1 ...6 7 8 10 11 12 ...27 Über eine helle Holztreppe schritten sie vorsichtig in den ersten Stock. Doch alle Vorsichtsmaßnahmen waren überflüssig, sie waren allein im Haus. Markus Backhaus musste hier auch allein gelebt haben, denn in seinem Kleiderschrank fanden sie nur Herrenkleidung in Größe 48. Nicht einmal eine zweite Zahnbürste war im Badezimmer zu entdecken. Und alles war sauber, super sauber, für einen alleinstehenden Mann fast zu sauber.
»Der hat sicher eine Putze. Wie das alles hier glänzt«, merkte Melanie neidisch an, als sie das hell geflieste Badezimmer untersuchte.
Der letzte Raum ihrer Entdeckungsreise durch die Gemächer des Toten, war das Arbeitszimmer. Ein riesiger grauer Schreibtisch, ein großer Monitor, einige Bücherregale mit Romanen von Black Beth, Joanne K. Rowling, Stephenie Meyer und Stephen King und von ein paar unbedeutenderen Schriftstellern, wie Thomas Plischke und Max Brooks. Aber alles Fantasie oder Horror.
»Hier brütete also Markus Backhaus alias Black Beth seine Fantasien aus. Auch wenn er hier gearbeitet haben soll, es sieht alles so unbenutzt aus. Wie schreibt er denn seine Manuskripte, mit Bleistift oder Kugelschreiber per Hand und auf Briefpapier?«
»Du hast Recht, Alois, das sieht alles so aufgeräumt aus. Hier steht nicht mal ein Rechner oder ein Laptop herum.«
»Das stimmt. Hier kommen wir erst einmal nicht weiter. Kann es sein, dass Backhaus seinen Laptop in seinem Wagen hat?«
»Das werden wir überprüfen müssen. Wenn hier nicht alles so sauber wäre, würde ich sagen, es ist uns jemand zuvor gekommen, hat den Rechner des Toten mitgenommen und was weiß ich noch alles, und dann hier Klar Schiff gemacht. Es gibt kein einziges Staubkörnchen im ganzen Haus. Klinisch rein. Wer lebt so?«
»Ein Spinner. Sicher kein Messie.«
»Gehen wir Alois, es ist spät. Ich hatte gedacht, wir finden etwas.«
»Schicken wir Zeidler und Schaurig hin. Sie sollen sich morgen viel Zeit nehmen.«
»Schurig, Alois, Schurig, heißt er.«
»Obwohl der Name Schaurig zu unserem Fall besser passen würde.«
Nach den üblichen Formalitäten, einem kurzen Gespräch mit der Staatsanwältin Claudia Lehner und der Entsendung der Spurensicherung ins Haus des Toten, machten sich Alois und Melanie am nächsten Tag ein weiteres Mal nach Erding auf, um dem Sauna-Paradies einen Besuch abzustatten.
Doch so leicht, wie sie sich das vorstellten, war es nicht. Die Dame an der Kasse wollte sie auf keinen Fall ohne Badebekleidung oder Bademantel in die Wellness Oase hineinlassen.
Kreithmeier plusterte sich wie ein Pfau vor ihr auf und drohte sogar mit der amtsärztlichen Schließung der Sauna-Anlage, doch die Dame gab nicht klein bei.
»Da könnte ja jeder kommen. Sprechen Sie mit unserem Geschäftsführer. Ich lasse Sie auf jeden Fall nicht rein. Nur über meine Leiche.«
»Damit würde ich im Moment nicht spaßen. Das kann schneller kommen als Sie es wollen. Eine Leiche haben Sie ja schon«, zischte der Kommissar.
»Um was geht es denn?«, fragte der Geschäftsführer mit einem überhöflichen Lächeln auf den Lippen als er die Ausweise der beiden Kriminalbeamten genauestens untersuchte.
»Folgen Sie mir bitte in den Verwaltungstrakt. Wir sollten die Angelegenheit nicht vor unseren Gästen besprechen.«
Er führte sie in sein Büro und bat sie, sich zu setzen.
»Was kann ich für Sie tun, und wieso sind Sie von der Kriminalpolizei? Der Verstorbene kam doch durch einen natürlichen Tod ums Leben. So schlimm und so traurig das alles für uns ist – die lokale Presse ist heute voll davon – was hat das nun mit Ihnen zu tun?«
»Was wir jetzt besprechen muss in diesem Raum bleiben. Es wäre besser für Sie und auch besser für unsere Ermittlungen.«
Der Geschäftsführer lehnte sich zurück und fragte besorgt: »Ermittlungen? Was für Ermittlungen? Ich denke, es ist alles in Ordnung.«
»Das ist es leider nicht. Nun zurück zu meiner Frage. Bleibt alles in diesem Raum: Ja oder Nein?«
»Um Himmelswillen, natürlich. Warum auch nicht. Um was geht es denn?«
»Es gibt Hinweise dafür, dass Markus Backhaus, der Mann, der in Ihrem Solestollen verstorben ist, nicht eines natürlichen sondern eines unnatürlichen Todes gestorben ist.«
Der Mann sah den Kommissar an und sagte nichts. Er blickte ihn unverständlich an. Melanie sagte daraufhin: »Und jetzt das Ganze nicht in Beamtendeutsch. Der Mann ist ermordet worden. Basta.«
Jetzt hatte er es begriffen und beugte sich konspirativ zu ihnen vor.
»Mord? Ein richtiger Mord? Hier in der Therme? Sie machen Scherze?«
»Leider nicht. Verstehen Sie jetzt, dass das alles unter uns bleiben muss?«
»Ja selbstverständlich. Um Gotteswillen. Würde die Presse davon Wind bekommen, das wäre ein Desaster.«
»Oder auch nicht«, feixte Melanie, »das könnte auch eine gute Marketingstrategie sein: Aufguss des Todes. Wer will nicht mal an einem echten Tatort sein?«
»Frau Schütz, wie können Sie nur .....«
»War nur so eine Idee. Entschuldigung.«
»Kommen wir zurück zu unserem Anliegen«, sagte Kreithmeier und blickte den Geschäftsführer forschend an, »wir wollen uns einmal den Tatort näher anschauen, und zwar unauffällig, wenn es geht. Und wir wollen den jungen Mann sprechen, der gestern um 12 Uhr die Verantwortung für den Salzaufguss hatte. Hat der heute Dienst?«
»Nun, zu dem jungen Mann, da muss ich in den Dienstplan sehen, das lässt sich sehr leicht vereinbaren. Wenn er heute Schicht hat, dann lasse ich ihn hier in mein Büro bringen, da sind sie ungestört mit ihm. Was aber den Tatort betrifft, und ich wiederhole noch einmal Ihre eigenen Worte – unauffällig – da kann ich sie nur bitte, mit Saunabekleidung den Wellness Bereich zu betreten. Wie würde das denn aussehen, wenn zwei Leute mit Straßenkleidung durch unseren FKK Bereich stolzieren. Ich helfe Ihnen aus mit zwei Bademänteln und zwei Handtüchern. Mehr kann ich nicht tun. Ihre Straßenkleidung bleibt draußen. Basta.«
»Aber....«
»Kein Aber. Und wenn Sie mit der ganzen Polizeidienststelle kommen. Wir haben heute über 2.000 Gäste im Haus. Nehmen Sie mein Angebot an oder lassen Sie es. Sie kommen mit normaler Kleidung nicht rein.«
»Und wenn wir ...«
»Der Herr Polizeipräsident ist übrigens ein guter Freund von mir und ein Stammgast unseres Hauses. Auch Staatsanwältin Lehner beansprucht immer wieder mal eine Suite im Royal Daily Spa.«
Seine letzten Worte hatte er betont langsam ausgesprochen und Alois Kreithmeier hatte schließlich eingesehen, dass es nichts bringen würde, brachial wie mit einer Brechstange die Staatsmacht durchzusetzen. Er gab sich geschlagen.
»Gut schicken Sie uns den jungen Mann und dann geben Sie halt jedem von uns einen Bademantel. Und der junge Mann soll uns führen, wenn wir mit ihm gesprochen haben. Und etwas zu Trinken. Bitte.«
Der Geschäftsführer nickte zufrieden und verließ das Büro.
»Wolltest du wirklich den Betrieb schließen lassen?«, fragte Melanie ihren Kollegen.
»Wahrscheinlich eher nicht, doch wie die dumme Kuh sich an der Kasse aufgeführt hat.«
»Sie hat doch nur ihren Job gemacht. Das musst du doch verstehen. Und ich würde uns auch nicht in Straßenschuhen hineinlassen. Das geht doch nicht. Und du warst ganz schön pampig.«
»Und wie sich der Herr Geschäftsführer aufgespielt hat. Aaah, der Herr Polizeipräsident macht sehr gerne bei uns mit seiner Gattin einen Aufguss. Und Frau Staatsanwältin beehrt uns mit ihrem jungen kroatischen Knackarsch. Die gute Frau bucht immer wieder sehr gerne bei uns die Sodom und Gomorrha Suite, natürlich nur, wenn die Fetischsuite besetzt ist. Aaaaaahhh.«
»Hör auf jetzt herumzublödeln. Lassen wir das jetzt. Konzentrieren wir uns auf den Saunajünger. Er ist im Moment der einzige Anhaltspunkt. Wir sollten es nicht vergeigen.«
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