftigen Rotviolett strahlten, das Khor an die Steinnelken in seiner Heimat erinnerte. Kaum einmal hatte er eine leuchtendere Farbe gesehen. Gwenaëls Töchter hatten ihm außerdem, eine nach der anderen, entweder eine kleine Weberei oder Schnitzerei geschenkt. Auch Ciaràn, Gwenaëls Ältester, hatte für ihn ein eigentümliches Tier geschnitzt, das den Wolfshund darstellen sollte und der von nun an ‑ so jedenfalls glaubten es Gwenaëls Leute ‑ ständig an Khors Seite sein würde, so lange er die Schnitzerei bei sich trug. Khor fand den Gedanken eigentümlich, gleichsam einen Bann über ein Wesen auszusprechen, dem man zugetan war und dem man alles Erdenkliche, doch keinesfalls etwas Übles wünschte. Doch Ciaràn klärte Khor auf, dass ein Teil der Seele des Wolfshundes bereits längst und ganz freiwillig in dem Stück Holz steckte, das er just am Tag vor der längsten Nacht gefunden hatte. Es sprang ihn an, berichtete Ciaràn, gerade im selben Augenblick als ein Wolf heulte … Khor war vollkommen ratlos, was er von der Geschichte halten sollte und hängte sich das Amulett ein wenig widerstrebend um den Hals. Dort hing schon Fenhilds seltsame Wurzel, die sie ihm im letzten Herbst nach dem Kampf gegen Cerdric geschenkt hatte. Sie sah beinahe aus wie ein kleiner Mensch und verströmte einen kaum wahrnehmbaren, nicht unangenehmen, würzigen Duft.
„Das ist ein Geist, den ich auf dich gebannt habe“, hatte ihm Fenhild mit einem feierlichen Unterton damals zugeflüstert. „Er wird dich auf alle Zeit beschützen und immer auf dich achten. Doch vergiss nicht: Er tut es nicht, weil er dich liebt, sondern weil er von mir dazu verdammt worden ist. Er kann nicht von dir lassen, selbst wenn er dich hassen würde. Wirf ihn also keinesfalls fort, denn er wird dich suchen und immer wieder finden. Kein Berg ist zu hoch für ihn, kein Fluss zu tief. Er hat keine Wahl, er muss dir dienen und dich beschützen.“
Ein wenig unwillig hatte sich Khor damals die Knolle um den Hals hängen lassen, doch ihr geheimnisvoller Duft ließ ihn schließlich seinen Widerstand aufgeben.
„Hmmm“, hatte Fenhild genüsslich geraunt, als sie Khors Entzücken zur Kenntnis nahm. „Ihr Geruch macht Männer wie Weiber willig und stimmt sogar deine Feinde gnädig. Man nimmt den Duft kaum wahr, aber er wirkt. Sei also gut zu deinem kleinen Helfer! Sei dankbar, dass er dir beisteht. Denn ihm bleibt nichts anderes, als gut zu dir zu sein. Er hat schließlich keine Wahl.“
Khor hatte damals, noch außer Atem vom gerade bestandenen Kampf, die Knolle schnell unter sein Wams gesteckt, als ob er sie vor einer Unterkühlung oder auch vor fremden Blicken schützen wollte. Im selben Augenblick hatte er damals gespürt, wie die Wurzel auf seiner Brust sich erwärmte. Fenhild hatte ihre Hand darauf gelegt.
„Jetzt lebt er“, sagte sie dann zufrieden. „Jetzt ist er endgültig dein Schutzgeist.“
Khor hatte also neben jener unheimlichen Knolle, die er fast schon vergessen hatte, da er sie kaum einmal wieder pochen spürte, nun auch noch einen eingefangenen Wolf um seinen Hals hängen. Natürlich glaubte er nicht an derartige Geistergeschichten. Er trug die Amulette eher wie Erweise von Zuneigung, die ihm entgegengebracht wurde. Aber so richtig wohl fühlte er sich nicht mit ihnen. „Morgen“, murmelte er halblaut und griff sich unwillkürlich an die Brust, „morgen heißt es Abschied nehmen.“ Khor spürte auf einmal, wie die Amulette unter seiner Hand warm wurden. Er erschrak beinahe, denn die Schnitzerei, die Ciaràn ihm geschenkt hatte, schien tatsächlich ihren eigenen Herzschlag zu besitzen. Kaum merklich, aber so, als wäre ein pochendes Herz in dem Stückchen Holz. Khor lachte. Denn es war offenbar sein eigenes Herz gewesen, dessen Schlag er gespürt hatte. „Dieses Blendwerk der Altgläubigen kann einen Menschen manchmal aber auch tüchtig in die Irre führen!“ Doch abermals spürte Khor ein Herz, das jedoch in einem anderen Takt schlug, als das seine. „Wolfshund“, flüsterte er und drückte die Hand fester auf die Schnitzerei. „Nein“, lachte Khor. „Die Hoffnung ist eben wie ein Verdurstender, der plötzlich überall eine bislang verborgene Wasserstelle sieht.“
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