An der Rezeption fing sie mit ihrer Detektivarbeit an. Für gewöhnlich waren dort immer zwei bis drei Personen anwesend, die sich um die Anliegen der Gäste kümmerten. Nicki wunderte sich nicht, dass sich ausgerechnet die hübscheste der Damen an der Rezeption an Peter erinnern konnte, sie wusste sogar noch was er für Kleider anhatte, als sie ihn das letzte Mal gesehen hatte. Normalerweise wäre ihr das sauer aufgestossen, doch in Anbetracht der Situation sah sie grosszügig darüber hinweg. Doch leider konnte die hübsche Julie, sie hatte ein Namensschild an der prall gefüllten Bluse, auch nicht helfen, da sie ihre Arbeit erst am Morgen begonnen hatte. Ihre Kollegin sowie ein weiterer männlicher Mitarbeiter hatten denselben Schichtplan und konnten somit auch nichts beitragen. Sie unterliess es, die beiden zu befragen. Dafür erfuhr sie von Julie, dass die beiden Kollegen, die am vorigen Nachmittag und Abend Dienst hatten, heute wieder um 14.00 Uhr anfangen würden. Vielleicht konnten die ja dann helfen? Bis dahin wollte Nicki weitere Recherchen anstellen.
Sie ging also zurück in Ihr Zimmer und fuhr ihren kleinen Laptop hoch, den sie unterwegs sowohl geschäftlich als auch privat nutzte. Im Urlaub blieb er zwar meistens aus, doch benutzte sie ihn ab und zu um nach E-Mails zu sehen und um mit Freunden in Kontakt zu bleiben. Heute nutzte sie ihre lieb gewonnene Infrastruktur, um die bisherigen Urlaubsfotos von ihrer Digitalkamera hochzuladen. Sie wählte ein Bild aus, auf dem Peter ihrer Meinung nach besonders gut getroffen war, lud es auf einen memory stick, ging damit zur Rezeption und bat Julie, es für sie in Farbe auszudrucken.
So fragte sie mit dem A4-grossen Farbausdruck des Fotos in der Hand der Reihe nach alle Angestellten, die sie finden konnte. Carlos, den immer fröhlichen Mann an der Bar, zwei Kellner, die inkognito, ohne Namensschilder an der Brust, gerade Kaffeetassen hin- und her trugen und einen ebenfalls namenlosen Putzmann der versuchte den Boden begehbar zu halten, da dieser gegen Ende der Frühstückszeit so aussah, wie er vermutlich bei einem All-Inclusive-Angebot aussehen muss. Offensichtlich bedeutete ein Fünf-Sterne-Hotel nicht automatisch, dass das Verhalten der Gäste gleich viele Sterne verdient hätte. Alle Angestellten hatten eines gemeinsam: sie konnten sich nicht daran erinnern, Peter seit gestern Vormittag gesehen zu haben.
Sie erweiterte Ihren Suchradius und fragte ausserhalb des Hotelgebäudes weiter. Die Hotelanlage war ziemlich weitläufig, selbst wenn man den Hotelstrand nicht mitrechnete. Neben der Vorfahrt zum Hotel, die selbst für grosse Busse ausreichend Platz bot, befand sich ein Stück täglich sorgsam gepflegter Rasen, im Anschluss daran war eine ungefähr zwei Meter hohe, blickdichte Hecke und direkt dahinter die geflieste Terrasse des Frühstücks-Restaurants. Als Nicki die Terrasse betrat, waren nur noch zwei einzeln reisende Damen, ein Herr mit dem gleichen Schicksal, zwei Paare um die dreissig und eine Familie mit zwei kleineren Kindern anwesend. Sie genossen die Ruhe und den Schatten unter den Sonnenschirmen. Nicki machte die Runde und befragte sie alle. Doch ihren Freund Peter hatte in der fraglichen Zeit niemand gesehen. Der einzelne Herr, der sich als Patrick aus Rotterdam vorgestellt hatte, bot sich jedoch an, ihr bei der Suche zu helfen. Als Nicki sich mit Peters Bild zu ihm heruntergebeugt hatte, linste Patrick Nicki jedoch einen Tick zu auffällig und zu lange in den Ausschnitt. Bestimmt war er mit dem erhaschten Blick hochzufrieden, doch Nicki vermutete, dass dies der eigentliche Grund für die angebotene Hilfe war und lehnte dankend ab.
Hinter der Terrasse zweigten zwei Wege ab. Der eine führte in Richtung der Sportanlagen wo man Tennis, Boules und Beachvolleyball spielen konnte. Der andere Weg führte zur Poolanlage mit den beiden Poolbars. Nicki wählte für ihre weitere Suche die Poollandschaft, weil sie bei der nun allmählich aufkommenden Mittagshitze niemanden beim Sport vermutete. Dort angekommen, traf sie auf zwei der ewig zu gut gelaunten Animateure. Cristiano und José. Sie waren gerade dabei Polster auf den Liegestühlen zu verteilen und Sonnenschirme aufzuspannen und schienen ansonsten nicht wirklich viel zu tun zu haben. Ihr 'richtiger' Job begann etwas später, denn fairerweise wurde die Animation, die bekanntermassen nicht jedermanns Sache ist, erst ab 15.00 Uhr hochgefahren.
Als Nicki auf die beiden Gute-Laune-Profis zusteuerte warfen sie sich einen viel sagenden, typischen Männerblick zu. Einen von der Sorte, bei dem sofort klar wurde, dass die beiden sich gerne sehr intensiv mit Nicki beschäftigt hätten. Dass Peter nicht dabei war, schien ihnen gerade recht zu sein. Nachdem sie den beiden erzählt hatte, dass sie Peter seit einem Tag suchte, fanden sie es angesichts des durchaus beeindruckenden Körperbaus von Nicki nicht so tragisch, dass Peter noch nicht wieder aufgetaucht war. Sie vermuteten – wahrscheinlich nicht ganz uneigennützig – dass Peter etwas mit einem anderen weiblichen Gast hatte. Oder aber, was anscheinend ebenfalls öfter vorkam, dass er mit einer einheimischen Angestellten das Hotel verlassen hatte. Dann käme er spätestens am Tag danach reumütig wieder zurück, doch dies hätte schon so manche Beziehung gekostet.
Na vielen Dank auch! Das war genau die Information, die Nicki gebrauchen konnte. Aber warum sollte Peter sie mit einer einheimischen Hotelangestellten betrügen? Sie war zwar eifersüchtig, doch hatte sie Peter ganz anders eingeschätzt. Sie wusste um ihre körperlichen Vorzüge und auch um ihre Qualitäten in Bett, welche ihr mehrfach unaufgefordert von unterschiedlichen Männern bestätigt wurden. Sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass sie Peter dahingehend nicht genügen könnte. Dazu hatten die beiden bislang zu viel Spass im Bett. Ausserdem müsste er dann – sollte sie sich tatsächlich derart in ihm getäuscht haben – ja langsam aber sicher wieder auf der Anlage auftauchen.
Der hoteleigene Baywatch-Mann Enrique hatte nach Nickis Ansicht bestenfalls zwei Sterne verdient. Er sah aus wie ein David Hasselhoff für Arme, zwar relativ jung, ein gutes Stück kleiner, dafür mit einem Bäuchlein gesegnet, welches vom Herumsitzen an Strand und Pool sowie von seinem undisziplinierten Lebenswandel im Hotel zeugte. An Peter konnte er sich überhaupt nicht erinnern. Er interpretierte seinen Job wohl relativ einseitig und benutzte sein Fernglas eher für spannende Beobachtungen am Strand, die wohl selten etwas mit Männern zu tun hatten. Auch weitere Angestellte, die entweder lustlos am Gärtnern waren, irgendetwas aufräumten oder sauber machten, hatten keine Ahnung wo Peter stecken könnte. Also ging Nicki wieder zurück an die Rezeption und verlangte mit dem Hotelmanager sprechen zu können. Man versprach ihr, dass er in einer Stunde anwesend sein würde und sie dann mit ihm reden könnte. In der Zwischenzeit ging sie noch einmal das ganze Hotelareal ab und fragte noch den ein oder anderen Gast, ohne jedoch einen Hinweis zu erhalten.
Der Hotelmanager empfing sie eine Stunde später in seinem Büro. Nicht schlecht, dachte sie. Ein wunderschöner, riesiger dunkelbrauner Holzschreibtisch mit einem Laptop darauf und einem Stapel weissem, unbeschriebenem Papier auf dem ein schicker Montblanc Füller in einem Ständer mit einem Marmorfuss steckte. Direkt neben dem Papierstapel stand das obligatorische Tintenfässchen – natürlich randvoll. Alles sah sehr aufgeräumt und geordnet aus.
„Das habe ich von meinem Vater geerbt“, sagte er spontan auf Deutsch mit einem kleinen schweizerischen Akzent, als er Nicki’s irritierten Blick sah. Er hatte sich demnach vorbereitet. Sie erwiderte mit einem wissenden Nicken. Sein Bürostuhl war ebenfalls vom Typ „Chefsessel“. Ganz in dunkelbraunem Leder und einer kopfhohen Rückenlehne. Vor dem Schreibtisch waren zwei bequeme Besucherstühle platziert. Hier sitzen also alle, die sich über irgendetwas beschweren möchten, dachte Nicki. Schön mit einem Schreibtisch dazwischen, damit der gebührende Abstand zum Herrn Hoteldirektor gewahrt wird. An der weissen Wand waren einige Fotos der Hotelanlage in silbern glänzenden Metallrahmen aufgehängt. Ein Aktenschrank, ein dunkelbraunes, zum Schreibtisch passendes Ledersofa, ein Glastisch, eine kleine Palme sowie eine eingebaute Klimaanlage komplettierten das Ensemble. Ziemlich geschmackvoll, dachte Nicki – gar nicht übel.
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