Sie schätzte den Hotelmanager auf ca. 40 Jahre, er war trotz hellbraunen etwas zu langen Haaren, ziemlich gut aussehend. Dazu war seine Haut natürlich braun, nicht zu vergleichen mit der touristischen, ins Rote gehenden Schnellbräunung und er hatte eine sportliche Figur. Ein Mann also, den sie unter anderen Umständen interessant gefunden hätte. In wenigen Minuten schilderte sie ihm was geschehen war, wollte wissen ob so etwas schon einmal passiert sei und was sie nun seiner Meinung nach unternehmen sollte. Der Hotelmanager hörte sich ihre Geschichte in aller Ruhe an und entgegnete in seinem nicht ganz akzentfreien Deutsch.
„Es ist gut, dass Sie zu mir kommen, das hört sich ja nicht gut an. Es stimmt tatsächlich, dass es schon Gäste gab, die nach etwas zu viel Alkohol mit einheimischen Angestellten die Hotelanlage verlassen haben. Das kommt jedoch selten vor, weil es den Angestellten untersagt ist, sich mit Urlaubern einzulassen. Und doch waren die meisten Hotelgäste natürlich Singles und konnten sich das Abenteuer ohne schlechtes Gewissen erlauben. Sie kamen bis jetzt auch immer am nächsten Tag zurück. Allerdings hat bis heute keiner von ihnen für eine solche Affäre die Beziehung zu seiner eigenen Freundin oder Frau riskiert. Und, ich hoffe sie nehmen mir diese Bemerkung nicht übel, Sie zu betrügen wäre aus Männersicht nicht der cleverste Schachzug. Hoffen wir dennoch, dass Ihrem Peter genau das passiert ist, auch wenn Sie dann natürlich Ihre Beziehung hinterfragen.“
„Wieso soll ich das hoffen? Gibt es keine plausible und angenehmere Erklärung?“
„Ich fürchte nein“,
meinte der Direktor.
„Immerhin sind wir auf einer Insel und von hier verschwinden eigentlich keine Leute spurlos. Und schon gar keine Touristen. Ich empfehle Ihnen, bis morgen abzuwarten. Ich werde inzwischen die Angestellten bei unseren täglichen Meetings befragen, ihnen das Foto von Ihrem Freund zeigen und Sie anweisen, sich sofort bei mir zu melden, sobald sie etwas gehört haben. Versuchen Sie zu entspannen und wenn Ihr Peter morgen nicht zurück ist, überlegen wir gemeinsam wie wir vorgehen.“
Na super, dachte Nicki. Alle schlagen in die gleiche Kerbe. Aber war Peter tatsächlich so bescheuert? Hatte sie ihn doch falsch eingeschätzt?
Als sie sich vom Hoteldirektor verabschiedete, erhaschte Nicki einen Blick auf den Bildschirm des Laptops und konnte sehen, dass der Bildschirm in vier Felder eingeteilt war. Sie sah alternierende Ansichten der Hotelanlage – Ausschnitte von Überwachungskameras. Aber bevor sie sich eine schlaue Frage dazu ausdenken konnte, stand sie auch schon wieder vor der Türe.
Nicki war wieder sich selbst überlassen. Sie hielt sich an den ihr soeben erteilten Rat und versuchte sich mit Schwimmen, Lesen, Essen und Trinken abzulenken. Dabei arbeitete ihr Gehirn stetig im Hintergrund weiter und suchte dabei nach Auffälligkeiten, Hinweisen und Ungereimtheiten. Als sie die Juli-Ausgabe ihrer Frauenzeitschrift bereits zum dritten Mal lustlos durchgeblättert hatte, fiel ihr der Laptop des Hoteldirektors wieder ein. Es gibt also Überwachungskameras. Warum hat der Kerl dann nicht sofort vorgeschlagen am Computer nach Peter zu suchen, wurden die Bilder etwa nicht aufgezeichnet? Das konnte sie sich kaum vorstellen, wo doch Speicherplatz heutzutage kaum noch etwas kostet. Selbst als Juristin kannte man sich da zumindest etwas aus. Oder hat er Kameras dort platziert, wo es normalerweise verboten war – wie etwa in Umkleiden, Duschen, Toiletten oder Pausenräumen der Angestellten? Sie glaubte nicht, dass auf dieser Insel jemals ein solches Gesetz verabschiedet worden war. Verboten wäre das also vielleicht nicht – wohl aber unanständig. Und äusserst geschäftsschädigend, falls Gäste dahinter kommen sollten. So schätzte sie den Hoteldirektor aber nicht ein. Ausserdem glaubte sie, dass diese Bilder auch noch auf anderen Computern, wie zum Beispiel an der Rezeption, zu sehen sein mussten und nicht nur auf dem Laptop des Chefs. Zudem musste es noch eine Security-Abteilung geben. Jedenfalls hatte sie Personal bemerkt, das den Gästen Sicherheit mittels Security-T-Shirt suggerieren sollte.
Oder konnte es vielleicht sein, dass der Direktor sie nicht kompromittieren wollte und er doch gesehen hatte wie Peter im Schlepptau einer anderen Frau die Anlage verliess? Kann ja sein, dass es unter Männern ein Gentleman's Agreement in dieser Richtung gibt und er Peter hiermit die Chance eröffnete, sich bis zu seinem Erscheinen eine gescheite Ausrede auszudenken? Da ihr diese Gedanken keine Ruhe gaben, machte sie sich erneut auf, den Hoteldirektor zu besuchen. Das musste sofort geklärt werden. Als Nicki an seine Tür klopfte erntete sie jedoch keinerlei Reaktion. Als sich nach dem zweiten Versuch immer noch nichts tat, fasste sie sich ein Herz, drückte die Türklinke herunter und fühlte sich hierbei schon fast wie eine Spionin. Als sie sich dagegen lehnte, um sie zu öffnen passierte nichts. Die Türe war verschlossen.
Fast war sie froh darüber, denn sie hatte keinen blassen Schimmer was sie gemacht hätte, wenn sie plötzlich im Büro gestanden wäre. Vielleicht war der Laptop ja weg? Im besten Fall wäre es ausgeschaltet gewesen und mit einem Passwort gesichert. Oder noch schlimmer – vielleicht vernascht der Direktor gerade Julie, die sie soeben nicht an der Rezeption erblickt hatte und er konnte somit gar nicht antworten weil er alle Hände voll zu tun hatte? Bevor sie weitere Spekulationen in diese Richtung anstellte, verschwand sie vor der Türe des Direktors. An der Rezeption erhielt sie die Auskunft, dass er vor fünfzehn Minuten etwas hastig das Büro verlassen habe und erst am nächsten Morgen wieder erreichbar sein werde. Nun hiess es also Geduld haben.
Als Peter am nächsten Morgen aufwachte, fühlte er sich wie gerädert. Schnell hatte er begriffen, dass der gestrige Tag kein Traum gewesen war und er Nicki nicht erleichtert beim Frühstück davon berichten konnte. Diese Wirklichkeit fühlte sich dennoch verdammt unecht an. Er versuchte einmal mehr seine Gedanken zu sortieren und zu rekonstruieren was passiert war. Aber er konnte es nicht, der Filmriss war komplett. Nun blieb ihm nichts andere übrig, als gedankliche Puzzleteile bis hin zu seiner Gedächtnislücke zusammenzusetzen und mit den wenigen Infos, die er zu seinem jetzigen Situation hatte, miteinander zu verbinden.
Zeit scheine ich ja zu haben, sagte er sich und musste wegen dieser Feststellung sogar ein wenig lächeln. Analysieren und Schlussfolgerungen ziehen kann ich doch auch. Also ging Peter in Gedanken grob die Tage und Wochen zuvor durch, um eine Verbindung zu seiner jetzigen Situation zu finden. Er ging dabei äusserst strukturiert vor, indem er gedanklich virtuelle Schubladen bildete, in die er einzelne Zeitabschnitte und Personen ablegte. Seine letzte bewusste Erinnerung war die Tatsache, dass er mit Nicki auf der Insel in den Ferien war. Er musste also die Zeit bis zu dem Punkt rekonstruieren können, an dem 'es' passiert sein musste.
Er holte vorsichtshalber etwas weiter aus und durchforstete zuerst seine Beziehung zu Nicki, suchte nach Auffälligkeiten und seltsamen Situationen – und musste feststellen, dass er einerseits nicht wirklich viel von ihr wusste und dass ihm andererseits überhaupt nichts merkwürdig vorkam. Sie hatten sich auf einer Party in der Stadt kennen gelernt, auf der beide nur sehr wenige Leute kannten und dort fast den ganzen Abend zusammen geredet und getrunken. Zuerst ging die Unterhaltung über die üblichen harmlosen Themen, wie den Job, die Hobbies oder warum es sie gerade in diese Stadt verschlagen hatte. Je später der Abend wurde und je mehr Alkohol schon die Kehlen heruntergeflossen geflossen war, umso intensiver und ernster wurden die Gesprächsthemen. Ziemlich schnell war beiden klar, dass sie sich unbedingt bald wieder sehen mussten und somit tauschten sie ihre Handynummern aus. Zu Peters Erstaunen gingen sie nach der Party getrennt nach Hause, obwohl beide Single waren. Aus seiner Perspektive hätte der Abend durchaus besser enden können, schliesslich hatte er schon ganz schön viel Zeit investiert und alle anderen weiblichen Geschöpfe links liegen gelassen. Zum Glück hatte er als Faustpfand ihre Handynummer. Doch bevor er davon Gebrauch machte, begegneten sie sich wieder zufällig in der Stadt. Das war mehr als ein Zeichen. Von nun an nahmen die Dinge ihren natürlichen Lauf und ein paar Tage später waren sie ein glückliches Paar. Das war nun ungefähr drei Monate her. Durch die Arbeit, die sie beide gut auslastete hatten sie einige Abende unter der Woche und die Wochenenden gemeinsam verbracht. Zusammengerechnet war dies nicht wirklich viel Zeit. Also, was wusste er wirklich von ihr?
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