Keine drei Tage später war Khor abermals am Hafen gewesen. Als hätte es sich verjüngt und gestrafft, lag das Schiff tatsächlich wieder rund und drall im Wasser. Es gab nun wieder dieselben wohligen Laute von sich, die Khor bereits so gut kannte: Das Glucksen, das wie verhaltenes Kichern klang, aber auch das Ächzen und Stöhnen, das eher in wohligem Befinden als in schmerzhafter Pein seinen Ursprung hatte. Und jetzt, wo er darauf achtete, bemerkte Khor einen ganz feinen, harzigen Duft, der ihm wohlvertraut schien, ohne sich jedoch erinnern zu können, woher er ihn kannte. In der Tat: Es war ein ganz besonderes Schiff.
Gwenaël hatte die Reling rundum bemalen lassen, so dass das Schiff, frisch zusammengebaut, gepicht, geputzt und mit Ornamenten geschmückt, schließlich sogar richtig prachtvoll aussah. Coira war die Erste, die eines der geheimnisvollen Muster anbrachte, nachdem sie bereits Tags zuvor dem Bug mit zwei großen Augen gleichsam ein Gesicht verliehen hatte, für die sie nur tiefschwarze und leuchtendweiße Farbe verwendete. Sodann steuerte jeder der Nachbarn ein Ornament bei. Ja, sogar von Ferne kamen Freunde und Verwandte, die Gwenaël somit ihren Segen für seine Reise aufs Schiff malten. Als schließlich sogar die bislang Heimatlosen kamen, denen Gwenaël das Land zugesprochen hatte, und nie gesehene Muster in kräftigen Farben auf der Brüstung hinterließen, schien ein ganz besonderes Heil auf Gwenaëls Schiff zu liegen. Ganz hinten am Heck hatte Fenhild schließlich seltsame Zeichen aus ihrer Heimat angebracht. Einfache Kreise und Kreuze, die aus der Ferne betrachtet jedoch wie ein garstiges, spöttisch grinsendes Gesicht aussahen. Khor hatte tatsächlich das Gefühl, als sei das Schiff durch diese gemalten Heilswünsche gestärkt und nahezu unverwundbar geworden. Nun überkam ihn endgültig das Reisefieber, die Lust auf Neues, auf nie Gesehenes. Behände sprang er auf das Schiff und tätschelte dessen Holz. Ein lang gezogener, sehnsüchtiger Laut entfuhr dem Rumpf. Selbst Khor mochte nun nicht mehr ausschließen, dass dem Schiff tatsächlich Leben innewohnte.
Elster und Rotfuchs, die beiden Nuraghen von der Insel im südlichen Meer, hatten sich bereits häuslich auf dem Schiff eingerichtet, das sie ja bewachen mussten, seit Gwenaël begonnen hatte, Tag für Tag Handelsware an Bord zu bringen. Seither gab es ein unablässiges Kommen und Gehen in Gwenaëls Haus. Ständig trug irgendjemand irgendetwas durch die Tür hinaus, den steilen Wohnhügel hinunter zum Hafen. Darunter auch Dinge, die im vergangenen Herbst erst ausgeladen worden waren und nun wieder an Bord verstaut wurden: Pelze, die Gwenaël in Gotenansk eingetauscht hatte, irdene Waren und Stoffe aus Reinoldsburg, Schwerter und Dolche aus Abalon sowie Erz aus seiner Heimat. Erst am Tag vor der Abreise wurden die wertvollsten Waren verstaut: Stöcke auf die man Zinnspiralen gesteckt hatte, die aus den Bergen im äußersten Westen kamen; kleine Lederbeutel, von denen jedermann wusste, dass sie voller Goldklumpen waren, die aus eben denselben Bergen stammten – und natürlich jede Menge Bernstein.
Khor hatte nicht schlecht gestaunt, als er sich an Bord umsah und feststellen musste, dass im Stauraum noch genügend Platz war, obschon bereits derart viele Dinge untergebracht worden waren. Doch Gwenaël ließ jedes freie Fleckchen mit Holzstämmen, Balken und Brettern auffüllen. „Ballast“, zwinkerte er Khor an. „Wertvoller Ballast. Den werden wir uns aufheben, bis wir ins Land am breiten Fluss mit den von Menschen geschaffenen weißen Bergen kommen. Dort ist man versessen auf Ulmenholz, Rüster, Linde, ja, selbst Buche. In ihrem brennend heißen Land wächst ja kein einziger vernünftiger Baum. Nur diese komischen Wedelbäume oder solche mit furchtbar verdrehten Stämmen, die auch kein gutes Holz abgeben. Zum Schnitzen ist es schon gar nicht geeignet. Khor, mein Freund, ich sage Dir, wir werden richtig gute Geschäfte machen.“
„Das wünsche ich Dir von Herzen“, entgegnete Khor. „Auf dass die weite Reise sich auch für Dich lohnen möge!“
Gwenaël zwinkerte vielsagend. „Das wird sie schon. Und da ihr ja inzwischen zu meinen besten Freunden zählt, müsst ihr auch nicht fürchten, die ganze Zeit wieder an Deck verbringen zu müssen. Schau her!“ Gwenaël zog einen Vorhang beiseite. „Hier könnt ihr halbwegs bequem nächtigen. Ein jeder von euch hat seine eigene Schlafstatt. Na? Ist das nicht was?!“
„In der Tat“, staunte Khor. „Das ist was!“ Dankbar lächelte er Gwenaël an und dachte an die vielen kalten und nassen Nächte, in denen er im vergangenen Jahr an Deck frieren musste. „Und die anderen? Elster und Rotfuchs oder auch Arkan und Boron?“
Verdutzt schaute ihn Gwenaël an. „Das sind Seemänner. Richtige Seeleute. Meergeborene eben. Die kennen das gar nicht anders und würden nie auch nur einen Fuß unter Deck setzen, ohne dazu aufgefordert worden zu sein. Ein Seemann hat hier unten nichts verloren. Ein Seemann bleibt immer oben an Deck, an der Luft, beim Meer; er kostet die Winde, er liebäugelt mit der Sonne und träumt mit den Sternen.“
„Ha!“, lachte Khor, „wenn sie denn überhaupt scheinen und einem der Wind nicht auch noch die Gischt ins Gesicht bläst und man sowieso überhaupt nichts anderes mehr sieht als Grau und Weiß. Aber Gwenaël, du schläfst doch auch wohl behütet im Schiffsbauch. Warum sollten deine Leute das nicht auch dürfen? Sie hätten sicher nichts dagegen.“
Gwenaël schaute Khor verdutzt ins Gesicht. „Wo schläfst du, wenn du ein Haus und Vieh dein Eigen nennst? Natürlich in der Schlafnische, die dem Vieh am nächsten ist.“ Lässig deutete Gwenaël mit dem Daumen über die Schulter, dorthin, wo die Zinnspiralen lagerten. „Mein Freund, du scheinst eines noch nicht verstanden zu haben: Eine Reise ist immer auch eine geschäftliche Unternehmung. Es ist nahezu das gesamte Vermögen meiner Sippe, das sich hier an Bord befindet. Geht es verloren, so sind wir alle es auch. Niemand an Bord möchte unnötig in Verdacht kommen, auch nur einen begehrlichen Blick auf die hier unten gelagerten Dinge geworfen zu haben. Also wird kein Seemann jemals seinen Fuß unter Deck setzen, außer sein Schiffsführer befiehlt es ihm ausdrücklich. Dies ist eine Frage der Ehre.“ Gwenaël zwinkerte. „Eine Frage des Geschäfts ist es jedoch, dass man auch jeden verfügbaren Platz für die Beförderung von Handelsware nutzt. Der halbe Schiffsbauch müsste leer bleiben, nur damit die Besatzung dort nächtigen kann.“ Gwenaël lachte vergnügt über Khors Treuherzigkeit.
„Also danke ich dir, Gwenaël“, entgegnete Khor ernst. Und als der ihn mit verständnisloser Miene ansah, setzte er hinzu: „Na, dass du uns vier bei dir im Schiffsbauch schlafen lässt. Aber vielleicht sollten wir doch lieber bei den anderen an Deck bleiben. Außerdem könntest du den Platz für weitere Handelswaren nutzen.“
„Du wirst mich doch nicht beleidigen wollen, mein lieber Freund!“, feixte Gwenaël. „Ihr mit eurem Bernstein habt mich doch erst auf die Idee gebracht. Man muss sehr genau auf das Verhältnis von Raum, Größe, Gewicht und vor allem von Wert achten. Schau nur, euer Bernstein!“ Gwenaël hielt einen nicht sehr großen, aber dafür wunderbar klaren Bernstein vor sein Auge, in dessen Mitte einzig eine winzige Fliege eingeschlossen war, als wäre sie mitten im Flug aus der Zeit herausgenommen worden. „Schön wie Bergkristall, doch nicht so kalt in seiner Pracht. Bernstein kann auf geheimnisvolle Weise das Leben bannen. Schau doch nur die Fliege, die er in sich aufgenommen hat. Außerdem zieht er an den Haaren, sobald man ihn daran reibt und wird zudem noch warm dabei. Und dennoch ist er leicht wie eine Feder. Mit ihm kann man viel Platz und viel Gewicht sparen. Und außerdem …“, wieder einmal zeigte Gwenaël sein bübisches Grinsen, „… ihr Vier seid nun einmal keine Meergeborenen. Ihr werdet’s auch nie. Aber dennoch seid ihr meine besten Freunde.“ Gwenaël tätschelte Khors Wange. „Und an deren Wohlergehen ist mir immer gelegen. Zudem werdet ihr schon bald wieder voller Begeisterung oben an Deck schlafen wollen. Dort, wo wir hinfahren, ist es nämlich heiß. Sehr heiß. Und man sehnt die Nächte herbei, in denen es regnet und ein frischer Wind bläst.“ Khor hörte gebannt zu. „Ihr Vier aus den Wäldern des Festlandes denkt über so viele Dinge nach, an die ein Seegeborener wie ich noch nie einen Gedanken verschwendet hat. Vielleicht könnt ihr mir sagen, warum die Dinge sind, wie sie sind. Ich habe viel von euch gelernt und ich will noch sehr viel mehr von euch lernen. Wir werden endlich die Welt verstehen, Khor, und unsere Angst vor dem Unbekannten verloren haben, wenn wir schließlich zurückgekehrt sein werden.“ Gwenaël strahlte seinen Freund an.
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