Als er die Augen erneut öffnete stellte er fest, dass die Sonne nicht mehr gegen die Gardine schien. Die Spinne langweilte sich nun an der gegenüberliegenden Wand und wartete noch immer auf ein dankbares Opfer. Er musste also einige Zeit ohnmächtig gewesen sein oder geschlafen haben. Und wer weiss wie oft die Spinne hin und her lief, während er weggetreten war. Der nächste Versuch - noch mal von vorne - er versuchte, klare Gedanken zu fassen:
„Wo bin ich? Und warum bin ich hier? Und seit wann überhaupt? Und dann noch gefesselt? Und warum dröhnt mein Schädel so fürchterlich als hätte ich gestern mehr als eine Flasche Rum getrunken? Und ausserdem muss ich pissen! Super. Trotzdem erst mal nachdenken. An was kann ich mich erinnern? Was habe ich zuletzt gemacht? Wo war ich? Und wer bin ich eigentlich noch mal? – Und wie bitteschön, soll man mit diesem Schädel auch nur einen klaren Gedanken fassen können?“
Dass er sich diese Fragen einmal stellen musste, hätte Peter zuvor nicht gedacht. Vor allem die Frage nach dem 'wer bin ich?' ist in einem normalen Leben eigentlich überflüssig. Aber offensichtlich musste das sein, um seine Gedanken zu ordnen, sie in eine Reihenfolge zu bringen. Vielleicht fiel ihm dann ganz schnell wieder ein, wie er in diese beschissene Lage kommen konnte. Im Moment lautete die Selbstdiagnose nur: Blackout. Drogen nahm er nicht, zumindest nicht freiwillig, somit kamen nur noch Alkohol oder ein Unfall in Frage. Beides sagte ihm momentan nichts. Es half also nichts, er musste graben, in der Zeit zurückgehen und sich von hinten dem Punkt nähern, an dem der Aussetzer passiert war. Wichtig waren vermutlich die letzten paar Tage, bevor 'es' passiert ist. Wacht ein normaler Mensch eines Tages mit starken Kopfschmerzen auf und findet sich wieder, gefesselt an ein Bett, in Gesellschaft einer schwarzen Spinne, in einem ihm unbekannten Raum? Vermutlich nicht.
Eigentlich war er ein ganz normaler Kerl wie er fand. Nicht zu dünn, nicht zu dick, ein trainierter Sportler mit einer guten Figur und nicht zu vielen Muskeln. Mit 1 Meter 84 und Schuhgrösse 43 war er der perfekte Durchschnittsmensch. Aber ein verdammt gut aussehender. So wie viele gerne wären - rein äusserlich zumindest. Darauf war er stolz, obwohl er wusste, dass er nicht wirklich etwas dafür konnte, genetisch bevorzugt zu sein. In diesem Punkt hatte er einfach Glück gehabt. Aber nun lag er hier. Er war kein Verbrecher, Drogendealer, Mörder oder Ähnliches. Bei der Polizei konnte er also nicht gelandet sein. Er war auch kein Säufer oder Junkie. Aber woher kam dann der Filmriss? Was konnte dann sonst passiert sein? Ein Unfall? Eine Entführung? Er konnte sich an nichts erinnern. Hätte man ihn jetzt nach dem aktuellen Jahr oder gar dem Datum gefragt, er hätte passen müssen. Sein Gehirn war für den Moment überfordert, zu viele Gedanken wollten gleichzeitig gedacht, zu viele Fragen gleichzeitig beantwortet werden. Die Leistung war beeinträchtigt, wie bei einem Reboot. Seine Gedanken schweiften dauernd ab, er konnte sie einfach nicht festhalten, sie glitschten ab wie ein nasses Stück Seife, das einem aus der Hand fiel. Dabei versuchte er doch nur, herauszufinden ob er aus irgendeinem Grund ein schlechtes Gewissen haben müsste.
Peter holte etwas weiter aus. Gut, er war früher manchmal ein Arschloch gewesen. Vor allem Frauen gegenüber. Er dachte, er könne sich das erlauben, weil die Frauen auf ihn abfuhren. Und – so hatte er es sich jahrelang zurecht gelegt – sie fuhren auf ihn ab, gerade WEIL er sich wie ein Arschloch verhielt und natürlich weil er gut aussah. Aber das hatte er sich nicht direkt vorzuwerfen. Die Frauen waren selber schuld. Dieses Verhalten des weiblichen Geschlechts konnte er zwar nicht nachvollziehen, akzeptiert hatte er es natürlich, denn es kam ihm mehr als gelegen. In diese Rolle wurde er aufgrund seines Erfolgs ja geradezu gedrängt. Sie wollten es so. Never change a winning system. Und somit konnte er sein Leben in vollen Zügen geniessen. Einmal hatte er durch einen unglücklichen Zufall zwei Freundinnen parallel, da musste er tierisch aufpassen und nichts durcheinander bringen. Gesucht hatte er diese Situation nicht und moralisch verwerflich fand er sein Verhalten damals eigentlich auch nicht. Konnte man sich gegen seine Gefühle wehren? Was konnte er denn dafür, wenn sein Herz für zwei Frauen gleichzeitig schlug? In anderen Kulturen war dies eine Selbstverständlichkeit – da war man mit zwei Frauen eher unterer Durchschnitt. Die anerzogene Monogamie der abendländischen Kultur hatte ihn jedoch schnell wieder auf den Boden westeuropäischer Tatsachen zurückgeholt. Es gab mächtig Ärger und am Ende stand er alleine da. Eins plus eins konnte also auch null sein. Eine wichtige Lektion, denn diese Situation war alles andere als lustig und er hatte sich geschworen, von da an anständiger zu werden. Schliesslich war er zu diesem Zeitpunkt schon fast dreissig Jahre auf dieser Welt und seine Eltern hatten sich schon lange von ihrem weissen Resopal-Küchentisch getrennt. Diese wilde Zeit lag nun über vier Jahre zurück – und seitdem hatte er sich nichts mehr vorzuwerfen. Er war davon überzeugt, nun erwachsen geworden zu sein, bereit für die nächsten Schritte im Leben. Mit dieser schnellen Selbstanalyse kam er der Lösung seines nun äusserst dringlichen Problems aber keinen Schritt weiter.
So reiste er gedanklich noch weiter zurück und landete unweigerlich in der einzigen finstersten Grube seiner Vergangenheit. Er erinnerte sich an die eine Situation, die er jahrelang ziemlich erfolgreich aus seinem Gedächtnis verbannt hatte. Damals war er neunzehn Jahre alt gewesen und mit zwei Kommilitonen in den Semesterferien auf Ibiza gewesen. Es war die Zeit, in der Schaumparties in Discotheken der letzte Schrei waren und auch die Zeit, in der sich die jungen Studenten unwiderstehlich fanden. Sie hatten zwar noch kein Geld, dafür gehörte ihnen schon die Zukunft. Er erinnerte sich zurück an jenen Abend an dem er mit seinen beiden Kumpels an einer solchen Schaumparty war. Das schlechte Gewissen hatte ihn nach so vielen Jahren hier in diesem Bett wieder eingeholt. Aus dem ersten Fremdschämen für betrunkene Engländerinnen, aus dem vermeintlichen Jackpot eines schnellen Sex-Abenteuers war innerhalb weniger Stunden ein vermutlich lebenslanger Albtraum geworden, der ihn immer wieder einholte, wenn ihm etwas unerklärlich erschien. Wie jetzt.
Dies war die einzige Situation in seinem Leben, die so dunkel angehaucht war, dass sie lange Schatten warf, das Einzige für das er bisher keine Quittung erhalten hatte. Doch das war lange her und immer seltener wurde er daran erinnert. So sehr er es versuchte, es gelang ihm nicht, eine Verbindung mit der damaligen Situation zu konstruieren. Vielleicht wurde er stattdessen einfach mit einer anderen Ungerechtigkeit bestraft, die gar nichts damit zu tun hatte? Peter wusste, dass das Leben grundsätzlich nicht gerecht ist. Dinge geschahen einfach. Hatte es jetzt einfach ihn getroffen? Möglich. Fatalismus.
Seit die Erinnerungen an damals verblassten, meldete sich das schlechte Gewissen nur ab und an. Wie ein guter Schweizer Käse war er in dieser Zeit zu einem seriösen, erwachsenen Menschen gereift. In diesem Abschnitt seines Lebens hatte er einen anspruchsvollen Job, wollte Karriere machen und Geld verdienen. Das erste Leben war zur Seite gestellt worden, ein neues hatte begonnen. Gesundheit, die richtige Frau und Geld – das war seine Glücksformel fürs Leben dessen Rest es noch zu leben galt. Und passend zu seinem neuen, seriösen Leben hatte sich auch tatsächlich eine neue Frau an seiner Seite eingefunden. Und was für eine! Wie als Belohnung für sein in seinen Augen nun vorbildliches und erwachsenes Verhalten. Alles lief also bestens, sogar mit langfristigen Plänen, Träumen und Wünschen für die Zukunft.
Er war ein Glückskind. Eigentlich.
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