„Nun … das ist nicht gerade mein Fach – damit habe ich mich noch nicht näher beschäftigt“, erwiderte ich verblüfft. „Aber was in aller Welt bringt Sie denn bloß auf so abwegige Spekulationen?“
„Wir unterhielten uns über neuere Entwicklungen in der Politik, Frank. Bemerkenswert viele bedeutende Politiker sind unerwartet schnell verstorben. Herzattacken, Lungenleiden. So etwas dürfte doch rechtzeitig zu diagnostizieren sein, oder? Erst recht bei Persönlichkeiten, die in der Öffentlichkeit stehen. Ich meine: beim gegenwärtigen Stand der Medizin? Gestern, während des Essens, äußerte jemand den Verdacht, Alfons Zapata, der mexikanische Revolutionspolitiker, sei nicht einfach nur so einer Leberinfektion erlegen. Dahinter stecke mehr. Seine politischen Gegner – verstehen Sie?“
„Ehrlich gesagt, nein.“
„Gütiger Himmel, sind Sie wirklich so naiv?“
„Wer verbreitet denn solchen Unsinn?“, fragte ich.
„Sie haben schon verstanden, Frank.“ Elvira entzog mir ihre Hand, und ich roch ein wenig von dem Parfüm, mit dem sie vergeblich versuchte, die Verlockungen ihres körpereigenen Hormons und die Anstrengung ihrer Achselhöhlen durch ein schales Industrieprodukt zu ersetzen.
Die frühe Morgenstunde schien Elviras Anziehungskraft noch zu verstärken. Meine Begierde nahm seltsame Proportionen an. Erst ein kräftiges Knurren ihres leeren Magens riss mich wieder in die Wirklichkeit zurück.
„Was ist los mit Ihnen Frank?“
„Wir sind alle ganz verrückt nach Ihnen, Elvira. Sehen Sie sich bloß Bertrands seibernde Lippen an. Ich glaube, Asch hat Sie eingeladen, um etwas Schwung in den Laden zu bringen – um uns allen den Kopf zu verdrehen?“
„Wenn Sie wollen, gehen wir alle rauf in mein Zimmer und vertreiben uns die Zeit mit ‘nem flotten Dreier?“, meinte sie. „Ernsthaft, Bä-ä-r-tra-nd! – brächten Sie das fertig? Ich meine, wozu ist Ihr Rohr sonst gut?
Sie müssen sich nur darauf gefasst machen, dass mein Zimmer wie eine Scheune voller Seegras riecht. Scheint schon seit ein paar Jahren nicht mehr gelüftet worden zu sein. Aber die Matratze ist in Ordnung.“
Bertrand musterte sie ungläubig, die personifizierte Fassungslosigkeit. Sein Blick wanderte zwischen mir und Elvira hin und her, als hätten wir ein entsetzliches Komplott gegen ihn in Szene gesetzt. „Danke“, murmelte er schließlich. „Ein andermal vielleicht. Ich bin leider zum Frühstückmachen verdonnert – Büfett und so weiter. Karl hat nicht genug Personal angemietet, um den Laden zu schmeißen. Außerdem ist um zehn Uhr Klubgründung.“
Damit verschwand er, nicht ohne mir einen Blick zuzuwerfen, der bedeuten sollte: Ich krieg dich schon noch zu fassen, Frank Sander. Und dann gnade dir Gott!
„‘n bisschen arg altmodisch, unser Bertrand, was, Frank?“
„Sie hätten ihn nicht so vor den Kopf stoßen sollen, Elvira. Die Gefühle alter Kerle sind was Kostbares, man muss pfleglich mit ihnen umgehen.“
„Er klebt seit gestern Abend an mir. Wie am Fliegenfänger, Frank. Als ich heute Morgen meine Zimmertür aufmachte, stand er mit einem Besen davor. Ich glaube, er hat die ganze Nacht den Korridor gefegt und darauf gewartet, dass ich meine Schuhe vor die Tür stellen würde.“
„Um sie zu putzen?“
„Er hatte Lappen und Bürste dabei.“
„Ja, er ist sehr ordentlich, der geborene Lakai. Als er noch die Berliner Sektion leitete, achtete er immer streng auf die Kleidung seiner Agenten.“
„Mehr als auf die Strategie seiner Gegner, Frank.“
„Es war eine jener zahllosen Marotten, die ihm schließlich das Genick brachen.“
„Haben Sie schon gehört, welche Aufgabe Asch ihm bei unserem Treffen zugedacht hat?“
„Nein, welche?“
„Er ist sein Stellvertreter .“
Ich betrat den Frühstücksraum mit gemischten Gefühlen. Die Atmosphäre knisterte vor Erwartung wie zur Weihnachtsbescherung einer vielköpfigen Familie.
Den Christbaum ersetzte dabei das kleine erhöhte Rednerpult an der Frontseite des Saals. Es sah aus, als sei es aus irgendeiner nahe gelegenen Grundschule entwendet worden: glanzloses, bleiches Limbaholz, auf dem zahllose Schülergenerationen mit Bleistift, Tinte und Taschenmesser ihre Schmähungen hinterlassen hatten.
Asch saß – nein, man musste schon sagen, residierte – am festlich gedeckten Tisch vor der Rednertribüne und betrachtete mit sichtlichem Vergnügen das Getrampel um sich her.
Er hatte sich nicht mit dem kargen kontinentalen Frühstück begnügt, das hier üblich gewesen wäre, sondern ein langes Büfett auffahren lassen.
Vor den Pfannen und Töpfen spielten sich Szenen ab, die lebhaft an das Gedränge auf dem Jahrmarkt oder beim Schlussverkauf erinnerten.
Eine bekannte Stimme rief mir zu:
„Sander … die gebratenen Champignons, exzellent …“‚ doch ehe ich mehr als den Rücken und Ausschnitt seiner Schulter wahrnehmen konnte, verlor ich ihn wieder aus den Augen, weil mir jemand den Ausgießer einer eisernen Kaffeekanne in die Seite rammte.
Ich entschloss mich, das Tohuwabohu lieber aus der sicheren Deckung des Säulenrundgangs zu beobachten. Dort waren zwei Türen mit der Aufschrift ‚Notausgang’.
Eine unbestimmte Furcht, die ich immer beim Anblick eines so unkontrollierbaren Haufens von Wirrköpfen empfinde, sagte mir, dass, wenn jetzt ein Feuer ausbräche, die Hälfte aller Frühstücksgäste zu Tode getrampelt würde.
Die Gaskocher unter den Töpfen und Schalen sahen nicht so aus, als hätten sie seit Kaiser Wilhelms Zeiten jemals die Gnade irgendeiner Wartung oder Pflege erhalten. Außerdem war mir beim Anblick des Gedränges der Appetit vergangen.
Aschs Rede, als das Klappern der Tassen und Teller nach dem endlosen Zug der Lemminge halbwegs verstummt war, mutete ein wenig an wie die Beschwörungen und düsteren Zukunftsvisionen eines frühchristlichen Propheten. Ich wusste, worauf er hinauswollte, aber sein Anliegen bekam durch das neue, ungewohnte Gewand seiner Worte unverhofften Glanz. Ich glaube, niemand hatte gewusst, dass er ein so begabter Redner war. Er begann taktisch klug mit einem Exkurs über die Langeweile. Kein Krebs, kein Herzleiden sei von so schleichender, zerstörerischer Heimtücke wie ein Leben ohne Aufgabe. Das beifällige Gemurmel, das sich über den von satter Müdigkeit gezeichneten Gesichtern erhob, zeigte an, dass er einen Nerv getroffen haben musste.
„Die Teilhabe“, rief er, „die Teilhabe an allem, was uns politisch angeht – ist das etwa eine vermessene Forderung, Freunde? Und sind wir nicht dank unserer erfolgreichen Arbeit und langen Erfahrung für gewisse Aufgaben geradezu prädestiniert? Wo stände das freie Europa heute ohne uns?“
Dann folgte eine verblüffend genaue Analyse vergeudeter Kräfte und Fähigkeiten. Im Grunde sei alles noch so wie früher. Auch wenn ein paar Ignoranten in den Diensten das niemals einsehen würden.
Jeder Gerontologe bestätige, wie leistungsfähig der Verstand selbst noch im hohen Alter bleibe, wenn man ihn nicht durch überflüssige Ruhigstellung hemme.
Er rate niemandem, sich wie einst die Tage und Nächte an irgendwelchen zugigen Grenzübergängen um die Ohren zu hauen und mit dem Nachtglas nach verloren gegangenen Agenten Ausschau zu halten.
„Keine nervenaufreibenden Beschattungen in feindlichem Territorium, Freunde, kein Nahkampf mit dem Messer. Das erledigen andere für uns. Wir leisten nur die geistige Arbeit, mehr verlangt man nicht von uns …“
Danach kam er auf sein eigentliches Anliegen zu sprechen. Er redete von politischer und moralischer Erneuerung, von der Notwendigkeit eines Klubs, den er dazu ins Leben rufen wolle – den Klub der Veteranen .
Ein „Gremium der Alten und Weisen“, wie er mit beschwörender Stimme erklärte, das – seit langem überfällig – nun endlich in die Entwicklung eingreifen werde. Als er beim Thema Druck angelangt war – Druck durch gezielte Informationen –‚ verließ ich den Saal und ging hinauf in das umbaute Verandacafé von dem aus man das Hotelportal und die Zufahrt überblicken konnte.
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