Broc hatte Khor und seine Freunde eines Abends in Erstaunen versetzt, als er mit dem Gedanken aufkam, dass der Große Steinkreis ursprünglich wohl nichts anderes zu leisten hatte, als das, was auch die heilige Himmelsscheibe ihrer Heimat vermochte: Nämlich das Mondjahr mit dem Sonnenjahr in Einklang zu bringen. Gab die Himmelsscheibe dafür die Stellung des Siebengestirns zum zunehmenden Mond vor, so waren vom Großen Steinkreis Durchblicke festgelegt, hinter denen sowohl der Mond als auch die Sonne zu bestimmten Tagen untergingen. Khor hatte Brocs Gedankengängen und verzwickten Berechnungen bald nicht mehr folgen können. Doch Sarti war voller Begeisterung und mit hochrotem Kopf dabei. Er stritt mit Broc um jede noch so unbedeutende Einzelheit. Denn auf Sartis Gedächtnis war unbedingt Verlass. Was er einmal gehört oder gesehen hatte, das war auf ewig in seiner Erinnerung gespeichert. Diese Fähigkeit versetzte jeden, der sie erlebte, in ehrfürchtiges Staunen. Ja, manch einer sah in ihr einen ganz besonderen, göttlichen Segen. Für Sarti jedoch war sie nichts weiter als ein Ausgleich für seine körperlichen Behinderungen, mit denen er sich seit einer geheimnisvollen Erkrankung im Kindesalter abfinden musste und die einen seiner Arme sowie ein Bein gelähmt hatte.
Sarti war es schließlich auch, der die ausgearbeiteten Verhaltensmaßregeln zur Zeit der Wintersonnenwende vor dem versammelten Volk wortgetreu vortrug. Ein jeder sollte sich zu ihnen bekennen können und ihre Einhaltung schließlich bei seiner Ehre beschwören. Entsprechend aufmerksam lauschten die um den Großen Holzkreis Versammelten Sartis Worten.
„Achtet das Leben!“, verkündete er und ein beifälliges Murren zeigte, dass die Mehrheit dem vorbehaltlos zustimmte. „Vergeudet es nicht. Weder das eure, noch das von anderen - noch von allem, was ist. Bedenkt: Wer Leben nimmt, kann es nicht wieder zurückgeben. Seid dessen eingedenk, selbst wenn ihr eure Schafe schlachtet.“ Es war eindeutig zu vernehmen, dass es hierzu wohl noch etliche Gespräche würde geben müssen. „Achtet aber ebenfalls euer eigenes Leben. Macht das Beste daraus - was auch immer ein jeder von euch dafür halten möge.“
„Doch achtet dabei die anderen Menschen!“, fuhr Sarti fort. „Was euch übel und böse erscheint, das tut euren Mitmenschen nicht an. Was immer ihr wollt, dass die Menschen euch tun, das tut auch allen anderen. Vergesst nie, dass jeder Mensch dieselben Schmerzen fühlt, dieselbe Trauer, dieselbe Angst, dasselbe Glück wie ihr auch.“
„Achtet auch eure Vorfahren und eure Herkunft. Alles was ihr seid, seid ihr durch sie. Die Eltern haben euch die Welt so übergeben, wie ihr sie vorgefunden habt. Gebt also auch ihr sie an eure Kinder so weiter, damit ihr von euren Nachfahren Achtung erfahren werdet.“
„Hütet euch vor Neid. Es wird immer jemanden geben, der ein größeres Haus sein eigen nennt, eine schönere Frau an seiner Seite hat oder einen vortrefflicheren Mann. Es wird kaum jemanden geben, der feststellt, dass es niemanden auf Erden gibt, der ein glücklicheres Leben führt. Freut euch stattdessen, wenn anderen etwas vergönnt ist, das euch selbst versagt bleibt.“
„Freut euch an dem was ihr habt. Denn hütet euch vor der Gier: Sie wird euch eure Freiheit nehmen, wenn ihr zulasst, dass sie euch beherrscht. Sie flüstert euch Bedürfnisse und Wünsche ins Ohr, die ihr euch erfüllen sollt, um glücklich zu werden. Für ein bisschen flüchtiges Glück habt ihr aber schnell die Reinheit eures Herzens verloren.“
„Haltet eure Versprechen. Darum gelobt nichts leichtfertig, wenn ihr nicht wisst, ob ihr es auch halten könnt. Wer Treue schwört, der soll sie auch halten.“
„Hütet euch vor der Eitelkeit. Sie ist eines der Grundübel des Zusammenlebens. Sie gebiert die Gier nach Macht und ist die Schwester der Lüge und des Neids. Sie lässt uns die Demut vor dem Ewigen vergessen.“
„Denn bedenkt: Nichts währt ewig, alles ist vergänglich. Haltet nicht verzweifelt fest, was man nicht bewahren kann. Denn alles ist im Fluss und nichts bleibt, wie es ist. Das einzig Ewige ‑ das Einzige, das immer bleibt ‑ ist der Wandel.“
Als Sarti diese grundsätzlichen Regeln vorgetragen hatte, gab es anfangs noch ein paar Zwischenrufe, ja, sogar hämisches Gelächter. Doch je länger er sprach, desto aufmerksamer hörte man ihm zu. Als er schließlich geendet hatte, richtete Gwenaël das Wort an sein Volk.
„Nun habt ihr Zeit genug, um bis zur Frühjahrs-Tagundnachtgleiche über diese Gebote nachzudenken. Nur wenn wir alle ihnen zustimmen und wir uns auch an sie halten, werden sie wirkmächtig sein und uns allen ein besseres und gerechteres Zusammenleben ermöglichen. Denkt darüber nach und stimmt dann ab!“
Seither war kein Tag vergangen, an dessen Ende nicht lebhafte Streitgespräche an Gwenaëls Herdfeuer entbrannt waren. Mann um Mann erschienen die Mitglieder seines Volkes, einer nach dem anderen. Manche in Begleitung ihrer Frauen und halbwüchsigen Kinder, manche auch allein, um sich mit Gwenaël und den vier Fremden über die Verhaltensmaßregeln auszutauschen. So gut wie jeder von ihnen beklagte, dass sie schlichtweg zu anspruchsvoll seien, unerfüllbar geradezu. Doch Broc hatte diese Einwände erwartet.
„Nur wer hohe Ziele anstrebt“, gab er immer wieder zu bedenken, „wird sich schließlich auch weiterentwickeln können. Worauf sollen wir hinarbeiten, wenn es nicht in der Tat große Ziele sind?! Und was gibt es Größeres, als das Gute für alle.“
Schließlich hatte es sogar Vorschläge gegeben, Broc zu bitten, als geistiger Führer in Twynavon zu bleiben und nicht mit den anderen auf große Fahrt zu gehen. Man fürchtete, dass man ohne seinen Beistand, die neuen Gesetze nicht befolgen könne. Fenhild, die frühere Amme Gwenaëls, die seiner Familie inzwischen den Haushalt führte, hatte bereits alles für Brocs Bleiben vorbereitet. Sogar ein angemessen großes Haus hatte sie in Twynavon für Broc gefunden. Es war von seinen Eigentümern aufgegeben worden und Fenhild hatte es entsprechend herrichten lassen. Doch dies verschreckte Broc eher, als dass es ihn tatsächlich zum Bleiben bewegte. Noch fühlte er sich nicht betagt genug, um sich auf sein Altenteil zurückzuziehen; wenngleich Twynavon mit seiner Nähe zum Großen Steinkreis und den vielen gebildeten Menschen, die ihn besuchten oder in dessen Nähe lebten, Broc durchaus zum Bleiben reizte. Mit den meisten von ihnen hatte er sich schnell angefreundet und fühlte sich sichtbar wohl in ihrer Gesellschaft. Selbst Fenhild, mit der er sich so vortrefflich über Glaubensdinge streiten konnte, war ihm mittlerweile so vertraut und lieb geworden, dass er manchen Abend ernsthaft über seine Zukunft nachgrübelte.
Auch Gwenaël und seine Frau Coira wollten den Freund am liebsten in ihrer Heimat sehen. Doch Broc fiel es schwer, sich von dem Gedanken zu verabschieden, seine Gefährten auf die lange und sicherlich auch erkenntnisreiche Reise zu begleiten. War Khor schon alt und erfahren genug, um Broc auch vertreten zu können? Und würde Broc es überhaupt ertragen, mit anzusehen, wie seine Freunde in See stachen, während er sich von Fenhild umsorgen ließ? Nein, so sehr man auch versuchte, auf ihn einzuwirken, Broc hielt an seinem ursprünglichen Plan fest und vertröstete Gwenaël und Coira auf die Zeit nach seiner Rückkehr von der langen Fahrt. Er wollte mit eigenen Augen sehen, was die Freunde erlebten und sich nicht nur anschließend davon berichten lassen.
So schlug Broc also vor, Coira, die sich während der zahllosen Reisen ihres Mannes schon mehrfach als dessen würdige Vertreterin bewiesen hatte, unmittelbar als oberste Richterin und Anführerin ihres Volkes zu wählen und Gwenaël als ihren Stellvertreter. Zunächst guckten alle nur erstaunt, als er seinen Vorschlag vorbrachte. Doch dann sahen sie ein, dass dies ja in der Tat schon längst zur Gepflogenheit geworden war. Schon wiederholt hatte Coira bewiesen, dass sie über genügend Durchsetzungskraft verfügte, um das Schicksal ihres Volkes beherzt in die Hand zu nehmen. Jahr um Jahr hatte sie Gwenaël von der Tagundnachtgleiche des Frühjahrs bis zu jener des Herbstes vertreten, immer wenn er auf den Meeren unterwegs war. Während jener Hälfte des Jahres stand Coira ihrem Volk also längst schon vor. Und sie genoss ein vorbehaltloses Ansehen sowie eine ebensolche Autorität. Sie war streng und stellte die Gerechtigkeit über alles. Aber in gleichem Maße war sie mitfühlend und versuchte, die Nöte eines jeden einzelnen zu verstehen. „Coira ist die bessere Führerin als ich“, hatte Gwenaël einmal zu Khor gesagt, als der ihn gefragt hatte, ob es ihm denn leicht fiele, Jahr um Jahr nur für die Hälfte der Zeit zu Hause bei seiner Familie in der Heimat zu sein. „Die Menschen lieben sie wirklich.“
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