Schon war die Stadt hinter den Dünen verschwunden und das Schiff steuerte geradewegs aufs offene Meer zu, als Gwenaël einen stattlichen Brocken Bernstein an der ständig in einem metallenen Korb am Glimmen gehaltenen Glut entzündete und anschließend abermals in seine Lure stieß.
„Damit die Wasser des Meeres auch wissen, dass wir sie befahren“, erklärte er, ohne gefragt worden zu sein. Und in einem Augenblick, in dem er sich unbeobachtet fühlte, ließ er schnell ein kleines, in eine Tierhaut eingenähtes Päckchen ins Wasser gleiten, dem er lange hinterher sah. Er holte seine blauen Ahnenstatuetten aus der Tasche, küsste sie eine nach der anderen und erklärte ihnen geduldig den Kurs, den Weg und das Ziel der nun beginnenden Reise.
„Siehst du“, sagte er schließlich zu Khor, dem es unangenehm war, dabei ertappt worden zu sein, wie er Gwenaël beobachtet hatte, „auch die Ahnen haben nicht die geringsten Einwände gegen unsere Reise.“
Der erste Tag war fast wie im Flug vergangen. Khor war überglücklich, dass der Wolfshund sich so überraschend wieder eingefunden hatte. Unablässig kraulte und streichelte er ihn, was dieser sich mit genüsslich zusammengekniffenen Augen gefallen ließ. Einer nach dem anderen schauten die Männer der Besatzung vorbei, um die wilde Bestie an Bord zu begrüßen, die offenbar so anhänglich und treu war, wie ein Haushund. Wie gerne hätte Khor den Wolfshund gefragt, wie es denn zu seinem Sinneswandel gekommen war und er seine junge Familie schließlich doch verlassen hatte. Arkan, der Feinfühlige, hatte als Erster eine Antwort parat. „Es ist einfach seine Lebensaufgabe, Khor, an deiner Seite zu sein“, raunte er sichtlich beeindruckt. „Ein jeder von uns hat seine Lebensaufgabe - die Tiere offenbar auch.“
Elster und Rotfuchs waren ebenfalls der Meinung, dass es wohl die Götter waren, die den Wolfshund damit beauftragt hatten, Khor beizustehen. „Unsere Fahrt steht unter günstigsten Zeichen“, fassten sie schließlich ihre Betrachtungen zusammen. „Gwenaël hat die Wasser des Meeres wissen lassen, dass wir sie befahren und die Götter haben dir ein wildes Wesen geschickt, das dich beschützen wird.“
Und tatsächlich: Auch die Frühlingssonne schien vom wolkenlosen Himmel herab und versprach allerbestes Reisewetter. Das Meer lag ruhig und freundlich, während eine muntere Brise stetig wehte und das Schiff gleichmäßig vorantrieb. Als sich schließlich dann noch ein Sperling auf dem Bug niederließ und inbrünstig einen Abschiedgruß tschilpte, bevor er wieder zurück an Land flog, waren alle restlos davon überzeugt, dass diese Reise unter einem ganz besonders glücklichen Stern stand.
Es war kurz nach Mittag und die Sonne hatte gerade ihren Zenith überschritten, als in der Ferne vor ihnen Land in Sicht kam. Es war die Insel der Ausgestoßenen, wie Gwenaël erklärte, auf die sie direkt zuhielten. Allein ihr Name ließ Khor an wenig Erfreuliches denken. Wortlos deutete Gwenaël auf die Kimmung links neben der Insel. Auch dort begannen sich, blau in blau, schroffe Felsen abzuzeichnen, die sich unaufhörlich in den Himmel schoben. „Das Festland“, meinte Gwenaël vielsagend.
„Leben auf der Insel wirklich nur Ausgestoßene?“, fragte Khor ein wenig beunruhigt.
Gwenaël lachte. „Ach was! Früher einmal, da war das so. Um die Insel herum entstehen oft schwere und vollkommen unvorhersehbare Strömungen. Es müssen Hunderte von Wracks an ihrer Küste liegen. Früher war es nicht leicht, die Insel zu erreichen oder sie zu verlassen. Darum hat man seinerzeit die Ausgestoßenen dort hingeschickt. Doch das ist Generationen her. Aber natürlich machen noch heute alle ihre Witze über die Mörderkinder und Räuberenkel. Vielleicht sind die Leute dort ja deswegen so grimmig. Es ist jedenfalls selten ein Vergnügen, sich dort aufzuhalten. Das Bier ist so schrecklich wie das Essen und von Gastfreundschaft hält man sowieso nicht viel.“ Schon konnte man Häuser und Felder auf der Insel erkennen.
„Vielleicht sollten wir dann besser darauf verzichten, dort anzulanden“, meinte Khor plötzlich. „Der Tag hat so schön angefangen.“
Gwenaël schaute ihn vollkommen entgeistert an. „Die Insel liegt auf dem Weg. Ich bin Händler. Natürlich ist dort nicht viel zu holen, aber man kann überall Geschäfte machen. Außerdem stehe ich im Wort, dort kurz anzulegen. Aber keine Angst, es wird gewiss nicht lange dauern.“ Und schon war Gwenaël unter Deck verschwunden.
Khor staunte, wie schnell sich das Schiff dem kleinen Hafen genähert hatte und mit einem wohligen Ächzen vertäut worden war. Viel Aufmerksamkeit erregten sie jedenfalls nicht, denn es gab kaum jemanden, der nach ihnen schaute. Gwenaël erschien wieder an Deck und hatte ein unförmiges Paket unter dem Arm, das in irgendwelche Tücher gewickelt war.
„Hier ist Gwenaël!“, rief er aus Leibeskräften. „Gwenaël, der Geflügelte ist hier. Gwenaël, der Windbezwinger, der Wunscherfüller!“ Die meisten Umherstehenden im Hafen schauten noch nicht einmal nach dem Gebrüll. Doch ein altes Männchen, krumm und gebeugt, den Mantel in sein Gesicht gezogen, geradewegs so, als ob er sich verbergen wollte, humpelte überraschend behände auf das Schiff zu.
„Hör auf mit dem Geschrei“, zischte er und flatterte mit den Armen, „was sollen die Habenichtse schon mit dir tauschen.“
„Wateran!“, freute sich Gwenaël sichtlich. „Du bist mir inzwischen also doch nicht weggestorben! Ich fürchtete schon das Schlimmste, weil es ja doch bereits eine ganze Weile her ist, seit du mir deine Bestellung aufgegeben hast. Hier, ich habe etwas für dich, was dein Herz erfreuen wird.“
Er reichte das Paket herunter, das der Alte mit zitternden Händen in Empfang nahm. Vorsichtig schlug er die Tücher beiseite, die eines der südländischen, mit Kraken bemalten Gefäße freigaben, die Gwenaël im vergangenen Sommer zufälligerweise in der Stadt an der Odrawa hatte eintauschen können. Der Alte seufzte überwältigt und griff sich ans Herz. Offenbar war soeben ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung gegangen.
Sorgfältig packte der Alte alles wieder ein. „Genauso, wie ich es gewünscht habe“, strahlte er. „Mein Weib wird sich freuen. Sie kennt diese Gefäße von Zuhause und hält sie für den Inbegriff des Schönen. Vor zwei Sommern ist ihr die letzte Schale zerbrochen. Sie stammte noch aus ihrer Mitgift.“ Offenbar erwartete Wateran eine Reaktion von Gwenaël, doch der lächelte ihn nur stumm an.
„Nun“, seufzte der Alte schließlich, „heute wird sie das Ungeschick endlich vergessen können.“ Ehrerbietig reichte der Alte ein Lederbeutelchen nach oben. Gwenaël hielt es wägend in der Hand, schaute flink hinein und entnahm einen silbernen Brocken, auf den er mit den Eckzähnen biss. Zufrieden grunzend ließ er den Klumpen wieder ins Beutelchen plumpsen und schwenkte es zum Zeichen des Einverständnisses.
„Habt ihr Hefe zum Tausch?“, rief plötzlich einer der Umstehenden. „Unser Hefestamm ist schon alt und müde und das Bier wird fad.“
„Mag sein“, erwiderte Gwenaël. „Was könnt ihr mir den dafür bieten?“
„Apfelmost.“
Man war sich schnell einig. Und nachdem Gwenaël sich gebührend verabschiedet und das Schiff wieder abgelegt hatte, wurde erst einmal vom eingetauschten Apfelmost gekostet. Khor war begeistert von dem herben, fruchtigen Geschmack und trank, während er sich von Gwenaël die Umstände des unerklärlichen Silberreichtums des Alten erklären ließ, einen Becher nach dem anderen.
„Was meinst du“, erklärte ihm Gwenaël, „wie viele Schiffe hier an den Klippen zerschellen. Oft sind es Ortsunkundige, die von ganz weit her kommen. Man kann sich also sicher sein, dass niemals jemand erscheinen wird, um das Treibgut zurückzufordern. Und wie du siehst, mein lieber Khor“, Gwenaël tätschelte den Lederbeutel, „findet man hier so einiges …“ Gwenaël blinzelte Khor verschmitzt an und kicherte dann leise. Denn seinem Freund waren unterdessen, müde vom Apfelmost, die Augen zugefallen.
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