Nicki dachte nach. Die letzten vier Tage verliefen eigentlich so, wie sie sich es vorgestellt hatte. Wie sie beide es sich vorgestellt hatten. Nachdem das Flugzeug endlich gelandet war und der Bus sie nach einer über einstündigen Fahrt zum Glück im richtigen Hotel abgeliefert hatte, ging der Urlaub richtig los. Das Wetter war prächtig, blauer Himmel und Sonne satt. Es war heiss, aber nicht so heiss, dass man keine Lust mehr hatte, sich zu bewegen. Zudem hatten der Pool und das Meer genau die richtige Temperatur. Nicht einmal Stechmücken, Quallen oder schlechtes Essen beeinträchtigten ihre Erholung. Nach dem Frühstück gingen sie für gewöhnlich wieder auf ihr Zimmer und bereiteten sich auf das Nichtstun vor. Diese Vorbereitung bestand hauptsächlich aus einer gewissenhaften Sonnenbrandprävention, bei der sie sich gegenseitig eincremten. Bis heute hatten sie diese Aktion noch nie beenden können, ohne ihre noch glänzenden Körper aneinander und ineinander zu reiben. Zu anziehend waren ihre ausgezogenen Körper.
Alles schien perfekt zu sein. Sie hatten sich in den letzten Wochen gut aneinander gewöhnt, waren zu einem eingespielten Team geworden und wollten das Zusammensein im ersten gemeinsamen Urlaub so richtig auskosten. Es sich gut gehen lassen, denn sie arbeiteten beide viel und hart und hatten sich diese gemeinsame Belohnung redlich verdient.
Dafür bestens geeignet schien dieses Fünf-Sterne-All-Inclusive Hotel in dem man jederzeit mit allem versorgt war. Ein traumhafter Blick aufs Meer, keine oder kaum Kinder im Hotel, Essen und Trinken wann und so viel man mochte. Einfach an nichts denken müssen, die Zeit geniessen. Essen, Trinken, Sex, Strand, Baden – das waren die fünf bevorzugten Handlungen, die sich je nach Lust und Laune auch noch miteinander kombinieren liessen. Dafür standen in ihren Augen auch die fünf Sterne. Und jeder dieser Sterne war bis dahin verdient. Das einzige an das sie nicht gedacht hatten war, dass sie aufgrund ihrer Jobs bisher noch nie länger als zwei Tage am Stück zusammen waren. Und am Morgen des fünften Tages, beide hatten aufgrund der nicht zu vernachlässigenden Menge konsumierten Alkohols vorsichtshalber schon mal ein Aspirin eingeworfen, war es endlich so weit: Sie gerieten zum ersten Mal aneinander. Peter funktionierte im restalkoholisierten Zustand verständlicherweise noch etwas langsam, gezeichnet von der vergangenen Nacht mit Discobesuch und gleich zwei anstrengenden aber befriedigenden Sessions im Bett. Er schaute dieser provozierend vorbeiwandelnden blonden Arschgeweih-Tussi etwas zu lange und zu wenig unauffällig hinterher und fing sich umgehend einen bösen Blick von Nicki ein:
„Frag sie doch gleich noch nach ihrer Handy-Nummer“,
motzte sie.
„Meinst du, das hat sie in den Ferien dabei?“,
war dann auch nicht ganz die passende Antwort, um den aufkommenden Sturm im Keim zu ersticken. Dabei hatte er nur etwas gedankenverloren studiert, ob die soeben vorbeigewandelten Brüste echt waren oder mit Silikon aufgepimpt wurden. Nur so aus Interesse, quasi aus der analysierenden Sicht des interessierten Technikers. Er hielt sich für einen Experten auf diesem Gebiet und glaubte an den Wippbewegungen erkennen zu können, ob Brüste echt waren oder eben nicht. Aber bevor er sich ein abschliessendes Urteil erlauben konnte, war der erste Streit lanciert. Dieser endete knapp sieben Minuten später damit, dass Peter aufgrund einer mangelnden Verteidigungsstrategie beleidigt sein Handtuch nahm und mit einer Autozeitschrift unterm Arm in Richtung Strand verschwand. Nicki, die demonstrativ in ihre Frauenzeitschrift starrte, liess er am Pool liegen.
Eigentlich dachte Nicki, dass er nach spätestens einer Stunde wieder am Pool stünde. Viele Gründe sprachen dafür. Peter musste noch einen Brand von gestern haben und war sicher ziemlich durstig, ausserdem hatte er sicher bald Hunger, denn um diese Zeit gaben sie sich normalerweise dem Nachmittags-Snack hin, gefolgt von den ersten Drinks des Tages und einem kleinen Quickie auf dem Hotelzimmer. Eine alte viertägige Tradition, die er nicht einfach so aufgeben würde. Zudem benötigte er bald wieder Sonnencreme, ansonsten würde er ziemlich schnell einen Sonnenbrand bekommen. Dass sich Peter nach knapp zwei Stunden noch nicht blicken liess, machte sie noch wütender. Messerscharf kombinierte sie, dass er sich von irgendwoher Sonnencreme für seinen Luxuskörper organisiert haben musste. Und Peter wäre nicht Peter, wenn er hier nicht die für ihn beste und bequemste Variante wählen würde. Diese hatte im Idealfall lange Beine, zwei Brüste und einen geilen Arsch und würde sich netterweise bereit erklären, ihm den Rücken einzucremen. Womöglich war es sogar das Arschgeweih mit den noch nicht zweifelsfrei identifizierten Brüsten. Diese Gedankenspiele liessen Nicki vor Wut fast platzen.
„Aber nicht mit mir, Junge“.
Diesem Gedanken musste nachgegangen werden und so machte sich Nicki auf in Richtung Strand, um Spuren und Beweise zu sammeln. Der Strandbereich für das Hotel war abgetrennt, so dass sie wusste, wo sie suchen musste. Es kam eigentlich nur ein Strandabschnitt von ungefähr zweihundert Metern in Frage. Deshalb ging es auch nicht lange bis sie sein Handtuch entdeckte. Es lag einfach am Strand - in der prallen Sonne, obwohl es noch freie Sonnenschirme gab. Komisch, dachte sie. Das Handtuch war zwar nicht einzigartig, aber in Kombination mit der darauf liegenden Autozeitschrift gab es keine Zweifel. Allerdings lagen Badetuch und Zeitschrift alleine da. Ohne Peter mit seinem Geniesser-Gesichtsausdruck und ohne weitere Accessoires wie darauf drapierte Brüste mit Arsch – mit oder ohne Geweih. Im Wasser konnte sie ihn auch nicht entdecken. So blieb Nicki nichts anderes übrig, als ihn auf der Toilette, im Hotelzimmer oder, im allerschlimmsten Fall, in einem anderen Hotelzimmer zu vermuten. Vorsichtshalber nahm sie das Handtuch mal mit.
Hauptsächlich um ihm eins auszuwischen. Ausserdem würde er ohne Handtuch eh bald zurückkommen. Immer noch wütend ass sie zwei Stücke Kuchen und gönnte sich hinterher die erste Whisky Cola. Zum Abendessen würde er allerspätestens wieder auftauchen und dann müsse man mal sehen, was er für eine Ausrede auf Lager hatte. Die Zeit bis dahin verging rasch, zwei weitere Whisky Cola waren ebenfalls rasch vernichtet, doch Peter liess sich noch immer nicht blicken. Nicki überlegte. Sie waren schliesslich auf einer Insel, sehr weit konnte er also nicht sein. Er würde auch beim Rückflug neben ihr sitzen müssen, egal was bis dahin passierte. Würde er wirklich so etwas tun? Etwas später ging sie alleine zum Abendessen. Lustlos bediente sie sich am Buffet, trank aus Frust etwas zu viel Wein und wankte danach durch die Lobby des Hotels zum Lift, fuhr in den dritten Stock und steuerte auf das als Liebesnest gedachte Meerblick-Zimmer zu, in der Hoffnung nun dort endlich auf Peter zu treffen und ihm ordentlich die Meinung geigen zu können. Mit Unterstützung des Alkohols hatte sie sich ein gewaltiges Plädoyer zurechtgelegt.
Als sie ihren Blick durch das grosszügige Zimmer schweifen liess, stellte Nicki schnell fest, dass Peter noch nicht wieder zurück war. Die Klimaanlage lief auf Hochtouren und hatte den Raum spürbar heruntergekühlt. Die beiden Sessel standen noch genau gleich, Peters Klamotten vom Vortag lagen immer noch akkurat vom Zimmermädchen zusammengelegt auf dem Bett und sogar der Fernseher hatte noch den gleichen Kanal gespeichert. Das wusste sie genau, da sie ihn ausgeschaltet hatte. Wäre Peter hier gewesen, hätte er bestimmt einmal durch die Kanäle gezappt und wäre wohl nicht in diesem Sender hängen geblieben. Es lag also alles noch genauso da, wie sie es gemeinsam nach dem Frühstück zurückgelassen hatten. Als sie sich kurz darauf fluchend ins Bett legte und den Fernseher anmachte, zeigte der Alkohol seine Wirkung. Sie dachte noch, dass Whisky Cola nicht ideal mit Rotwein harmoniert und musste als erste Massnahme einen Fuss aus dem Bett strecken um zu bremsen, als das Bett vermeintlich anfing sich zu drehen. Dann schlief sie wider Erwarten ein. Mitten in der Nacht wurde sie plötzlich wach und steuerte zielstrebig schnellen Schrittes auf die Toilette zu, um sich so einiges nochmals durch den Kopf gehen zu lassen. Nach ein paar grossen Schlucken Wasser aus der Flasche ging es ihr etwas besser, doch da sie noch keinen klaren Gedanken fassen konnte, legte sie sich wieder hin und schlief durch bis zum Morgen. Nachdem Nicki zwei Aspirin gefrühstückt hatte, beschloss sie, Peter zu suchen. Denn nun war sie langsam aber sicher überzeugt davon, dass ihm irgendetwas zugestossen sein musste. Die Wut war über Nacht verflogen. Nun begann sich die Sorge breit zu machen.
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