Bei oberflächlicher Austrocknung steigt durch Kapilarsogkraft aus dem Untergrund bzw. Grundwasser Wasser nach oben. Erst eine zu lange Trockenheit/Austrocknung führt zu einer solchen Absenkung des Grundwasserspiegels, dass die Kapilarkraft nicht mehr ausreicht, um (für die Pflanzen) Wasser ausreichend nah nach oben (bis zu deren Wurzeln) zu transportieren. Dann erst wird eine Dürre für die Pflanzen und die Pflanzennutzer akut.
Nicht der direkte Niederschlag beziehungsweise seine Menge und Dauer sind wesentlich, sondern der für Pflanzen maßgebliche Grundwasserstand, der natürlich auch im Rahmen der Niederschläge schwankt, aber mit zeitlicher Verzögerung im Rahmen seiner eigenen Kapilarregularien und Bodenschichtungen. Erst ein entsprechender Erosionseinschnitt ( Arroyo ) im Sedimentboden führt durch seine tiefe und schnelle Entwässerung der Sedimentschicht zu einer nachhaltigen Störung bis Zerstörung eines Grundwasserstandes und zu einer Versteppung bis Verwüstung der Landfläche, so wie sie heute im Chaco Canyon mit seinem erosiv bedingten 10 m tiefen und bis 30 m breiten Wash-Einschnitt/- Arroyo zu sehen ist. Zur Zeit der Chaco Kultur floss der Wash mit wechselndem Wasserstand mäandernd und relativ ruhig über die Flutebene des Canyons. Als Anschauungsbeispiel kann der Canyon de Chelly dienen, wo nachweislich in den letzten 2.000 Jahren ca. 2 m Sedimente abgelagert wurden, der jedoch keinen Arroyo wie der Chaco Canyon aufweist und durch seinen mäandernden Wasserlauf für ausreichend Feuchtigkeit für einen, nach heutigen Maßstäben bescheidenen Bodenbau sorgt. Er fiel aber durch große Dürren auch trocken und wurde deshalb von den Anasazi bis/um 1300 u.Z. verlassen.
Klimatische Bedingungen im Bereich des Chaco Canyon
Das Klima ist der durchschnittliche Verlauf oder Zustand des Wetters an einem Ort und meist über einen Zeitraum von Jahren. Es umfasst dem Komplex von Temperatur, Wind/Windgeschwindigkeit und Niederschlag. Diese Daten können für die Vergangenheit durch eine Reihe von Messungen und Untersuchungen, selbstverständlich mit Streuungen, Unsicherheiten und breiter Verallgemeinerung, einer Durchschnittsbildung, bestimmt werden.
Zyklisch auftretende Dürrezeiten sind eine klimatische Determinante des nordamerikanischen Südwestens seit frühen Zeiten bis zur Gegenwart. Schwankungen in den Niederschlägen im zentralen San Juan Becken sind mehr eine Regel als eine Ausnahmeerscheinung. Diese Schwankungen sind in zwei feste Determinaten eingebettet: (1) Sommerwärme und Winterkälte und (2) Aridität. Jede Kultur, die dort entstand, erlebte Dürreperioden und passte sich entsprechend der Zeitperiode und ihrem Kulturstand an diese mit unterschiedlichem Erfolg an, einschließlich der Abwanderung aus dem betroffenen Gebiet.
Durch pollenanalytische Untersuchungen aus dem Südwesten ist belegt, dass die Zeit vom 8. bis zum 12. Jahrhundert u.Z. eine Periode war, in der eine Verschiebung von einem winter-dominanten zu einem sommer-dominanten Niederschlagsregime stattfand. Dabei wurden die Winter etwas milder, die Frühjahrstrockenheit wurde länger und ein größerer Anteil des jährlichen Niederschlags kam in Form intensiver Sommergewitter. Die topographisch bedingten Niederschläge, die ihre Feuchtigkeit aus den Sturmsystemen erhalten, steigen an Bergketten auf und fallen in der Umgebung des Chaco Canyon und sind zumeist Sommer- und Winterniederschläge. Die Niederschlagsmenge steigt mit dem ansteigendem Höhenniveau des Gebietes. Gelegentliche anomale Nordströmungen der innertropischen Konvergenzzone können die Niederschläge in einigen Jahren erhöhen. Der Chaco Canyon liegt im Regenschatten der westlich von ihm aufsteigenden Chuska Mountains. Die Thermikdifferenzen zwischen Mesa-Hochflächen und den Canyons und Nebencanyons gestalten das Niederschlagsgeschehen lokal sehr differenziert.
Gemäß Baumringanalysen galt die Zeit vor 700/800 u.Z. wegen ihrer extremen Wetterwechselhaftigkeit als ungünstig für den Bodenbau; zwischen 800 und 900 u.Z. trat eine klimatische Verbesserung für Bodenbaubedingungen ein, trat der oben genannte Wechsel von winterdominanten zu sommendoninanten Niederschlägen ganz allmählich auf.
Klimaanalysen sind immer mit einer gewissen Zurückhaltung aufzunehmen, denn die Kenntnis über den tendenziellen Verlauf eines Parameters, der Niederschlagsmenge, ist zumindest mit dem zweiten Parameter Temperatur zu einem Komplex zu verbinden. Dazu kommt noch, dass die Datenerfassung über das Bauholz, die zum Bau genutzten Bäume, immer nur auf Proben von den ganz konkreten Wachstumsbedingungen am Baumstandort zurückgreifen kann. Die Wachstumsbedingungen auf der Mesa-Oberfläche, auf einem Schutthang oder auf der Canyonsohle sind für einen Baum sehr unterschiedlich. Man versucht, dies durch eine statistisch große Anzahl von Proben auszugleichen, trotzdem weiß man nicht, aus welchen Wachstumsbedingungen die Holzproben stammen – man kann weder eine gleichmäßige Mischung garantieren, noch eine Homogenität der Wachstumsbedingungen.
Dazu kommen weitere stark beeinflussende Differenzierungen. Die Niederschlagsmenge wird als Jahres durchschnitt angegeben. Damit ist nichts über seine Verteilung über das Jahr gesagt, die mal günstig und mal ungünstig für den Bodenbau mit Ein-Jahres-Pflanzen gewesen sein kann. Das Gleiche gilt für die Temperatur: Der Chaco Canyon weist spürbare klimatische Extreme auf, die der Mensch für sich persönlich abfangen kann (Kleidung, Schutzraum u.ä.), die aber für Pflanzen und ihr Wachstum ungünstig bis vernichtend sind. Die Temperaturextreme liegen heute zwischen -39°C bis +39°C und können an einem einzigen Tag um 33°C schwanken. Die Region hat im Durchschnitt weniger als 150 frostfreie Tage pro Jahr (sehr wesentlich für den Bodenbau!) und die örtlichen Klimaschwankungen wechseln wild von Jahr zu Jahr zwischen reichlichen Niederschlägen und lang anhaltender Trockenheit. Der starke Einfluss der El-Niño-Southern Oscillation trägt maßgeblich zum schwankenden Klima des Canyons bei.
Zu allen diesen Einflussfaktoren kommen noch die topographischen Differenzen der Landschaft hinzu. Die Frostfreiheit wird auf der Mesa sicher später eintreten (und damit die potenzielle Wachstumszeit der Kulturpflanzen verkürzen) als auf dem Canyonboden oder in geschützten Nischen wie Nebencanyons ( Rincons ). Nicht die Niederschlagsmenge selbst spielt die maßgebliche Rolle sondern sie muss als Bodenfeuchtigkeit zur für den Bodenbauer „richtigen“ Zeit am „richtigen“ Ort sein; das gleiche gilt auch für die optimale Wachstums- und Reifetemperatur.
Der „Wert“ des Klimas (gutes oder schlechtes Wetter) wird nach seiner Wirkungsweise auf die Subsistenzbedingungen/Produktionsbedingungen konkreter Menschengruppen in ihrer konkreten Region und Lokalität bestimmt, nicht abstrakt von irgendeiner Temperatur oder von irgendeiner Niederschlagsmenge. Eine Wüste bleibt eine Wüste, selbst wenn dort wegen Unachtsamkeit alle paar Jahre Menschen in einem schon lange ausgetrockneten Wasserlauf – ob Canyon, Klamm oder Wadi – ertrinken, wenn nach einem Gewitterguss eine Flashflut herankommt.
Und ein weiter Faktor ist, wie der Mensch mit „seinem“ Wetter und seinen Schwankungen umgeht, um möglichst gute Subsistenz-/Produktionsbedingungen und damit eine hohe Lebensqualität zu erreichen. Letzteres drückt sich in seiner auch durch die Lokalität geprägten Kultur aus (siehe Flusstal-Oasen).
Die Anfänge der Anasazi-Kultur (ab 1 u.Z.)
Es gibt kaum eine dümmere Formulierung, als von einem „Anfang der Anasazi-Kultur“ zu sprechen. Diese Formulierung suggeriert, dass die Menschen bis zum Tag X praktisch keine Kultur hatten und dann war ganz plötzlich, wie bei einem Eintritt in einen Verein, eine (neue, andere) „Verbandssatzung“ aktuell geworden.
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