Das allmähliche Erkennen kultureller Hintergründe (heidnisch, primitiv! aus der Sicht der frühen Forscher ) war eine sich ergebende Begleiterscheinung. Ungeachtet der Motivation „Artefakt-Erlangung“ ist der physische und geistige Einsatz früher Photographen (Jackson) sowie ernsthafter Amateurarchäologen (Wetherill-Familie, speziell Richard Wetherill) und professioneller Wissenschaftler wie z.B. Mindeleff und Pepper nicht hoch genug einzuschätzen.
Im 19. Jahrhundert entstand auch ein Markt für indianische Artefakte und damit eine Profitquelle, die von Raubgräbern bedient wurde und bis heute noch bedient wird. Auch der Südwesten brachte jetzt seinen Anteil dafür ein. Über den wissenschaftlichen Schaden brauche ich mich hier nicht mehr auszulassen.
Das Gebiet der Chaco-Anasazi
Der Lebensbereich der Anasazi (Abb. 1) in nördlichen Teil des nordamerikanischen Südwestens lag geographisch bis 1300 u.Z. im Wesentlichen auf dem flach schüsselförmigen Colorado Plateau, das Teil des Colorado Dränagegebietes ist und durch verschiedene geologische Aktivitäten spezifische Formen erhalten hat und eine Höhe von durchschnittlich 1.500 m NN (über dem Meeresspiegel/Normal Null) aufweist. Da das Gebiet über weite Bereiche eine höhere durchschnittliche Verdunstung aufweist als die dort auftreffende Niederschlagsmenge, ist dieses Gebiet arid, eine Wüste. Die bestehenden topographischen Differenzen gestalten jedoch das Klima lokal sehr unterschiedlich.
Innerhalb des Colorado Plateaus besteht die geologische Form des ca. 12.000 km² großen San Juan Beckens im östlichen Teil des 64.000 km² großen Dränagegebietes des San Juan River, einem der östlichen Nebenflüsse des Colorado River. Auch diese Region ist topographische durch Erhebungen, Täler und ebene Bereiche sehr unterschiedlich gestaltet und der Chaco Canyon und sein Umfeld im zentralen San Juan Becken (Abb. 1) sind darin ein sehr markantes Gebiet.
Abb. 1 Verbreitungsgebiet der Anasazi-Kultur und der Kulturbereich der Chaco-Anazasi im Mittleren San Juan Becken
Das geologisch profilierte zentrale San Juan Becken ist im Norden vom San Juan River, im Süden vom Dutton Plateau und der Lobo Mesa, im Osten vom Nacimiento Uplift und im Westen von den Chuska Mountains begrenzt. (Abb. 2) Es umfasst den Ober- und Mittellauf des Chaco River, die Chakra Mesa und den Chaco Canyon, das Gebiet südlich und westlich der Chakra Mesa (der sogenannte „Beckenboden“) und das Chaco Plateau südlich der Gallegos Mesa (südlich von Farmington). Dieses Gebiet, der sogenannte Chaco Kern, und der Beckenboden südlich des Canyon ist der Lebensraum der Chaco-Anasazi.
Abb. 2 Das Mittlere San Juan Becken mit dem Wasserlaufsystem des Chaco River mit dem Chaco Wash und der Lage des maßgeblichen Teils des Chaco Canyon; der Bereich des Chaco Canyon National Monuments (= engerer Chaco-Kern) ist dunkel hinterlegt.
Der im Zentrum des San Juan Beckens liegende Chaco Canyon erstreckt sich entsprechend der Länge des ihn durchfließenden Chaco Wash über ca. 40 km. Sein Talboden liegt 45 bis 150 m tiefer als die Oberflächen der umliegenden Sandstein-Tafelberge (Mesas). Das Gefälle des Canyonbodens beträgt 6 m/km. Seine größte Breite misst 600 bis 1000 m. Das Gebiet ist heute mit einem durchschnittlichen Niederschlag von 230 mm/a sehr trocken. Für Trockenbodenbau im nordamerikanischen Südwesten sind mindestens 305 m/a Niederschlag für die zu bewirtschaftenden Flächen erforderlich. Seine bedeutendste archäologische Stätte, das Pueblo Bonito, liegt auf einer Höhe von ca. 1.900 m NN.
Der Canyon mit seiner etwa nordwestlich-südöstlichen Streichrichtung und die ihn umgebenden und markierenden Flachmassive/Tafelberge/Mesas liegen innerhalb des sogenannten Chaco Kerns/„ Chaco Core ", der sich von dem breiteren Chaco Plateau, einer flachen Graslandregion mit heute seltenen Baum-Beständen und einer, auch in prähistorischen Zeiten geringen Besiedlung unterscheidet. Das Tiefland besteht aus Dünenfeldern, Rücken/Graten und Bergen. Die kontinentale Wasserscheide von Nordamerika liegt nur 25 km östlich des Canyons.
Das Kerngebiet der Anasazi-Kultur im Chaco Canyon (Abb. 3) erstreckt sich aber nur über einen 15 km langen Canyon-Teil, wo sich 12 der meist genannten Großhäuser und ca. 160 Kleinhäuser/Einheitspueblos befanden, die zwischen 850 und 1130 u.Z. erbaut wurden. In dem den Chaco Canyon umgebenden Gebiet von ca. 85 bis 90 km² sind weitere 3.000 Wohnstätten mit bis zu maximal 20 Räumen von den Archäologen registriert worden. (Für sogenannte Kleinhäuser gilt als ungefähre obere Grenze eine Anzahl von 50 Räumen, bei mehr als 50 Räumen werden die Bauwerke, mit großem Vorbehalt!, als Großhäuser bezeichnet.) Im Gesamtgebiet, das einmal von der Chaco-Kulturtradition beeinflusst worden war, gibt es ca. 150 sogenannte Chaco-Außenstellen ( outliers ) unterschiedlicher Größe, die bis zu 185 km vom Chaco-Zentrum entfernt liegen. Teilweise ist die Benennung einiger dieser Bauwerke bzw. Stätten als Chaco-Außenstelle oder auch als Großhaus umstritten, wie z.B. die von Wupatki als der möglicherweise westlichsten Chaco-Außenstelle, die ca. 320 km vom Chaco Canyon entfernt liegt.
Abb. 3 Der Unterlauf des Chaco Wash mit der Lage der maßgeblichen Großhäuser und den Wasserabflussgebieten von der Mesa in den Canyon
In anderen Quellen wird die Anzahl der Fundstellen (nicht Wohnstätten!) im Chaco Canyon und seiner näheren(?) Umgebung für die Zeit von 900 bis 980 u.Z. mit ca. 500 angegeben, von denen ca. 350 in die Kategorie Pueblo-Bauten/übertägige Mauerwerksbauten eingeordnet wurden. Die Stättenanzahl sagt nichts über die Anzahl der Pueblo- Räume , deren Funktion und Lebensdauer aus. Für die Zeit um 1050 u.Z. wurden nur 280 Pueblos angegeben, was wiederum nichts über die Anzahl der Räume, deren Funktion, Nutzungs- und Lebensdauer aussagt. Diese Zahl ist demographisch nicht zu interpretieren, sie zeugt nur von einer gewissen Dynamik im Niederlassungsmuster dieses Gebietes. Man vermutet , dass die Bevölkerungsanzahl in diesem Gebiet annähernd konstant geblieben ist.
Grundsätzlich ist für alle von den Anasazi errichteten Bauten festzustellen, dass sie unterschiedliche und vielfältige Funktionen hatten. Die Anzahl der rechteckigen übertägigen Raumzellen in den Anasazi-Bauten können nicht als Maßstab für eine Abschätzung der Bevölkerungsgröße der Niederlassung genutzt werden, denn die „Räume“ hatten von Struktur zu Struktur nicht immer die gleiche Bedeutung/Funktion und sogar innerhalb einer Struktur wechselte die Raumfunktion von Raum zu Raum und gegebenenfalls auch über die Zeit beim gleichen Raum (Umwidmung von Räumen!). Flachdachige rechteckige "Räume" sind keine direkte Widerspiegelung einer Bewohneranzahl der Stätte und je höher ein (mehretagiges) Bauwerk ist, desto vorsichtiger sollt man bei der Zuordnung einer Bewohneranzahl sein.
Der den Canyon durchfließende Chaco Wash ist ein intermittierend Wasser führender und über die Talebene/Flutebene mäandernder Wasserlauf, in den eine Anzahl charakterlich ähnlicher, aber kürzerer Neben“flüsse“ einmündet. Die Wasserführung wurde von der Schmelze der meist allmählich abfließenden winterlichen Niederschläge und von denen der heftigen Sommerniederschläge/Gewitterstürme bestimmt. Über dem Felsbett des Canyons lagern ca. 15 m (einige Quellen sprechen auch von 38 m) mächtige Schuttmassen und alluviale und äolische Erosionssedimente, die von den umliegenden Mesas im Laufe vieler Jahrtausende abgetragen wurden. Für die Nebencanyons und die Lücken ( Gaps ) zwischen den Mesas sind ähnliche Zustände anzunehmen. Dieser Sedimentboden gehört grundsätzlich in die Kategorie der sogenannten „leichten“/tonarmen Böden, die in ihre relativ großen Poren schnell Wasser aufnehmen und bei Trockenheit und Austrocknung keine nennenswerte Rissbildung aufweisen.
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