An diesem Morgen allerdings ‑ die Sonne schlief noch tief im Osten und nur ein zarter Schimmer kündigte zunächst ihr Kommen an ‑ hatte Khor die Stimme des Wolfshundes abermals ganz deutlich ausmachen können. Wieder war er aufgesprungen und vors Haus gerannt. Ja, tatsächlich. Es war die Stimme des Wolfshundes, die er gehört hatte. Und er war offensichtlich ganz nah. Da, wieder! Deutlich konnte Khor seinen Freund hören. Und als er in die Richtung blickte, aus der das Geheul kam, sah er ihn in der Nähe eines Waldstücks. Aufmerksam hatte der Wolfshund die Ohren aufgestellt, äugte gespannt herüber und wedelte kaum merklich mit der Rute. Neben ihm eine Wölfin mit gesenktem Kopf, die argwöhnisch in Khors Richtung blinzelte, während sie von einem halben Dutzend Jungtieren umsprungen wurde. Khor war gerührt, denn er empfand diese Begegnung als Geste seines alten Freundes, der sich ihm vor Jahresfrist unter völlig anderen Umständen angeschlossen hatte und der ihm nun ‑ so jedenfalls schien es Khor ‑ einen Blick auf sein neues Leben gewähren wollte. Die Wölfin scheuchte ihre Welpen in ein nahes Gebüsch und langsam trollte der Wolfshund seiner Familie hinterher, bellte einmal knapp wie zum Gruß und sprang schließlich mit jenen übermütigen Hüpfern davon, die Khor so gut kannte.
„Er zeigt mir, dass er glücklich ist“, murmelte Khor und fröstelte. Sollte diese Begegnung der endgültige Abschied gewesen sein? Khor schnürte es die Kehle zu. Es blieb nur noch ein Tag bis zur Abreise. Sollte er ihn locken? Khor war überzeugt davon, dass der Wolfshund in diesem Fall sogar angelaufen gekommen wäre. Doch er wollte dem Tier nicht seinen Willen aufzwingen. Denn wie hatte sein Freund Ottel zu ihm gesagt, damals, als sie auf Gwenaëls Insel angekommen waren und der Wolfshund eines Nachts dem fernen Geheul seiner Artgenossen gefolgt war: „Frag einen Fisch, ob er an Land leben möchte …“
Der Wolfshund blieb wie vom Erdboden verschluckt. So oft Khor auch Ausschau gehalten und in die Nacht gelauscht hatte, es fand sich nichts, was darauf hindeutete, dass sein Freund noch in der Nähe war. Ja, selbst als Khor eines Tages nicht mehr an sich halten konnte und den Wolfshund mit schnalzender Zunge lockte und ihn schließlich sogar rief ‑ was ihm ein missbilligendes Kopfschütteln von Ottel einbrachte ‑, blieb der Freund verschwunden. So schwer es Khor auch fiel, so nahm er schließlich doch die Entscheidung des Wolfshundes hin, in irgendeinem verborgenen Winkel von Gwenaëls Insel ein neues Leben führen zu wollen. Khor musste dabei an seine eigenen Seelenqualen denken, die ihn noch immer plagten, weil er Yasemin und den gemeinsamen Sohn zurückgelassen hatte.
Ja, es war in der Tat besser, wenn es morgen endlich auf See ging, dachte Khor. Nur allzu leicht hängt man sein Herz an Menschen und Dinge und verliert sein Ziel aus den Augen. Wie schnell richtet man sich heimatlich ein, wenn es dort, wo man gerade ist, nur angenehm und warm ist und die Schüsseln immer gut gefüllt sind. Morgen würde er abermals alles hinter sich lassen, um zu sehen, was es sonst noch auf dieser Welt gab.
Bereits seit Tagen hatte Gwenaël an seinem Schiff gewerkelt. Khor hatte sich richtiggehend erschrocken, als er eines Morgens das blanke Gerippe im Hafen liegen sah, obwohl er schon einmal zugesehen hatte, wie das Schiff vollkommen auseinander genommen worden war. Damals, als sie das Schiff das kurze Stück über Land befördern mussten, um von dem Fjord des östlichen Meeres in den Eideranos zu gelangen. Doch seinerzeit hatte er voller Neugier verfolgt, wie das Schiff langsam, Stück für Stück, sorgfältig zerlegt wurde. Vor wenigen Wochen jedoch war er unvermittelt auf das Schiff gestoßen, das wie ein von den Möwen abgenagtes Gerippe eines riesigen Tieres seine blanken Rippen in den Himmel reckte. Khor zuckte bei seinem Anblick regelrecht zusammen.
„Was für ein prächtiges Schiff“, hatte Gwenaël währenddessen in einem fort gemurmelt. „Stark und rund wie ein gesundes Weib, das viele Kinder gebären kann.“ Und als Khor, nur um sich die Zeit zu vertreiben, den Freund in ein Gespräch verwickeln wollte, starrte der ihn nur aus glasigen Augen an. „Riech doch nur an seinem Holz!“ Und schon hielt Gwenaël eine Planke unter Khors Nase, der allerdings nichts anderes als den erwarteten Moder zu erschnüffeln vermochte.
„Stell Dir doch nur vor! Die Planken des Schiffes sind bald fünf Dutzend Jahre alt und sie duften noch immer. Mein Vater war mit dem Schiff zurückgekehrt, damals, als er zum ersten Mal das südliche Meer befuhr. Und das Holz ist noch immer stark und frisch. Ich hab die Bäume gesehen, aus denen es geschlagen wird, als ich seinerzeit dort war. Es sind Riesenbäume und sie sind uralt.“ Gwenaël reckte die Planke in die Höhe. „Auch sie leben und haben eine Seele. Diese Bäume sind wahre Persönlichkeiten. Und jeder Schiffsführer sucht sich eine dieser Persönlichkeiten aus und bittet sie darum, ihr Holz für sein Schiff verwenden zu dürfen. Du bittest den Baum, dir sein Leben zu geben. Dafür musst du ihm aber ein Fortdauern in einem so sorg- wie achtsam geführtem Schiff zusichern. Mein Vater schwor es seinem Baum, damals, an der fernen Küste mit den bewaldeten Bergen. Und so überließ der Baum meinem Vater sein Holz, damit er dieses Schiff daraus baue. Mein Vater hat mir sein Schiff auf dem Sterbelager anvertraut.“ Stolz richtete Gwenaël sich auf und lächelte schließlich verschmitzt. „Ich habe es natürlich zwischenzeitlich ein wenig verjüngen und hier und da auch etwas verbessern können. Man lernt ja mit den Jahren dazu. Aber es ist noch immer aus ein und demselben alten Holz. Und glaube mir, mein Freund“, Gwenaëls Gesicht zeigte deutlich, dass ihm vollkommen ernst damit war, „ich möchte meinen, dass es noch immer lebt.“ Gwenaël senkte die Stimme, als ob er Sorge hätte, dass man ihn belauschen könnte. „Denn wie kannst Du Dir ansonsten erklären, dass dieses Holz nach so vielen Jahren noch immer frisch und kräftig ist. Andere Bohlen sind nach fünf Jahrzehnten modrig, grau und weich. Diese hier sind aber noch immer frisch. Sie riechen. Das Holz riecht noch immer nach den Wäldern dort. Es riecht, als würde es noch immer leben.“ Und schon wollte Gwenaël abermals die Planke unter Khors Nase halten, was dieser jedoch verlegen lächelnd abwehrte.
„Siehst Du, Gwenaël“, versuchte Khor abzulenken, „wir werden dorthin fahren, wo diese Bäume wachsen. Und dann fragen wir einfach nach, warum dem so ist. Warum lebt das Holz ihrer Bäume noch nach Jahrzehnten, während unsere Schiffe schon längst verrottet sind? Irgendjemand wird uns das schon sagen können. Vielleicht müssen wir dafür die weisesten Männer und Frauen des Landes aufsuchen. Aber vielleicht lacht uns auch einfach der nächstbeste Bauer ins Gesicht und freut sich über unsere Unwissenheit, da dort jedes Kind die Antwort kennt.“
„Dann wird’s Zeit, dass wir fahren“, lachte Gwenaël und wollte sich wieder an die Arbeit machen. „Ach, erinnere mich morgen daran, dass ich noch einen zusätzlichen Ballen von Coiras Webereien mitnehme. Die Leute dort unten an der Küste mit den Riesenbäumen sind wie verrückt nach den Karos auf unseren Stoffen.“ Gwenaël hielt inne ‑ „Das ist Wolle“ ‑ und klopfte sich mit der Planke, die er noch immer in Händen hielt, an den Kopf. „Was meinst Du, mein Freund, wie heiß es dort unten ist. Die Sonne ist dort viel näher. Man sieht es zwar nicht, aber man fühlt es deutlich. Heißer als der heißeste Tag bei uns im Sommer ist es dort. Aber trotzdem tragen die Leute Wolle, nur weil sie so schön bunt kariert ist. Auch wenn ihnen dabei die Brühe nur so herunterläuft.“ Gwenaël lachte.
„Ja“, gluckste Khor. „Dafür trägt man hier bei uns Horands Mittsommernachtsfibeln.“ Beide dachten an die Geschichten, die sie mit ihrem schlitzohrigen Freund Horand erlebt hatten und lachten herzlich.
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